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Wie die Flüchtlinge Deutschland verändern
Der Islam in Deutschland wird bunter

Moschee-Gemeinden unterstützen Flüchtlinge
Moschee-Gemeinden unterstützen Flüchtlinge FOTO: dpa, obe fdt
Düsseldorf. Bülent Uçar ist Direktor des Instituts für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück, das er mit aufgebaut hat. Der Religionspädagoge gilt als einer der kompetentesten Islamwissenschaftler Deutschlands. Er sagt, dass die muslimischen Flüchtlinge den Islam in Deutschland bunter machen.

Herr Uçar, es kommen gegenwärtig sehr viele muslimische Flüchtlinge aus Syrien oder auch Afghanistan nach Deutschland. Inwiefern verändert diese Zuwanderung den Islam in Deutschland, der bisher durch Gastarbeiter aus der Türkei geprägt war? 

Bülent Uçar Die Frage suggeriert, dass diese Flüchtlinge nicht provisorisch, sondern dauerhaft oder zumindest für eine ziemlich lange Zeit in Deutschland bleiben werden. Wenn dies zutrifft, wird sich konfessionell im Verhältnis von Sunniten und Schiiten in Deutschland wenig verändern. Die größte Gruppe der Türkischstämmigen mit etwa drei Millionen Menschen unter den Muslimen und ihr Einfluss werden etwas abnehmen, aber weiterhin bestehen. Die Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak sind sehr vielfältig. Kurdische Sunniten und Jesiden sind genauso anzutreffen wie arabische Sunniten und Schiiten. Ethnisch und kulturell wird die Gruppe der Muslime in Deutschland also heterogener und bunter. Dies ist grundsätzlich zu begrüßen. 

Welche Konfliktpotenziale zwischen den verschiedenen Strömungen des Islam und auch im Verhältnis zu anderen Religionen können entstehen?

Uçar Der Islam ist eine Weltreligion mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen. Die Praxis des Islam in Af-
ghanistan und Syrien ist anders als etwa auf dem Balkan oder in Anatolien. Sicherlich ist die patriarchale Grundstruktur dort stärker ausgeprägt. Dies darf aber nicht dazu führen, verschiedene Muslime gegeneinander auszuspielen. Diese Menschen haben am eigenen Leib erfahren, wozu religiöser Extremismus und Wahn führen. Sie dürfen nur nicht alleingelassen werden. Wir müssen zeigen, dass sich der weltanschaulich neutrale Staat nicht antireligiös, sondern überreligiös verortet. Das Grundgesetz richtet sich nicht gegen die Religionen, sondern will für beide Seiten neue Freiräume schaffen und wechselseitige Abhängigkeiten minimieren. Dies hat meines Erachtens beiden Institutionen gutgetan. Ich bin mir sicher, dass für die große Mehrheit die Vorzüge der Demokratie keine große Überzeugungsarbeit erfordern werden. Es wird aber Unverbesserliche geben.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat der vermehrte Zuzug von Muslimen darüber hinaus?

Uçar Die Zahl der Muslime in Deutschland wird dadurch insgesamt steigen. Wenn wir nicht wollen, dass Rechtspopulisten dies ausschlachten, müssen wir aufpassen, die Menschen hier mitzunehmen. Es gilt, die Bevölkerung sensibel aufzuklären, Wirtschaftsflüchtlinge konsequent und zügig zurückzuführen und europäische Solidarität einzufordern. Wenn hinter der europäischen Idee eine Schicksalsgemeinschaft steht, kann Deutschland diese Last sicherlich nicht alleine tragen. 

Wie wirkt sich eine größere islamische Pluralität auf die Bedeutung von Religion in Deutschland an sich aus?

Uçar Ehrlich gesagt habe ich ein Problem damit, dass wir die Diskussion über die Flüchtlinge zu einem religiösen Thema machen. Es sind Menschen, die vor Krieg und Folter fliehen und auf ein besseres Leben in Europa hoffen. Religion ist, wenn überhaupt, nur ein Aspekt, aber sollte nicht die gesamte Debatte dominieren.

Aber gewinnt das Christentum nun gar wieder an Bedeutung, schweißt der muslimische Gegenpol seine bisher ja teilweise eher formalen Anhänger womöglich zusammen?

Uçar Die Säkularisierung ist in Deutschland sehr stark vorangeschritten. Entkirchlichung und Entfremdung vom Christentum sind meiner Einschätzung nach keine vorübergehenden Phänomene. Gesellschaftliche Polarisierungen werden vielleicht Gruppendynamiken im religiösen Gewand hervorbringen. Ich bin aber skeptisch, dass dies zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben führt. Daran leiden auch immer mehr Muslime: Die Fassade erscheint islamisch, der Kern aber ist durch und durch verweltlicht. Daher darf man sich nicht von bestimmten religiös erscheinenden Gruppen blenden lassen. Muslime in Deutschland sind genauso Säkularisierungsprozessen ausgesetzt wie Christen. 

Das Interview führten Burkhard Ewert, Uwe Westdörp, Franziska Kückmann und Christof Haverkamp.

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