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Evangelischer Kirchentag
Nickels nächstes Leben

Evangelischer Kirchentag: Was macht eigentlich Nikolaus Schneider?
Ex-EDK-Präses Nikolaus Schneider gab sein Amt auf, nachdem seine Frau an Brustkrebs erkrankte. FOTO: dpa, mku lre soe
Stuttgart. Was macht eigentlich Nikolaus Schneider – ein Jahr nachdem die Krebserkrankung seiner Frau Anne seine Lebensplanung über den Haufen geworfen hat? Er schwitzt auf dem Kirchentag. Er wird gefeiert wie ein Star. Er kann noch nicht so ganz loslassen. Er lässt sich von Kritik nicht beirren. Und vielleicht beginnt bald noch einmal etwas Neues. Von Frank Vollmer

Bibelarbeit mit Nikolaus Schneider? "Nää, muss ich nicht haben", sagt die Frau in der U11 auf dem Weg zum Kirchentagsgelände zu ihrem Mann. "Das muss ja nicht unbedingt depressiv werden, aber…" In dem, was nicht mehr gesagt wird, steckt das Drama des Ehepaars Nikolaus und Anne Schneider: Vor fast genau einem Jahr wurde bei ihr Brustkrebs festgestellt; er gab deshalb sein Amt als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf, um seiner Frau beizustehen. Im Frühsommer 2015 sieht es medizinisch gut aus bei Anne Schneider; daher sind auch beide zum evangelischen Kirchentag nach Stuttgart gekommen.

Depressiv wird es bei der Bibelarbeit der beiden Schneiders (sie machen das auf Kirchentagen immer gemeinsam, wie sie fast immer gemeinsam irgendwo auftauchen) übrigens nicht, eher im Gegenteil: Die Musik ist fröhlich, fast ausgelassen, das Veranstaltungszelt voll, das Volk wippt im Takt, trotz der Hitze ist die Stimmung gut. Am Ende wird Nikolaus Schneider sogar für ein Selfie mit einer jüngeren Kirchentagsbesucherin posieren müssen, und man wird den beiden stehend applaudieren. Das passiert sonst eigentlich nur bei Margot Käßmann.

Bibelarbeit zum Thema "Tod"

Das Thema ist nicht eben von der heiteren Sorte, aber es ist so recht nach Schneiders Geschmack, denn es ist mit der Krankheit seiner Frau zu seinem Thema geworden: Sterben, Sterbebegleitung, Sterbehilfe. Auszulegen ist das Gleichnis der klugen und törichten Jungfrauen – am Ende bleiben die törichten, die die Ankunft des Bräutigams verpasst haben, weil sie noch Öl für ihre Lampen besorgen mussten, ausgeschlossen vom Hochzeitsmahl.

Das sei "harter Tobak", sagt Nikolaus Schneider, eine "erschreckende und verstörende Erkenntnis: Es gibt eine verschlossene Tür, ein endgültiges Zu spät." Natürlich ist die Geschichte ein Gleichnis für den Tod und das ewige Leben, für "Gericht und Verwerfung", wie Schneider sagt. Für ihn ist der Text eine Aufforderung zu Gerechtigkeit und Barmherzigkeit im Diesseits: "Es ist nicht gleichgültig, wie wir vor unserem Tod leben."

Erster Kirchentag ohne Amt

Und Schneider wäre nicht Schneider, würde in den 2000 Jahre alten Text nicht eine persönliche Ebene einziehen: "Die Beziehungen zu nahen Menschen gehören für mich zu meinem Ölvorrat", sagt er und meint den vergangenen Sommer, da nicht klar war, ob Anne Schneider im Juni 2015 überhaupt noch leben würde. "Ich bin dankbar", sagt er, "dass uns offensichtlich doch noch ein längeres irdisches Liebesglück geschenkt ist und unser Sterbeglück noch nicht ansteht." Und sie sei dankbar, fügt seine Frau hinzu, "dass Nikolaus vom Ratsvorsitz zurückgetreten ist". Mehr als 40 Jahre sind die beiden nun verheiratet.

Stuttgart ist Schneiders erster Kirchentag seit Jahrzehnten ohne ein Amt in der rheinischen Landeskirche oder in der EKD. Es gibt zwar einen Fahrdienst, der die beiden von Veranstaltung zu Veranstaltung bringt – aber sonst sind sie Gäste wie alle anderen, formal zumindest. "Es ist schön, wieder dabei zu sein", sagt Schneider, auch wenn das Programm furchtbar dicht getaktet sei. Er schwitzt in seinem dunklen Anzug und unter dem Strohhut. Seit zwei Jahren wohnen die beiden in Berlin. So richtig loslassen könne und wolle "Nickel" noch nicht, sagt Anne Schneider ("Er mischt eben schon noch gerne mit"), auch wenn er in der Hauptstadt als Opa ziemlich gefordert sei, denn dort wohnt eine der Schneider-Töchter mit drei Kindern. Er hat auch durchaus noch Zeit dafür, denn die mehrmonatige Italienreise mussten die beiden auf 2016 verschieben, weil Anne Schneider noch regelmäßig zur Behandlung muss.

Debatte über Sterbehilfe

Die Schneiders haben im vergangenen Sommer, direkt nach der Krebsdiagnose, mit zwei Interviews eine Debatte angestoßen über Sterbehilfe – sie würde auch in die Schweiz fahren, um sich dort das Leben zu nehmen, wenn ihr Leiden unerträglich würde, hat Anne gesagt; er lehne das ab, würde sie aber aus Liebe begleiten, hat Nikolaus gesagt. Die Schneiders konkretisierten damit ein Thema, das längst in der Luft lag. Trotzdem haben viele, auch in seiner eigenen Kirche, Schneider diese Interviews übelgenommen. Als angebliche Unterminierung der kirchlichen Position, als unangemessene Profilierung, kurz: als unzulässige Vermischung von Person und Beruf. Schneider hat die Kritik nie nachvollziehen können, weil bei ihm Theologie und Biografie ohnehin nie zu trennen waren – weder im Pfarramt in Rheinhausen noch nach dem Krebstod seiner Tochter.

Und er macht damit auch in Stuttgart weiter. "Wir Christen haben ein Transitvisum durch den Tod", sagt Schneider: "Ich könnte ohne diese Hoffnung nicht denken, weder theologisch noch politisch." Seine Frau packt den Schluss aus der "intensiven Lebenserfahrung des vergangenen Jahrs" in die prophetische Formel: "Die Tür des Heils ist geöffnet."

Diskussion mit seiner Frau

Schneider wäre auch nicht Schneider, wenn er auf dem Kirchentag nicht seiner Maxime treu bliebe, dass sich Glaubenssätze immer in der Realität bewähren müssen. "Wir dürfen nicht hartherzig sein", sagt er bei einer Diskussionsrunde, auch nicht bei Suizid und Sterbehilfe: "Wir müssen in Liebe bei den Menschen bleiben."

Wie weit das gehe, ob das auch heißen könne, das tödliche Medikament zu kaufen, wisse er selbst noch nicht so genau, sagt Schneider, obwohl klar sei:  "Einen anderen Menschen zu töten, kann ich mir als Akt der Barmherzigkeit nicht vorstellen." Keine aktive Sterbehilfe also. Seine Frau, die in der ersten Reihe vor der Bühne sitzt, sieht das anders: "Warum denn nicht?", sagt Anne Schneider laut. "Du bist auch nicht DIE Kirche."

Schneiders Lebensplanung in Stuttgart kein Thema

Die Schneiders streiten sich nach wie vor über letzte und vorletzte Dinge, und es geht ihnen gut damit. Sie haben sich ja vorerst noch zum Streiten. Zu klären ist auch noch eine ganz profane Sache: Bleiben sie in Berlin, oder kehren sie jetzt, frei von den meisten Verpflichtungen und nach einem Ende der Therapie, ins Rheinland zurück, womöglich in die Duisburger Heimat? Beide sind jetzt 67, da kann man gut noch mal umziehen. Wie gesagt, da sind ja die Enkel in Berlin. Aber in Essen, bei der anderen Tochter, steht auch eine Geburt an; praktisch stündlich kann es so weit sein. Als Schneider vor zwei Wochen einen Preis des Bistums Essen verliehen bekam, hielt er eine Dankesrede, die den Satz enthielt "Da weiß man, wo man hingehört"  - viele Zuhörer, auch seine Frau, haben das als Hinweis verstanden, dass es den Rheinländer ins Rheinland zurückzieht.

Schneiders Lebensplanung ist in Stuttgart kein Thema, wohl aber seine Wünsche für den Tod. Er wolle nicht allein sterben, sagt er in der Diskussionsrunde, und am besten "alt und lebenssatt". Bis dahin hat der Ruheständler Nikolaus Schneider noch ein bisschen vor. Ein Termin zum Beispiel steht schon: 24. Mai 2017. Dann beginnt der nächste Kirchentag. In Berlin. Beide wollen natürlich dabei sein. Egal, ob sie sich dann nur in die U-Bahn setzen müssen oder ob sie quer durch die Republik anreisen.

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