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Tausende reagieren bei Facebook bewegt
Ein Arzt schildert seine "ungefilterte" Wahrheit über Flüchtlinge

So sehen Schüler die Flüchtlinge
So sehen Schüler die Flüchtlinge FOTO: RP
Düsseldorf. Ein Arzt aus einem Erstaufnahmelager sorgt mit einem Posting bei Facebook für Aufsehen. Darin spricht er schonungslos über seine Erlebnisse und geht mit der Anspruchshaltung der Deutschen ins Gericht.

Am Donnerstagabend veröffentlichte Raphaele Lindemann auf Facebook ein langes Statement. Fast 250.000mal wurde es geteilt. Sein Text bewegt Tausende.

Anlass: die emotionale Debatte in Deutschland über den Umgang mit Flüchtlingen. Seit vier Wochen sei er nun im Einsatz, nun will er seine Eindrücke schildern. "Ungefiltert", wie er schreibt. "Das heißt im Klartext, dass man hier einen Eindruck in Reinform über die tatsächliche Situation der ankommenden Flüchtlinge erhält."

Zu 40 Prozent Kinder

Dann schildert er in einigen Beispielen, was er tagtäglich erlebt. Sehr direkt, sehr authentisch, schonungslos. Dass es zu 40 Prozent Kinder sind, die er versorgt und eben nicht fast ausnahmslos junge Männer, wie so oft zu lesen ist. Dass vier Wochen alte Säuglinge mit einer Lungenentzündung dazugehören, eingewickelt in feuchte Kleidung, begleitet von Mutter und Geschwistern, einem Einjährigen und einer Vierjährigen. Der Vater in Syrien getötet.

Er verwahrt sich gegen die vielfach verbreiteten Vorwürfe, Flüchtlingshelfer seien weltfremde "Gutmenschen." "Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine "naive rosarote Gutmenschbrille" zu schauen."

Am Ende wird er bitterböse

In aufgebrachtem Ton geht er auf zahlreiche Argumente der Flüchtlingsdiskussion ein, prangert Scheinheiligkeit, vorschnelles Urteilen und zweierlei Maß in der Debatte an. Dass Menschen sich bei Facebook über Tierquälerei empören, aber Flüchtlinge an den Grenzen "krepieren" lassen. Dass man mit dem Schließen von Grenzen keine Probleme löse.

Seine langes Posting endet mit einem bitter zynischen Angriff auf all jene, die Flüchtlingen unterstellen, sie kämen nur wegen der Sozialhilfe nach Deutschland. Er erzählt von einer jungen Schwangeren, die keine Kindsbewegungen mehr gespürt habe. Ihre zwei anderen Kinder seien bereits auf der Flucht im Meer ertrunken. "So eine Sozialschmarotzerin aber auch!"

Liebe Leute,nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur...

Posted by Raphaele Lindemann on  Donnerstag, 28. Januar 2016

Am Samstag zeigte sich Lindemann von der gewaltigen Resonanz schwer beeindruckt. Auf seinem Facebook-Profil teilte er mit, er werde aktuell mit tausenden Nachrichten bombardiert. Er bittet um Verständnis, dass es ein paar Tage dauern werde, bis er darauf antworten könne.

Nach Recherchen von Faz.net ist die Identität Lindemanns echt. Er arbeitet demnach in einem Lager im bayerischen Erding und habe das Statement in Absprache mit der Leitung verfasst. Am Sonntagnachmittag war auf Anfrage unserer Redaktion niemand von der Lagerleitung zu erreichen.

(pst)