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Fragebogen gegen Selbstmord: France Télécom: "Haben Sie geweint? Trinken Sie?"

VON KARIN FINKENZELLER - zuletzt aktualisiert: 21.10.2009 - 17:48

Paris (RP). Eine Serie von Selbstmorden erschüttert den französischen Konzern France Télécom. Jetzt sollen die gut 100.000 Mitarbeiter 161 Fragen beantworten. Die Firmenleitung will damit die Gründe für die Suizide herausfinden. Mitarbeiter prangern vor allem die häufigen Versetzungen an.

Fühlen Sie sich überfordert? Bekommen Sie widersprüchliche Anweisungen? Werden Sie über nichtige Dinge wütend? Sind Sie verzweifelt? Vier von 161 Fragen, die die 102 000 Beschäftigten des französischen Großkonzerns France Télécom beantworten sollen – anonym. Sie sollen Auskunft geben über ihre Arbeitssituation, Entscheidungsfreiräume, soziale Unterstützung durch Vorgesetzte, Anerkennung für ihre Leistung, Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit, Versetzungen, Arbeitszeiten, Fortbildungen, aber auch über Gewalt am Arbeitsplatz – und die eigene körperliche und geistige Gesundheit.

Info
France Télécom

Reichweite Nach eigenen Angaben hat der Konzern 186 Millionen Kunden in 30 Ländern, zwei Drittel davon über die Marke „Orange“.

Geschichte France Télécom ist der größte französische Telekommunikationsanbieter. 1988 wurde aus der staatlichen Generaldirektion für Telekommunikation die private Firma France Télécom.

Schon die Fragen sind bestürzend. Hintergrund für die Aktion: In den vergangenen 20 Monaten verübten 25 Mitarbeiter Selbstmord. In ihren Abschiedsbriefen prangerten sie immer wieder ihre Arbeitsbedingungen an. Erst vorige Woche hatte sich ein 48 Jahre alter Ingenieur des Unternehmens in der Bretagne erhängt. Vize-Chef Louis-Pierre Wenes musste wegen der Selbstmorde bereits den Hut nehmen. Dass die Nummer eins, Didier Lombard, noch an seinem Platz sitzt, liegt angeblich nur daran, dass "man nicht den Feuerwehrhauptmann absetzt, wenn es brennt". So will es die Tageszeitung "Le Monde" von einem Berater des Präsidenten Nicolas Sarkozy erfahren haben.

Trauriger Europarekord

Der Staat, mit 26,7 Prozent größter Anteilseigner des Konzerns, macht Druck. Deshalb sollen die Beschäftigten zunächst die 161 Fragen beantworten. Bis zum Frühjahr soll dann ein Plan ausgearbeitet werden, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Privatisierung des einst staatlichen Unternehmens habe dazu geführt, dass "das Management nur noch ergebnisorientiert arbeitet und den Faktor Mensch völlig außer Acht lässt", kritisiert der Gewerkschafter Patrick Diochet. Den rasanten Konzernumbau, der für viele Missstände verantwortlich gemacht wird, hat France Télécom bis Jahresende ausgesetzt. Besonders in der Kritik steht, dass Führungskräfte alle drei Jahre versetzt werden. Lombard hat auch die Versetzungen bereits auf Eis gelegt.

In der erhitzten Diskussion gehen Statistiken unter, wonach in westlichen Gesellschaften rein statistisch pro 100.000 Einwohner und Jahr mit 19,6 Suiziden zu rechnen sei. Die Selbstmordrate bei France Télécom läge demnach aufs Jahr gerechnet mit 15 pro 100 000 niedriger als im Durchschnitt. Bei France Télécom brächten sich nicht mehr Menschen um als anderswo, resümiert der Statistiker Rene Pardieu.

Tatsache aber bleibt: Frankreichhält bei Suiziden in Verbindung mit Problemen am Arbeitsplatz einen traurigen Europarekord. Statistisch wird täglich ein Selbstmord in unmittelbarem Zusammenhang mit der Arbeit begangen. Damit stehen die Nachbarn weltweit an dritter Stelle. Nur die Ukraine und die USA zählen mehr Fälle.

Quelle: RP

 
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