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Essay
Familien brauchen Zeit

Essay: Familien brauchen Zeit
Familie sein ist oft anstrengend. Und immer wieder wunderschön. FOTO: dpa
Düsseldorf. Familien haben es schwer in der Leistungsgesellschaft. Ihnen fehlt Gelegenheit zum Zusammensein, weil das Zusammensein Geld kostet. Die Belastungen sind enorm - finanziell ebenso wie gesellschaftlich. Von Philipp Holstein

Es gibt so tolle Familien-Momente, diesen einen etwa, wenn du deinem Sohn eine Kugel Eis kaufst und er sich für Erdbeer entscheidet. Er probiert sie und denkt nach, und du siehst, wie sich die Zahnräder in seinem Kopf drehen und ineinanderfassen, und er fragt, ob Erdbeer entsteht, indem man Banane mit Kirsche mischt. Du schmilzt dahin, sozusagen, es wird warm in deinem Oberkörper, und am liebsten würdest du nicken, weil die Idee so super ist: Kirsche + Banane = Erdbeer. Du fragst dich, warum du so etwas nicht öfter erlebst.

Zeit hat kaum einer

Leider passieren solche Momente nicht so oft, nicht oft genug. Man kann sie nicht forcieren, sie müssen sich ergeben, sich entfalten. Sie brauchen Zeit, aber Zeit bleibt kaum einer Familie. Das ist das, was so schwierig daran ist, Kinder zu haben und eine Familie zu sein: dass alle dir Zeit wegnehmen. Der Arbeitgeber, die Bank, der Kapitalismus und man selbst auch, denn man ist ja nicht nur Vater, sondern auch Freund, Fan, Verliebter und Fantast. Väter (und Mütter sicher auch) haben ein Engelchen und ein Teufelchen auf ihren Schultern sitzen, und das Teufelchen hat meistens mehr Muskeln als das Engelchen, einen größeren Mund auch und einen Knüppel. Und immer wenn das Engelchen flüstert, dass man mal für die Liebsten da sein müsse, prügelt das Teufelchen das Engelchen nieder und brüllt etwas ganz Schlimmes wie: "Dann wird er aber bald arbeitslos!"

Familie sein ist anstrengend. Dass das keine Jammerei ist und auch kein Ausdruck von Verweichlichung, sondern Tatsache, merkt man, wenn man mit den eigenen Eltern spricht. "Ich bin froh, dass ihr erwachsen seid, ich würde das heute nicht mehr machen wollen", sagte neulich mein Vater und meinte das Kinder-Großziehen. Er ist 90, hat historische Verheerungen erlebt, man muss nur mal gucken, was im 20. Jahrhundert los gewesen ist, und dennoch bedauert er die Nachgeborenen. Irre.

"Mir ist schlecht"

Es könnte daran liegen, dass sich in den vergangenen 60 Jahren das Gesellschaftsmodell, in dem wir leben, radikal verändert hat. Wir leben in der "flüssigen Moderne", wie der Soziologe Zygmunt Bauman unsere Zeit nennt. Das heißt, dass man sich am besten nicht festlegen soll, um flexibel und wandlungsfähig bleiben zu können. Familie lässt sich mit dieser Forderung nicht gut vereinbaren, denn Familie ist totale Festlegung, fester geht es nicht: Vater bleibt man immer. Zudem ist Familie eine einzige Unwägbarkeit. Mit nur drei Wörtern kann ein Kind am Frühstückstisch den unaufschiebbaren Job-Termin platzen lassen: "Mir ist schlecht." Das beschleunigte Leben wirkt auf die Familie. Es gibt kaum noch Räume, in denen man vor der Zudringlichkeit des Alltags geschützt ist. Ständige Erreichbarkeit ist nur ein Aspekt. Als Vater ist man immer auch Ritter, ein Ritter, der das weiße Rauschen auf Abstand halten muss. Allein, es gelingt nur selten.

Gewissensbisse und Zukunftsangst 

Das Leben von Angestellten in durchschnittlich honorierten Berufen ist darauf angelegt, dass beide Elternteile arbeiten. Sie müssen ins Büro, manchmal auf Dienstreise, sie müssen samstags Mails beantworten und plagen sich auch sonntags mit Problemen herum, die sie am Montag gelöst haben sollten. Wer sich freimacht von allen Zuschreibungen, wird mit Gewissensbissen und Zukunftsangst bestraft. Man ist kaum je alleine, immer ist jemand da, der ins Familienleben hineinquatscht, der keine Ruhe lässt und Gemütlichkeit und Geborgenheit gar nicht erst aufkommen lässt - einer von der Arbeit, vom Finanzamt, aus den Ratgeberkolumnen der Magazine oder das Teufelchen auf der Schulter.

Wenn die Eltern arbeiten, müssen die Kinder betreut werden, irgendjemand muss sich um den Haushalt kümmern, und beides kostet Geld, das man erst noch verdienen muss, und verdienen kann nur, wer einen Job hat und ihn auch behält, und so rennt man im Kreis. Kindergärten und Schulen fordern immer stärkere Beteiligung der Eltern, also bastelt man Laternen und schenkt am Wochenende auf dem Schulfest Kaffee aus. Bitte nicht missverstehen: Solches Dabeisein ist total schön. Aber es muss organisiert werden. Und irgendwann würde man gerne auch mal schlafen.

Recht auf Selbstverwirklichung

Hinzu kommt etwas an sich Schönes, das zu Schwierigkeiten führt: Jedes Familienmitglied fordert sein Recht auf Selbstverwirklichung ein. Die Erwachsenen jagen ihrem je eigenen Ideal des erfüllten Lebens hinterher, auch in puncto Erziehung, und auf die Bedürfnisse der Kinder wird stärker Rücksicht genommen als je zuvor. Das ist eine Errungenschaft, und sie führt dazu, dass Familien sich eher als Lebensgemeinschaften von Individuen definieren lassen denn als Verbund, der wie einst von einem Oberhaupt regiert wird. Das ist gut. Und diskussionsintensiv und aufwendig.

Der Philosoph Dieter Thomä hat geschrieben, die Bindungen der Familie lägen quer zur Leistungsgesellschaft, und die Genüsse, die das Familienleben bieten könne, passten nicht zum Konzept des Kapitalismus. Man könnte sagen: Die Welt ist ziemlich familienfeindlich.

Und genau das ist es auch, was Familienleben so aufregend macht. Dass man ein Statement abgibt und sich bekennt, dass man eine Gemeinschaft gründet, einen eigenen Verein, und zusammen einen Stock zwischen die Speichen des Hamsterrades stecken kann. Irgendwie bedeutet Familie zu haben, Punk zu sein. Sich dagegen zu stemmen. Das mag pathetisch klingen, aber so wird man als Familienvater: Es kostet Kraft, aber es ist toll zu sehen, wenn es klappt, weil alle mithelfen, Großeltern, Freunde und man selbst. Familie sein bedeutet, sich gemeinsam Zeit zu nehmen, um sie einander zu schenken.

Vielleicht muss man öfter Kirsche und Banane mischen und schauen, was dabei herauskommt.

Quelle: RP
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