Clans scheffeln Gewinne: Europas Wirtschaft von der Mafia unterwandert
VON MARTIN KESSLER - zuletzt aktualisiert: 17.08.2007 - 14:44San Luca (RP). Über Europas Wirtschaft hat sich längst ein weites Netz der unterschiedlichen Mafia-Organisationen gelegt. Allein in Deutschland erlöst Italiens Unterwelt rund zehn Milliarden Euro.
„Tapfere Männer“ - so heißt übersetzt die derzeit berüchtigste Mafiagruppe Italiens. Die ’Ndrangheta aus Kalabrien hat sich im Schatten der beiden gefährlicheren Schwestern „Cosa Nostra“ (Sizilien) und „Camorra“ (Kampanien) zur wichtigsten wirtschaftlichen Untergrundorganisation entwickelt. Rund 35 Milliarden Euro setzen die Mafiosi aus Süditalien jährlich um, das meiste mit Drogen (22 Milliarden). Aber auch Manipulationen bei öffentlichen Aufträgen (fünf Milliarden), Schutzgelderpressung (vier Milliarden) sowie Waffenschmuggel und Prostitution (vier Milliarden) bringen satte Erlöse.
Die Kalabresen sind inzwischen klar die Marktführer im 100-Milliarden-Euro schweren illegalen Geschäft in Italien. Und auch in Deutschland, wo nach Schätzung von Experten rund zehn Milliarden Euro - etwa der Umsatz von Aldi Nord - in die Kassen der Mafia fließen, ist die ’Ndrangheta vorne mit dabei. Bislang war es eher ruhig um diese Organisation aus der ärmsten Provinz Italiens. Doch ausgehend von Dörfern wie San Luca, wo die Mafiosi ihr Hauptquartier besitzen, haben die Patrone der großen Clans inzwischen den Kokain-Handel in Europa in ihre Gewalt gebracht. Laut europäischen Drogenfahndern haben die Kalabresen mittlerweile auch die Koka-Mafia in Kolumbien überrundet.
Rund 7000 Menschen stehen nach Angaben italienischer Ermittler im Dienste der ’Ndrangheta. Die stammen aus etwa 100 Clans, deren Oberhäupter auch heute noch zum Großteil in San Luca wohnen. Doch so archaisch es in den Bergen Kalabriens noch zugehen mag, die Macher der Mafia sind weltläufig und global - und für internationale Fahnder schwer zu fassen. Nicht nur nach Deutschland, auch nach Frankreich, Belgien und in die USA reicht der Aktionsradius der Kokain-Milliardäre.
Die Margen sind gigantisch. So kostet ein Kilogramm Kokain auf dem internationalen Markt rund 1600 Euro. 70000 bis 80000 Euro bekommen die Drogenhändler dafür. Meistens ist der Stoff noch mehrfach gestreckt. Die Mafiosi verdienen vor allem an der gefährlichen Überführung der Stoffe. Sie brauchen deshalb ein ausgeklügeltes Logistik-System, um Kokain von den Feldern Südamerikas in die Designer-Cafés Westeuropas zu bringen.
Die Geschäfte folgen deshalb auch modernen Management-Praktiken. Einige Angehörige der mächtigsten Familien haben sich an Elite-Universitäten in der Schweiz, Großbritannien, der USA oder den Niederlanden eingeschrieben. Studiert haben sie Methoden, die man braucht, um ein - wenn auch illegales - Milliardengeschäft erfolgreich zu führen.
Entsprechend professionell waschen die Familien das Geld - vorzugsweise im Ausland. Die Zentralen der ’Ndrangheta sind Lugano und Zürich, aber auch Deutschland. Dort haben die eifrigen Kalabresen zuletzt Häuserblocks, Restaurants und Hotels in Ostdeutschland gebaut. Die werden nicht nur von der „ehrenwerten Gesellschaft“ betrieben. Baufirmen mit Mafia-Beteiligung besorgen gleich die Aufträge mit.
So vernetzt das System international ist, die Fahnder schmoren im nationalen Saft. Oft wissen die italienischen Ermittlungsbehörden nicht, was die deutschen herausbekommen und umgekehrt. In Italien gelten die deutschen Ermittler in Sachen Mafia auch als denkbar naiv. Wohl auch deshalb eignet sich Deutschland gut als Ruhe- und Investitionsraum der Mafia-Organisationen.
Kalabrien selbst scheint völlig in der Hand der Mafia zu liegen. 70 Prozent der Unternehmen, so schätzen Ermittler, zahlen Schutzgeld. Und die restlichen 30Prozent gehören der ’Ndrangheta ohnehin.
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