Korvette "Braunschweig": Europas modernstes Kriegsschiff
VON HELMUT MICHELIS - zuletzt aktualisiert: 19.04.2008 - 11:51Warnemünde (RP). Korvetten der „Braunschweig“-Klasse ersetzen die Schnellboote der Marine. Die neue Schiffsreihe ist hochseetauglich und weltweit einsetzbar. Die erste Fahrt unter schwarz-rot-goldener Dienstflagge führte die „Braunschweig“ aber erst einmal auf die heimische Ostsee.
Warnemünde Korvette – das klingt nach Kapitän Horatio Hornblowers Seeabenteuern zu Zeiten Napoleons. Doch die Korvette „Braunschweig“ ist das Modernste, was die deutsche Marine seit dieser Woche zu bieten hat: Das 90 Meter lange Boot ist für Radar und Infrarot fast unsichtbar, mit weitreichenden Waffen bestückt und nebenbei besonders umweltfreundlich.
Die „Braunschweig“ ist die erste von fünf Korvetten, die bis 2009 in Dienst gestellt werden. Mit dieser Schiffsklasse erweitert die Bundeswehr ihre Fähigkeiten der Krisenreaktion: Die vielseitigen Boote sollen Überwachungsaufgaben in Küstennähe wahrnehmen, Evakuierungsoperationen unterstützen, feindliche Schiffe bekämpfen und – eine Premiere für die deutsche Marine – mit Marschflugkörpern auch bis zu 200 Kilometer entfernte Ziele an Land treffen können.
Von außen betrachtet ist die „Braunschweig“ ein ausgemacht schräges Ding: Die angewinkelten und glatten Flächen sollen Radarstrahlen ins Nichts ablenken. So könnten Gegner günstigstenfalls „die Signatur eines Ruderboots erkennen, niemals ein Schiff dieser Größe“, berichtet Kapitänleutnant Ralf Gröbel, der vom Leitstand im Bauch der „Braunschweig“ aus alle Antriebe steuert, darunter die 20. 000 PS starken Dieselmotoren. Sie können die Korvette auf 50 km/h beschleunigen: Der Turbolader heult, hinter dem Hubschrauberdeck quirlen die Schiffsschrauben aus den behäbigen grauen Wellenbergen einen gigantischen weißen Whirlpool.
Trotzdem liegt die „Braunschweig“ weiter auffällig ruhig im Wasser. Leichter Abgasgeruch zieht übers Deck - auch dahinter steckt moderne Technik: Die Korvette hat keine Schornsteine, sondern leitet ihre Abgase in ein Seewasser-Kühlsystem und stößt sie seitwärts direkt auf die Wasseroberfläche aus. „Die 329 Grad heißen Gase sind dann bereits auf 65 Grad abgekühlt“, so Göbel. Raketen mit Infrarot-Suchkopf, die auf Hitze reagieren, fänden so ihr Ziel nicht.
Preis: 208 Millionen Euro
Schmucklos sieht das graue Traumschiff der Marine aus, obwohl es stolze 208 Millionen Euro gekostet hat. Im Inneren beherrschen Computer-Arbeitsplätze das Bild, ob auf der Brücke oder in der Operationszentrale, wo die „blauen Jungs“ trotz des fensterlosen Raums alles im weiten Umkreis genau im Blick haben.
Denn auf ihren Bildschirmen laufen die Daten der Radargeräte, Sensoren und der Kameras an Bord ein, von hier werden alle Waffen bedient, können Flugkörper abgeschossen und – noch Zukunftsmusik – demnächst die beiden unbemannten hubschrauberähnlichen Aufklärungsdrohnen gesteuert werden. Sie werden eine Beobachtung noch weit über den Horizont hinaus ermöglichen.
Abgedunkelt werden, wie in bisherigen Kriegsschiffen, muss diese Operationszentrale dank ihrer neuen Beleuchtungstechnik nicht mehr. „Das ist hier Internet-Technik wie im Büro“, stapelt Oberleutnant zur See Andreas Werner tief. Der 36-Jährige ist der „ITO“, der Informationstechnikoffizier der „Braunschweig“, also einer der wichtigsten Männer an Bord. Er nennt sein hochkomplexes Computernetz augenzwinkernd „Wundertüte“: „Denn wir entdecken jeden Tag etwas Neues.“
Die Computer berechnen auch den günstigsten Treibstoffverbrauch, was der „Braunschweig“ eine Reichweite von 7500 Kilometer ohne Auftanken ermöglicht. Die einsame Möwe, die über dem Hubschrauberdeck kreist, bleibt ohne Beute: „Müll über Bord“ gibt’s beider Korvette nicht. Der Abfall wird gepresst und gesammelt, das Schmutzwasser erst sauber geklärt – andere Marinen, so Gröbel, seien da längst noch nicht so vorbildlich.
Die Besatzung ist stolz
Der Horatio Hornblower des schwimmenden Hightech-Pakets aus dem 21. Jahrhundert ist Fregattenkapitän Axel Herbst (39). Das „völlig neue Waffensystem“, so der Kommandant, habe Probleme bereitet, „die bei einem Prototypen zu erwarten waren“. So dauerte es nach dem Stapellauf zwei Jahre, bis die Korvette in Dienst gestellt werden konnte.
Doch die 58-köpfige Besatzung ist, wie Obermaat Silvio Günther, mächtig stolz auf ihr noch einmaliges Boot. Das dokumentieren sie auch durch ihr Ärmelwappen auf der Uniform, den roten Braunschweiger Löwen. „Erstbesatzungen werden speziell ausgesucht; es ist toll, dazuzugehören“, erläutert Kapitänleutnant Ingo Jäkel. Hightech sorgt für eine ungewöhnliche Dienstgrad-Schichtung: Gleich elf Offiziere sind an Bord.
Draußen im Dunst ist die Silhouette von Heiligendamm zu sehen, ein Frachter passiert an Steuerbord. Der Offizier auf der Brücke hat den Autopiloten aktiviert und keinen Blick für die Regenschauer draußen. Seekarte aus Papier ade – hier ist die Karte natürlich elektronisch, auch Schiffe werden dargestellt. „Ein Lotsenboot, das mit 14 Knoten Geschwindigkeit Rostock anläuft“, verrät der Mausklick auf eines der grünen Vierecke.
Die „Braunschweig“ hat nächste Woche deutlich weiter entfernte Ziele: Sie nimmt vor Sizilien an einem Seemanöver teil und testet im Roten Meer, ob die technischen Anlagen neben dem ungemütlich nasskalten Ostseewetter auch heißen Wüstenwind verkraften.
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