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Schweinegrippe: Experten warnen vor Massen-Impfung

zuletzt aktualisiert: 02.08.2009 - 18:59

Düsseldorf (RPO). Länder und Bund bereiten sich für den Herbst auf eine mögliche Massen-Impfung gegen die Schweinegrippe vor. Fachleute äußern erhebliche Bedenken. Zentrales Argument: eine solche Impfung sei angesichts des harmlosen Krankheitsverlaufs nicht verantwortbar. EU-Gesundheitspolitiker streiten derweil um das mögliche Ausmaß der Epidemie.

Der Herausgeber des pharmakritischen "Arznei-Telegramms", Wolfgang Becker-Brüser, sagte dem "Spiegel": "Was wir hier erleben, ist ein Großversuch an der deutschen Bevölkerung." Die Sicherheitstests der Musterimpfstoffe seien nicht besonders umfangreich gewesen. Nur häufige Nebenwirkungen, die mindestens bei einem von hundert Geimpften auftreten, sollten demnach erkannt werden. Dies bedeute rechnerisch, dass bei 25 Millionen Geimpften fast 250.000 eine schlimme Impfreaktion erleiden könnten, ohne dass dies zuvor in den Studien aufgefallen wäre. In Deutschland soll rund ein Drittel der Bevölkerung geimpft werden.

Der Virologe Alexander Kekulé sagte dem "Tagesspiegel am Sonntag", es müsse angesichts der Erfahrung, dass die Erkrankung meist harmlos verlaufe, diskutiert werden, ob man bei der Zulassung von Impfstoffen "nun nicht noch ein paar zusätzliche Sicherheitsebenen einzieht". Der Bremer Pharmakologe Peter Schönhofer sagte dem Blatt, in den USA sei bereits in den 70er Jahren ein Impfstoff gegen Schweinegrippe zurückgezogen worden, da es dort bei Impfungen zu einer auffälligen Häufung überschießender Immunreaktionen mit Nervenlähmungen gekommen sei. Der Impfstoff, mit dem nun die neue Grippe bekämpft werden solle, sei "nach dem selben Strickmuster" gebaut.

Anstieg auf eine Million im Herbst

Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Europäischen Parlament, Jo Leinen (SPD), sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", er erwarte im Herbst einen Anstieg der Schweinegrippe-Fälle in Europa von derzeit 24.200 Fällen auf eine Million Erkrankte. Dies sei sogar "sehr konservativ" geschätzt. Die Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Dagmar Roth-Behrendt (SPD), sagte dagegen, sie würde heute "niemals" eine Zahl nennen. "Sicher ist die Schweinegrippe eine gefährliche Infektion, aber das ist auch kein Grund, Panik zu schüren", sagte Roth-Behrendt, die ebenfalls im Gesundheitsausschuss des EU-Parlaments sitzt.

Laut Jo Leinen sollen 150 Millionen Europäer mit einem Impfstoff gegen das Schweinegrippe-Virus A (H1N1) versorgt werden. "Wir sind sehr beunruhigt, dass die Hersteller des Impfstoffes uns immer wieder vertrösten: Erst hieß es, das Serum kommt im September, dann im Oktober und nun scheint er erst im November zur Verfügung zu stehen", sagte Leinen. Dies sei aber "definitiv zu spät".

Streit um Kosten

Wie der "Spiegel" berichtet, sind die vom Gesundheitsministerium angegebenen Gesamtkosten von rund 650 Millionen Euro nur realistisch, wenn die Impfung von den Gesundheitsämtern vorgenommen werde. Wenn dagegen die niedergelassenen Ärzte die Impfung vornähmen und der Impfstoff über die Apotheken bestellt würde, werde die Impfung mehr als eine Milliarde Euro kosten.

Die Bundesärztekammer forderte dagegen, die Massenimpfungen nicht allein den Behörden zu überlassen. "Wir tun uns und den Betroffenen keinen Gefallen, wenn wir lange Schlangen vor den Gesundheitsämtern produzieren", sagte Vizepräsident Frank-Ulrich Montgomery dem "Tagesspiegel". "Wir brauchen die Option, dass diese Menschen dort geimpft werden, wo sie sowieso hingehen: bei ihrem behandelnden Arzt."

Quelle: AFP/pst

 
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