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Spekulationen um Eurowings-Piloten
So berichtet ein Augenzeuge vom gecancelten Türkei-Flug

Eurowings: Augenzeuge erzählt vom gecancelten Flug Stuttgart-Ankara
Leitwerk einer Eurowings-Maschine (Archiv). FOTO: dpa, his pat fgj
Stuttgart. Der gecancelte Eurowings-Flug 4U2904 von Stuttgart nach Ankara sorgt weithin für Aufregung. Laut Eurowings war der Pilot krank. Fluggäste berichten hingegen, dass der Pilot aus Angst um sein Leben den Türkei-Flug verweigerte. Von Beate Wyglenda

Auch Adnan Celik (Name geändert) bekam diese Information vom Bodenpersonal der Airline. "Ich habe von der Dame am Eurowings-Schalter erfahren, dass der Pilot nicht in die Türkei fliegen wollte, weil er sich dort nicht sicher fühle", sagte Celik unserer Redaktion.

Der 39-jährige Deutsch-Türke hatte seine Schwiegereltern zum Flughafen nach Stuttgart gefahren, die nach vier Monaten in Deutschland nun wieder in die Türkei fliegen wollten. Als die Fluggäste zwei Stunden vor dem Start nach Ankara am Terminal ankamen, erfuhren sie zuerst von anderen Passagieren von der Annullierung des Fluges. "Wir haben uns für die Gepäckaufgabe am Eurowings-Schalter in die Schlange gestellt", erzählt Celik. "Vor uns stand ein Ehepaar, das zu uns sagte: 'Da können Sie lange warten'".

Angeblich habe der Pilot persönlich rund drei Stunden vor Abflug den Fluggästen gesagt, er traue sich aus politischen Gründen nicht, in die Türkei zu fliegen. Celik war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor Ort. "Ich selbst habe mit keinem Piloten gesprochen", ergänzt er. Dafür fragte der selbständige Handwerker beim Bodenpersonal am Eurowings-Schalter nach.

Der offiziellen Begründung der Fluggesellschaft für die Annullierung glaubt der 39-Jährige nicht. Von einer Krankmeldung sei am Terminal niemals die Rede gewesen. 

Piloten ist es gestattet, Flüge aus Sicherheitsbedenken abzulehnen

Jörg Handwerg von der Pilotenvereinigung Cockpit bezweifelt derweil, dass das Bodenpersonal Angaben darüber machen konnte, aus welchen Gründen der Pilot den Flug nicht angetreten hat. "Piloten melden sich bei den Check-In-Schaltern nicht ab. Es wäre ungewöhnlich, wenn das Bodenpersonal über die Gründe Bescheid wüsste", sagt er. 

Grundsätzlich sei es Piloten aber gestattet, Flüge aus Sicherheitsbedenken abzulehnen. "Bei vielen Airlines gibt es definierte Krisen- oder Kriegsgebiete – das Flugpersonal kann dann angeben, in diese Gebiete nicht fliegen zu wollen", sagt Handwerg. Auch bei persönlichen Sicherheitsbedenken – beispielsweise eines israelischen Piloten, der in ein arabisches Land fliegen soll – darf das Personal von dem Flug zurücktreten.

Meist tragen sich die Mitarbeiter in entsprechende Dauerlisten ein. "Spitzt sich ein Konflikt zu, kann das Flugpersonal aber auch kurzfristig von dem Flug zurücktreten", erklärt Handwerg. 

Eurowings dementiert Weigerung des Piloten 

Eurowings dementiert, dass Flug 4U2904 aufgrund einer Weigerung des Piloten ausgefallen sei. Stattdessen soll der Pilot kurzfristig krank geworden sein. Auf Anfrage unserer Redaktion sagte Eurowings-Sprecherin Katharina Muschalla: "Leider ist die Krankmeldung so kurzfristig eingetroffen, dass es nicht mehr möglich war, einen Ersatz bereitzustellen." Zwar sei versucht worden, die Passagiere umzubuchen. "Da die Flüge in den Sommerferien aber weitgehend ausgebucht sind, konnten wir die Fluggäste nicht in anderen Maschinen unterbringen."

Celik ärgert sich über die ersatzlose Streichung des Fluges: "Eine so große Fluggesellschaft wie Eurowings muss doch einen Ersatzpiloten haben oder einen Ersatzflug anbieten können", sagt er.

Ähnlich verärgert waren auch die anderen Fluggäste am Stuttgarter Flughafen. "Ein Mann erzählte mir, dass er schon lange keinen Urlaub mehr hatte und sich schon das ganze Jahr auf die Reise in die Türkei freute", sagt Celik. "Andere Leute sind aus Köln oder Hannover angereist, teils mit kleinen Kindern, und saßen dann fest."

Polizei war vor Ort

Auf Fotos in den sozialen Netzwerken ist zu sehen, dass Polizisten am Terminal vor Ort waren und mit den Fluggästen sprachen. Auch Celik bestätigt das. "Es gab kein Geschrei, keinen Aufstand", sagt er. "Die Polizisten waren alle sehr nett." Einer von ihnen habe Celik versucht zu beschwichtigen: "Die Gesellschaft könne in so einem Fall ja nichts machen." Doch Celik will künftig nicht mehr bei Eurowings buchen.

Die Diskussionen in den sozialen Netzwerken hält er trotzdem für übertrieben. Dort werden unter anderem Rassismusvorwürfe laut. Einige türkischstämmige Nutzer haben sogar zum Boykott aller deutschen Fluggesellschaften aufgerufen. "Wenn eine Firma einen Fehler macht, kann man das doch nicht auf alle deutschen Firmen übertragen", sagt Celik. "Ich verstehe, dass die Leute verärgert sind. Aber wegen einer Person sollte jetzt kein Streit zwischen Deutschen und Türken aufkommen."

Celiks Schwiegereltern sahen die Flug-Annullierung übrigens gelassen. "Sie sind Rentner. Ihnen ist es egal, ob sie ein paar Tage früher oder später in die Türkei fliegen", sagt der 39-Jährige. Gebucht haben sie den neuen Flug aber bei Turkish Airlines.     

 
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