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Flüchtlinge am Hauptbahnhof
Eine Welle der Hilfsbereitschaft erfasst München

Fotos: Flüchtlinge aus Budapest kommen in München an
Fotos: Flüchtlinge aus Budapest kommen in München an FOTO: dpa, shp fdt
München. Hunderte Flüchtlinge sind seit Montagabend mit Zügen aus Ungarn am Münchner Hauptbahnhof angekommen. Viele Münchner ebenfalls, um den Neuankömmlingen zu helfen. Die Hilfsbereitschaft ist so groß, dass die Münchner Polizei die Bürger aufruft, keine Hilfsgüter mehr zum Hauptbahnhof zu bringen.

Zwei Kinder krabbeln auf dem Boden umher, Mütter füttern oder wickeln ihre Babys, einige Jungs spielen Fußball, junge Männer unterhalten sich lachend in der Sonne. Es sind Szenen wie aus dem ganz normalen Alltag vieler Familien – und doch gehören sie zu einer beispiellosen Ausnahmesituation. Hunderte Flüchtlinge aus Ländern wie Syrien, Afghanistan, Pakistan oder Albanien sind in München angekommen, nachdem die Polizei am Ostbahnhof von Budapest ihre Ausreise geduldet hat. 2000 waren es nach Angaben der Bundespolizei bis zum Dienstagmorgen, Hunderte mehr wurden erwartet.

"München ist momentan im Notstand", sagt der 20-jährige Andreas Duchmann, einer von zahlreichen freiwilligen Helfern. Sie alle sind damit beschäftigt, Wasser und Essen an die Menschen zu verteilen, von denen die meisten nur mit einer kleinen Tasche, einem Rucksack oder einer Plastiktüte nach Deutschland gekommen sind. "Sowas hat's in München noch nie gegeben", sagt Duchmann.

Michel Reimons Fotos von der Zugfahrt mit Flüchtlingen

Er meint damit nicht nur die vielen Flüchtlinge auf dem Bahnhofsvorplatz, die darauf warten, dass es irgendwie weitergeht und dieses neue Leben irgendwie beginnt, auf das sie in ihrer Heimat so hofften – er meint auch die vielen Münchner, die Essen und Getränke vorbeibringen und Spielzeug für die Kinder. Eine Münchnerin zeigt einem Jungen, wie das Jojo funktioniert, das sie ihm geschenkt hat.

Die Münchner Polizei ruft bereits die Bürger auf, keine Hilfsgüter mehr für die Flüchtlinge zum Hauptbahnhof zu bringen. "Wir sind überwältigt von den vielen Hilfsgütern der Münchner für die Flüchtlinge am Hbf. Bitten euch aktuell keine Sachen mehr zu bringen", twittert die Polizei.

Fotos: Bahnhof in Budapest wegen Überfüllung geschlossen FOTO: ap

 

In langen Schlangen warten die Flüchtlinge darauf, dass Busse sie in Erstaufnahmeeinrichtungen in München oder anderswo in Bayern fahren. Viele Familien mit kleinen Kindern sind darunter. In der Schlange steht auch der 58-jährige Syrer Naman Kanjo. Warum er sein Heimatland verlassen habe und nach München gekommen sei? "Aber das wissen Sie doch", sagt er in nahezu fließendem Deutsch. "Muss ich das wirklich erklären?" Er habe in dem von Bürgerkrieg und IS-Terror zerfressenen Land nicht mehr leben können, sagt Kanjo.

Einen Monat habe er von Syrien bis zum Münchner Hauptbahnhof gebraucht –und auf der Flucht seinen Sohn und seine vier Enkel aus den Augen verloren. "Ein Boot haben sie durchgelassen, das andere wurde abgefangen", sagt er über ihre Ankunft in Griechenland. Aber er wisse, dass die Kinder in Deutschland seien, irgendwo in Bayern. Kanjo hofft, sie bald zu finden. Warum er so gut Deutsch spreche? "Weil ich Deutschland liebe." Er sei schon öfter hier gewesen.

Um es den Menschen, von denen die meisten wochenlange Strapazen hinter sich haben, nicht noch schwerer zu machen, legt die Feuerwehr am Dienstagmorgen eine Wasserleitung. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat Sonnenschirme organisiert und Kisten mit Bananen. "Es läuft alles hier einen sehr geregelten Gang", sagt er. "Ich kümmere mich hier vor Ort, weil es meine Stadt ist, mein Hauptbahnhof und weil es hier um Menschen geht. Das darf man in der ganzen Debatte nie vergessen."

Auch wenn das die ganz große Mehrheit der Münchener so zu sehen scheint, es gibt auch andere Szenen am Bahnhof: Eine Handvoll Neonazis stellt sich am Montagabend breitbeinig und mit verschränkten Armen ans Gleis, um Flüchtlinge zu "empfangen". Ein älteres deutsches Ehepaar steigt verärgert aus dem Zug aus Budapest und fordert einen Pressefotografen auf, nicht nur die Flüchtlinge zu fotografieren, sondern auch den Müll, den sie hinterlassen hätten. Das Paar ist empört: "Wegen denen mussten wir eine halbe Stunde in Rosenheim warten."

(dpa/rtr)
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