| 17.41 Uhr

Fall Peggy Knobloch
Thüringer Polizei rollt ungeklärte Kindsmorde neu auf

Der Fall Peggy - eine Chronologie
Der Fall Peggy - eine Chronologie
Erfurt/Gera/Bayreuth. Im Fall Peggy führen neue Erkenntnisse zu vielen neuen Fragen. Brisante DNA-Spuren am Fundort der getöteten Schülerin stellen die Ermittler vor Rätsel. Horst Seehofer setzt auf Klärung in weiteren Ermittlungen, die Thüringer Polizei will zudem ungeklärte Tötungsdelikte neu aufrollen.

Zu der Frage, wie DNA von NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt an den Fundort von Peggys Skelett gelangen konnte, gibt es bisher nur vage Theorien. Mehrere Erklärungen sind möglich. Anwälte von Angehörigen der NSU-Opfer im Münchner NSU-Prozess um die rechtsextreme Mordserie und Mitglieder diverser Untersuchungsausschüsse kündigten Fragen oder Beweisanträge an. 

Bei der Thüringer Polizei soll eine neue Sonderkommission ungeklärte Morde an Kindern seit 1990 neu untersuchen. Damit ziehen die Ermittler die Konsequenzen aus dem Fund einer DNA-Spur des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt in der Nähe der sterblichen Überreste der getöteten neunjährigen Peggy aus Bayern, wie Innenminister Holger Poppenhäger (SPD) am Freitag mitteilte.

"Jetzt ergibt sich durch den Fund die Chance, bei den wenigen unaufgeklärten Fällen den Faden wieder aufzunehmen", erklärte er. Die Sonderkommission bei der Landespolizei Jena soll ihre Arbeit am kommenden Montag beginnen und mit der Staatsanwaltschaft Gera zusammenarbeiten.

Rund 70 ungeklärte Todesfälle seit der Wende

Gleichzeitig solle sie die Ermittlungsarbeit der bayerischen Behörden im Fall Peggy unterstützen, sagte Poppenhäger. Wie viele derartige ungeklärte Tötungsdelikte im Freistaat es gibt, ist unklar. Bekannt sind die Fälle des neunjährigen Bernd Beckmann in Jena, der im Juli 1993 zunächst verschwunden war und zwölf Tage später tot am Ufer der Saale in einem Gebüsch gefunden wurde.

Chronologie: Was nach dem NSU-Desaster geschah FOTO: dpa, fpt fdt

Böhnhardt war von einem selbst in Verdacht geratenen Schulfreund des Mordes an dem Kind bezichtigt und von der Polizei vernommen worden – allerdings ohne greifbares Ergebnis.

Nie gefasst wurde auch der Mörder der zehnjährigen Ramona Kraus aus Jena-Winzerla, die im August 1996 verschwand. Im Januar 1997 wurde in einem Waldstück bei Eisenach die Leiche des Mädchens entdeckt. Ein Sprecher des Innenministeriums sagte, im gesamten Freistaat habe es seit der Wende etwa 70 ungeklärte Todesfälle gegeben, drei davon hätten sich in der Region Jena zugetragen. Wie viele dieser Getöteten Kinder waren, konnte er nicht sagen.

Seehofer setzt auf weitere Ermittlungen im Fall Peggy

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) setzt nach der Entdeckung von DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt am Fundort der getöteten Schülerin Peggy auf Klärung in weiteren Ermittlungen. "Zunächst will man das nicht glauben, dass da ein Zusammenhang bestehen kann", sagte Seehofer am Freitag in Berlin. Es wäre schrecklich, wenn es der Fall wäre.

Man müsse aber abwarten, was man wirklich handfest schlussfolgern könne. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte bereits neue Ermittlungen angekündigt. 

Peggys Mutter tief erschüttert über DNA-Fund

Peggys Mutter ist über die neue Entwicklung im Fall ihrer toten Tochter bestürzt. "Dass nunmehr eine DNA-Spur auf Uwe Böhnhardt und damit eventuell auf die NSU-Szene verweist, hat meine Mandantin tief erschüttert und viele neue Fragen aufgeworfen", teilte ihre Anwältin Ramona Hoyer am Freitag mit. "Meine Mandantin benötigt Zeit, diese neuen Entwicklungen zu verarbeiten."

Seit dem Verschwinden Peggys 2001 und dem Auffinden der Skelettteile im Juli dieses Jahres hoffe ihre Mandantin, dass die Umstände des Todes ihrer damals neunjährigen Tochter vollständig geklärt werden können. Fraglich sei unter anderem, was die Ermittler zum Alter der DNA-Spur wissen, ob es möglicherweise eine Verunreinigung der Spur gibt und wann, wo und vor allem wie sich Peggy und Uwe Böhnhardt begegnet sein könnten.

"Es gibt derzeit noch zu viele Möglichkeiten, wie die Spur an den Fundort von Peggys sterblichen Überresten gelangt sein kann", so Hoyer. Weitere Erklärungen würden nicht abgegeben.

Am Donnerstag war bekanntgeworden, dass am Fundort der Skelettteile des 2001 neunjährigen verschollenen Mädchens Peggy aus Oberfranken Genmaterial des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt entdeckt worden war.

(isw/dpa)
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Fall Peggy Knobloch: Thüringer Polizei rollt alte Fälle neu auf


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.