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Reaktionen zum Kachelmann-Urteil
"Fatale Signalwirkung"

Kachelmann: So lief der Prozess
Kachelmann: So lief der Prozess FOTO: dapd
Düsseldorf/Mannheim (RPO). Nach mehr als acht Monaten Verhandlung hat das Landgericht Mannheim den Wettermoderator Jörg Kachelmann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Es gebe keine "tragfähigen Beweise", dass der 52-Jährige im Februar 2010 eine Freundin mit einem Messer bedroht und vergewaltigt habe, sagte der Vorsitzende Richter Michael Seidling. Opferschutzorganisationen kritisieren das Urteil scharf.

Es war ein langer und öffentlichkeitswirksamer Prozess, der in den vergangenen neun Monaten am Landgericht Mannheim stattfand. 44 Verhandlungstage, dutzende Zeugen und Gutachter, und am Ende stand der Freispruch. Der Vorsitzende Richter Michael Seidling sagte, das Urteil beruhe nicht darauf, dass die Kammer von der Unschuld Kachelmanns oder einer Falschbeschuldigung der Nebenklägerin überzeugt sei.

Das Landgericht Mannheim habe aber begründete Zweifel an der Schuld des Angeklagten, der deshalb "in dubio pro reo" (Im Zweifel für den Angeklagten) freizusprechen sei. Ein Urteil könne nicht aufgrund einer bloßen Verdachtslage gesprochen werden. Die Verdachtsmomente hätten sich zwar im Laufe der Verhandlung "abgeschwächt, aber nicht verflüchtigt".

Verteidiger nicht zufrieden

Johann Schwenn, Kachelmanns Anwalt, hat das Gericht nach dem Freispruch heftig angegriffen. Laut "stern.de" soll Schwenn die gesagt haben, die Kammer hätte den Angeklagten "zu gerne verurteilt" und in ihrer Urteilsbegründung nochmal "richtig nachgetreten", um "den Angeklagten maximal zu beschädigen". Schwenn sprach von einem "befangenen Gericht" und einer "Erbärmlichkeit im Gerichtssaal".

Kachelmanns Pflichtverteidigerin Andrea Combé wies dagegen darauf hin, dass es rechtlich gesehen keinen "Freispruch zweiter Klasse" gebe. Es gelte lediglich der Grundsatz "In dubio pro reo" - Im Zweifel für den Angeklaten.

Frauenrechtlerin Alice Schwarzer hatte den Prozess für die "Bild"-Zeitung begleitet. Nach dem Freispruch stellte sie sich auf die Seite der Ex-Freundin und Nebenklägerin, die nach Urteilsverkündung in Tränen ausgebrochen war. "Man muss auch Respekt vor dem möglichen Opfer haben", sagte Schwarzer.

Ihrer Meinung mnach habe das mutmaßliche Opfer "sehr überzeugend dargelegt, dass sie vielleicht die Wahrheit gesagt habe". Der Prozess habe gezeigt, dass Kachelmann "nicht nur diese Frau gezielt manipuliert hat". "Er kommt nicht ins Gefängnis, es bleibt alles offen", sagte Schwarzer.

Organisationen kritisieren Urteil

Der Opferhilfeverein "Weißer Ring" sieht im Freispruch Kachelmanns ein negatives Signal. "Das Verfahren mit seinen extremen Ausuferungen wird uns in unserer Arbeit behindern, weil viele Opfer davon abgehalten werden könnten, eine Vergewaltigung anzuzeigen", sagte Sprecher Veit Schiemann. Andererseits werde durch das gesamte Verfahren deutlich, dass die Opferhilfe dringend nötig sei.

Schiemann betonte, Opfer sollten die Tat unbedingt anzeigen. So spielten sie eine aktive Rolle und könnten das Geschehene besser verarbeiten. Ansonsten könne sich das Trauma verfestigen, und das Opfer könne schwer erkranken. Darüber hinaus handele das Opfer präventiv, da der Täter zunächst einmal in U-Haft sitze und keine weiteren Vergewaltigungstaten begehen könne.

"Fatale Signalwirkung"

Auch die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes befürchtet, dass das Kachelmann-Urteil eine "fatale Signalwirkung" entfalten könnte. Betroffene von sexualisierter Gewalt würden sich in Zukunft noch weniger trauen, Anzeige bei einer Vergewaltigung zu erheben, sagte Geschäftsführerin Christa Stolle laut "Spiegel Online". Terre des Femmes ist eine gemeinnützige Menschenrechtsorganisation für Frauen und Mädchen.

"Spiegel"-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen sagte, die Kammer habe deutlich zu erkennen gegeben, dass der Verdacht gegen Kachelmann weiter bestehen bleibe. Die Kammer habe sehr offen erklärt, dass man an seine Grenzen gestoßen sei und dass die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten in so einem Fall - in dem Aussage gegen Aussage stehe - an die Grenzen stoße.

Die Bremer Staatsanwältin Gabriela Piontkowski empfahl Opfern, eine Vergewaltigung schnell anzuzeigen. "Je länger es her ist, desto mehr verblasst die Erinnerung und desto schwieriger wird es, Beweise und Spuren zu sichern", sagte Piontkowski, die beim Sonderdezernat "Gewalt gegen Frauen" mitarbeitet. Der Freispruch komme für sie nicht überraschend. Prozesse wie der gegen Kachelmann gehörten zum Alltag.

"Wir haben einen Rechtsstaat, man muss die Tat nachweisen. Wenn das nicht gelingt, erfolgt ein Freispruch." Sie fügte hinzu, die Staatsanwaltschaft sei "die objektivste Behörde der Welt".

mit Agenturmaterial

(RPO/dapd/felt)
 
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