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Perspektivwechsel
Glück gehabt – nicht mehr, nicht weniger

Willkommenskultur: Diese Menschen helfen Flüchtlingen
Willkommenskultur: Diese Menschen helfen Flüchtlingen FOTO: RP
Düsseldorf. Was wäre gewesen, wenn ich meinen Abschluss vor zehn Jahren in einem anderen Land gemacht hätte? Ein Gedankenexperiment. Von Florian Rinke

In diesem Jahr liegt mein Abitur genau zehn Jahre zurück und ich kann sagen, dass sich alles so entwickelt hat, wie ich es damals gehofft habe: Studium, Arbeit, Privatleben – natürlich gab es hier und da mal Stolpersteine, aber im Großen und Ganzen lief alles nach Wunsch.

Manchmal denke ich darüber nach, was gewesen wäre, wenn ich vor zehn Jahren in einem anderen Land meinen Abschluss gemacht hätte. Etwa in Griechenland. Oder in Spanien. Vielleicht würde ich dann heute immer noch bei meinen Eltern wohnen, hätte keinen Job und es hätte sich eben nicht alles so entwickelt, wie man es sich gewünscht hätte. Nicht, weil ich nicht gewollt hätte, sondern allein deswegen, weil die Umstände sind wie sie sind. Dann würden die Zeitungen jetzt über Leute wie mich schreiben, wenn sie davon berichten, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa bekämpft werden muss.

Oder ich wäre gemeint, wenn es darum geht, die Grenzen nach Afrika abzuriegeln, um die Flüchtlingsströme zu unterbrechen. Dann hätte ich die vergangenen zehn Jahre vermutlich nicht gemütlich studiert und Urlaube gemacht, sondern tagtäglich ums Überleben gekämpft. Und irgendwann hätten meine Eltern sich zwischen mir und meinen Geschwistern entscheiden müssen: Wer ist derjenige, der es nach Europa schaffen soll, damit wir es irgendwann alle besser haben? Statt eine Hochzeit zu finanzieren, hätten meine Eltern lieber einem Schlepper einen Haufen Geld bezahlt, damit ich zusammengepfercht mit Hunderten anderen Söhnen und Töchtern auf einem kleinen Boot Richtung Europa aufbrechen kann – immer in der Ungewissheit, ob uns der nächste Wetterumschwung nicht das Leben kostet.

Und wenn ich es geschafft hätte, wenn ich angekommen wäre auf dem Kontinent, der in meiner von Bürgerkrieg, Hunger und Armut geprägten Heimat mein größter Sehnsuchtsort gewesen war, dann würde ich erleben, wie alle meine Träume zusammenbrechen. Ich wäre nicht der Steuerzahler, der Riester-Sparer, der Konsument – ich wäre das Problem. In vielen Städten würden die Menschen Angst davor haben, dass ich in ihre Nachbarschaft komme. Vielleicht, weil ich eine andere Hautfarbe habe. Vielleicht, weil sie denken, ich sei kriminell. Vielleicht, weil sie einfach nur Sorge davor haben, dass der Wert ihres Hauses sinkt, in dem sie ihre Kinder, die so alt sind wie ich, an den Wochenenden manchmal besuchen.

Und während ich tagtäglich Angst um meine Familie hätte, die Tausende Kilometer weit weg noch immer ums Überleben kämpft, sähe ich in ihren Augen die Angst, wenn ich durch die Straßen gehe. Ich würde nichts von den Diskussionen verstehen, die auf den Titelseiten der Zeitungen abgebildet werden, weil ich auch sonst kaum ein Wort verstünde. Alles, was ich wüsste wäre, dass ich endlich damit anfangen möchte, mir ein besseres Leben aufzubauen: Arbeit, Privatleben – ich würde endlich das haben wollen, was andere junge Menschen in meinem Alter haben, die in Deutschland, der Schweiz oder Norwegen auf die Welt gekommen sind.

Manchmal denke ich darüber nach, was gewesen wäre, wenn ich nicht vor zehn Jahren Abitur in Deutschland gemacht hätte.

Ganz ehrlich: Ich habe einfach Glück gehabt. 

An dieser Stelle schreiben wöchentlich im Wechsel junge Journalisten der Rheinischen Post. Jeden Sonntag geben sie zu einem frei gewählten Thema ihren "Senf" ab – und freuen sich auf Reaktionen an: kolumne@rheinische-post.de

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