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Feinstaub
Wie aus Dreck Kunst wird

Feinstaub in Stuttgart – Wie aus Dreck Kunst wird
Stadtstaub, Leim und Wasser – die Materialien, mit denen Erik Sturm arbeitet, kauft er nicht in einem Laden für Künstlerbedarf. FOTO: Marijan Murat
Stuttgart. Stuttgart ist die deutsche Hauptstadt des Feinstaubs. Als bundesweit erste und einzige Metropole warnt sie mit einem Alarm vor dem Schadstoff in der Luft. Doch ein Künstler kann dem gefährlichen Ruß auch etwas abgewinnen. Von Oliver Schmale

Für den Kampf gegen den gesundheitsschädlichen Feinstaub in Stuttgart hat der Künstler Erik Sturm seinen ganz eigenen Stil entwickelt. Der 33-Jährige macht die winzigen Partikel sichtbar – in Form von Installationen oder Bildern. Gemalt wird mit der Staubfarbe "Neckartorschwarz" – in Anlehnung an die Kreuzung namens Neckartor, die wegen ihrer hohen Feinstaubbelastung überregional bekannt wurde. Die Bilder von Sturm zeigen grau-schwarze, fast modelliert wirkende Flächen, die teilweise aufgebrochen sind.

Sturm hat anscheinend keine Angst um seine Gesundheit, wenn er mit dem von ihm aufbereiteten Dreck arbeitet. "Es hat eine lange Tradition, dass sich Künstler mit den eigenen Materialien vergiftet haben", meint der ausgebildete Bildhauer und Grafiker scherzhaft. Er hat selber jahrelang am Neckartor gewohnt.

Stuttgart drohen Strafen in Millionenhöhe

Hier wird regelmäßig der EU-Grenzwert für Feinstaub von 50 Mikrogramm überschritten, was eigentlich an höchstens 35 Tagen im gesamten Jahr passieren darf. Stuttgart muss für sauberere Luft sorgen, weil sonst Strafzahlungen in Millionenhöhe an die EU drohen. Und deshalb gibt es seit Jahresanfang immer wieder Feinstaub-Alarm. Wenn dieser ausgerufen ist, sollen die Autofahrer freiwillig auf den umweltfreundlicheren Nahverkehr umsteigen. Doch die Resonanz ist bisher eher dürftig, die Luft im Talkessel weiter schmutzig.

Bei Umweltschützern kommt Sturms Idee gut an, weil sie auf andere Weise als die Behörden auf ein Problem aufmerksam macht. "Greenpeace freut sich über jeden, der die Feinstaubbelastung in Deutschland reduziert", sagt ein Sprecher der Umweltschutzorganisation. Allerdings sieht er diese Aufgabe eher bei Autobauern und Verkehrspolitikern als bei Künstlern.

Sturm, der für seine Arbeit "Neckartorschwarz" mit dem Förderpreis der Evangelischen Landeskirche Württemberg ausgezeichnet worden ist, hat sich während eines Auslandssemesters in Budapest zum ersten Mal der Staubproblematik angenommen. In einem Tunnel habe er damals auf der gekachelten Wand seine Spur hinterlassen, sagt er: "Eine in den Ruß geputzte weiße Linie auf Augenhöhe." Dazu habe er damals drei Flanellhandtücher gebraucht.

Den Staub kratzt er mit der EC-Karte ab

Damit er den Dreck verarbeiten kann, wird ihm ein Bindemittel hinzugefügt. Zugleich schützt er sich auch beim Staubsammeln: "Ich trage eine Maske." Der Schmutz am Neckartor sei übrigens gar nicht so einfach zu finden gewesen. Fündig wurde er auf den Fensterbänken des Amtsgerichts. "Dort habe ich ihn mit Hilfe der EC-Karte abgekratzt." Acht Kilogramm schwarzen Dreck habe er inzwischen beisammen für seine Kunst – auch von einer anderen großen Kreuzung in der Innenstadt: in der Nähe des Marienplatzes.

In Ballungsgebieten ist vor allem der Straßenverkehr, der die Teilchen in die Luft wirbelt, ein ewiger Quell für Sturms Rohstoff Staub. "Mich interessiert der städtische Raum", sagt der Künstler. Er hat unter anderem eine zerschnittene Plakatsäule, die 30 Jahre mit Postern beklebt wurde, zu Skulpturen verarbeitet.

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