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Franz-Josef Overbeck
"Der Krebs war eine Nagelprobe für meinen Glauben"

Franz-Josef Overbeck: "Krebs war Nagelprobe für meinen Glaube
Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck am Bistumsbrunnen mit RP-Redakteur Lothar Schröder. FOTO: Hans-Juergen Bauer
Düsseldorf. Der Ruhrbischof spricht in Interview-Reihe "Kurs halten" über sein Leben, Flüchtlinge in Deutschland, den Familienschnaps im Keller und seine Vorliebe für das morgendliche Joggen.

Können Sie über "Kurs halten" sprechen, ohne dass Kirche und Glauben dabei eine Rolle spielen?

Overbeck Wenn es um Orientierungsfragen des Lebens geht, ist das für mich ohne Kirche und Glauben nicht möglich.

Ist Kurs halten gut oder manchmal auch ein Zeichen von Starrsinn?

Overbeck Nicht unbedingt. Wenn man das deutsche Wort ernst nimmt, stehen dahinter sehr klare Orientierungen, die auch zu verfolgen und hoffentlich in allen Lebenssituationen anwendbar sind.

Mussten Sie denn schon einmal einen Kurs in Ihrem Leben ändern?

Overbeck Für meine grundlegenden Perspektiven ist das nicht der Fall.

Das hört sich nach einem sehr geradlinigen Leben an.

Overbeck Soweit ich mich selbst wahrnehmen kann, würde ich das so sagen.

Das können nicht viele Menschen von sich behaupten.

Overbeck Das stimmt. Mein Weg aber hat sich für mich als richtig erwiesen – das kann ich zumindest jetzt mit 52 Lebensjahren sagen. Dazu gehört meine Grundsatzentscheidung, als Christ leben zu wollen und als Priester und Bischof wertorientierend zu handeln. Menschen bezeichnen so etwas als Glück, ich würde es Gnade nennen.

Wann reifte in Ihnen der Wunsch, Priester zu werden?

Overbeck Mit 16 oder 17 Jahren. Hierbei hat mich nicht nur die Sozialisation in meiner Gemeinde geprägt. Kirche hat mich immer auch in ihren intellektuellen Zusammenhängen, die unsere Kultur hervorgebracht hat, fasziniert. Ich habe das dann zu meinem Beruf gemacht und dabei entdeckt, dass es eine Berufung ist.

Wie schwierig war es für Sie, mit Ihrem Wechsel von Münster ins Bistum Essen Kurs zu halten, wo die Anforderungen an den Seelsorger vermeintlich größer sind.

Overbeck Solche Thesen vertrete ich nicht. Die Herausforderungen sind nicht größer oder kleiner. Sie sind andere. In einer ländlicheren Gegend mag es scheinen, der Glauben sei solider. Das stimmt aber in der Regel nicht. Im Ruhrbistum wird genauso solide geglaubt.

Fast 100 Kirchen des Essener Bistums werden nicht mehr genutzt; der Abschied von der Volkskirche ist längst vollzogen. Sind Sie manchmal auch verzagt?

Overbeck Nein. Unsere Grundüberzeugungen sind richtig. Das heißt auch: sie sind nur in großen Zusammenhängen zu verstehen. Man muss eben viel stricken, damit ein Gewebe entsteht, das auf Dauer trägt und nicht reißt. Und dabei kommen dem Bistum und mir als Bischof jeweils eine wichtige Rolle zu. Und in einer solchen Lage gehöre ich nicht zu den Männern, die verzagen. Auch wenn es manchmal mühselig ist, wie das Besteigen eines Berges, wobei einem nicht jede Etappe gleich leicht fällt.

Sisyphos kommt Ihnen dabei aber nicht in den Sinn?

Overbeck Nein, ich bin ja kein griechischer Tragödienmann, sondern ein katholischer Bischof.

Wobei Mythen immer auch etwas über das Wesen des Menschen erzählen.

Overbeck Das stimmt. Aber da halte ich es doch lieber mit der existenziellen Auslegung der Heiligen Schrift.

Und Sie schöpfen Ihre Kraft allein aus dem Glauben? Oder gibt es auch andere Quellen?

Overbeck Natürlich gehören auch ein paar andere Dinge zu meinem Leben – wie Kultur und Sport, die nicht sofort gläubig durchtränkt sind. Der Glauben bleibt aber der Grund meines ganzen Lebens. Wer mich hat, der hat mich immer als glaubenden Menschen.

Welchen Sport treiben Sie?

Overbeck Ich jogge. Zwei- bis dreimal die Woche. Und wenn ich morgens laufen kann, ist das immer sehr erfrischend.

Laufen Sie dann alleine?

Overbeck Ja.

Aus Überzeugung?

Overbeck Nein, es ist einfach eine pragmatische Lösung. Bei meinem Alltag wüsste ich kaum, wie ich einen Mannschaftssport betreiben könnte, ohne allzu viele Kompromisse einzugehen.

Wie wichtig ist für das Kurs halten auch der Ausgangshafen – also die Heimat und die Familie?

Overbeck Ich komme aus einer ganz alten Familie mit einer langen Geschichte. Zugleich ist das aber nicht der Antiquitätenladen meines Lebens, in den ich mal hineingehe und irgendetwas aus den Regalen heraushole.

Eine Tradition Ihrer Familie war auch das Schnapsbrennen.

Overbeck Ja, aber heute nicht mehr. Ein paar Flaschen gibt es noch, die liegen bei mir im Keller.

Hochprozentiges?

Overbeck Ja, hochprozentig – 38 Prozent. Weizenkorn und Doppelkorn, manchmal auch versetzt mit irgendwelchen Früchten. Ich bin aber gar kein Freund von Schnaps und darum ein schlechter Werbeträger für meine Familie – auch wenn vom Overbecks Korn und Overbecks Geist die Rede war.

Sie sind auch Militärbischof und haben unter anderem Soldaten in Afghanistan besucht. Können Sie die Flüchtlingssituation in unserem Land dadurch besser verstehen?

Overbeck Ich habe sie zumindest früher vorhersehen können. Für das Verständnis der jetzigen Situation hier in Deutschland sind andere Parameter von Bedeutung als das Verständnis für die Ausgangslage, die die Menschen dazu gebracht und gedrängt hat, ihre Heimat zu verlassen. Kein Mensch geht in der Regel gerne von zu Hause weg. Zugleich ist das ein Phänomen einer zunehmenden Globalität, was man besonders gut hier im Ruhrgebiet beobachten kann.

Ist unsere Gesellschaft mit dem Verlust ihrer Homogenität unruhiger geworden?

Overbeck Zweifelsohne. Das hat nicht nur mit unserer Lebensweise in Deutschland zu tun, sondern auch mit dem Verlust von Lebensperspektiven und den Veränderungen weltweit.

Werden wir ein Ende der Flüchtlingsbewegungen noch erleben?

Overbeck Das, was wir jetzt erleben, ist eigentlich die Fortsetzung einer Geschichte, die seit langem andauert – unter jeweils unterschiedlichen Bedingungen. Was wir jetzt erleben, ist für uns im Ruhrgebiet etwas völlig Selbstverständliches. Die Menschen kommen und gehen. Die Flüchtlingsströme werden weltweit weiter zunehmen; nicht nur wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen in vielen Ländern der Welt, sondern auch wegen der massiven ökologischen Probleme. Es werden noch ungeahnte Flüchtlingsströme aufgrund des Hungers in der Welt auf uns zukommen, der die Menschen einfach zwingt, ihre Heimat zu verlassen.

Muss man nicht auch die Ursachen der Flüchtlingsbewegungen stärker als bisher ins Auge fassen und intervenieren.

Overbeck Die parlamentarisch legitimierten Einsätze der Bundeswehr werden mit Sicherheit zunehmen. Das ist aber nicht beliebig ausdehnbar. Wir merken zunehmend, dass Grenzen die Menschen nicht mehr davon abhalten zu gehen. Wichtig ist es meiner Ansicht nach, die Menschen grenznah unterzubringen, weil viele doch irgendwann wieder nach Hause zurückkehren wollen. Wie groß ist die Gefahr, dass durch die Terrorakte eine größere Polizeipräsenz unseren Alltag künftig bestimmt und wir uns den Gewinn an Sicherheit mit einem Verlust an Freiheit erkaufen müssen?

Overbeck Ich bin froh, dass es noch keine massive Präsenz von Polizisten gibt, weil wir eine Gesellschaft brauchen, die von Vertrauen lebt und nicht von Angst.

Mit 38 Jahren wurde bei Ihnen eine schwere Krebserkrankung diagnostiziert. Wissen Sie noch, was Sie damals dachten?

Overbeck Ich weiß noch, dass ich damals dachte: Wenn ich jetzt sterben sollte, werde ich mich darauf vorbereiten, denn ich bin Christ. Ich werde zwar alles tun, leben zu können. Aber ich weiß auch, dass das Leben endlich ist. Der Mensch stirbt eben immer erst am Ende seines Lebens – egal, ob das heute ist oder erst in 30 Jahren. So lebe ich jeden Tag.

Aber dennoch gibt es einen berechtigten Egoismus, im jungen Alter noch ein paar Jahre mehr erleben zu dürfen.

Overbeck Ja, sicher. Aber mir damals klar, dass es eine Nagelprobe des Glaubens sein wird. Interessanterweise hat mich das in meinem Glauben eher bestärkt.

Und alles ohne Klage?

Overbeck Ja, ich bin kein Mann, der klagt. Ich kann sehr deutlich sagen, was ich will. Aber ich mag diese ganze Jammerei einfach nicht, weder in der Kirche noch in der Politik und Gesellschaft. Das ist eine Form der Selbstbespiegelung, die nicht produktiv nach vorne geht. Herausforderungen sehe ich immer als einen Aufruf, mutiger zu sein.

Sind Sie als ein anderer Mensch aus Ihrer Krankheit herausgekommen?

Overbeck Ja.

Inwieweit?

Overbeck Danach war meine Jugend zu Ende.

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