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Mord an mutmaßlichem Vergewaltiger
Selbstjustiz: Vater und Sohn zu langen Haftstrafen verurteilt

Freiburg: Tödliche Selbstjustiz: Lange Haftstrafen für Vater und Sohn
Der Angeklagte Vater Moustapha Y. (l, blauer Pullover) umarmt im Landgericht in Freiburg vor dem Prozessbeginn seinen Sohn Akram. FOTO: dpa, pse htf mut
Freiburg. Gemeinsam ermordeten sie einen mutmaßlichen Vergewaltiger: In einem Fall tödlicher Selbstjustiz ist ein heute 18-jähriger Schüler zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden. Sein Vater erhielt eine lebenslange Haftstrafe.

Das Landgericht Freiburg sprach den Teenager und den Vater des Mordes für schuldig. Der junge Mann hatte zugegeben, im Juni vergangenen Jahres in Neuenburg am Rhein in Baden-Württemberg gemeinsam mit dem Vater den mutmaßlichen Vergewaltiger seiner Schwester in einen Hinterhalt gelockt und getötet zu haben.

Der 17-Jährige habe eine "sehr große Wut" gehabt und die Gewaltattacke eingeräumt, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer bereits kurz nach der Tat 2014. Wie ein Rasender soll der 17-Jährige auf den mutmaßlichen Vergewaltiger seiner Schwester eingestochen haben. Die Gerichtsmedizin zählte 23 Einstiche, einige davon in lebenswichtigen Organen.

Weil der Schüler zur Tatzeit 17 Jahre und damit nicht volljährig war, wurde er nach Jugendstrafrecht verurteilt. Ihm drohten maximal zehn Jahre Haft.

Die Polizei hatte nach dem mutmaßlichen Vergewaltiger in den Tagen vor dem Mord gefahndet, konnte ihn jedoch nicht finden. Die Familie hatte sich eigenständig auf die Suche gemacht. Vater und Sohn hatten den Angriff auf das wehrlose Opfer vor Gericht zwar eingeräumt, eine Tötungsabsicht jedoch bestritten.

 

Chronologie schwerer Fälle von Selbstjustiz

August 2015: Die Polizei in Nordrhein-Westfalen ermittelt gegen ein Ehepaar. Es soll gemeinsam mit einem Komplizen in Eschweiler bei Aachen einen Rachemord an einem 29-Jährigen verübt haben. Das Trio hatte vermutet, dass der Mann der zwölf Jahre alten Tochter des Ehepaars etwas angetan hat. Das Trio wurde festgenommen.

Juni 2014: Ein 27-jähriger Mann wird im badischen Neuenburg am Rhein erstochen. Ein 17-Jähriger gesteht die Tat und gibt als Motiv an, der Getötete habe seine Schwester vergewaltigt. Auch der Vater des Jugendlichen und ein Freund sollen an dem Messerangriff beteiligt gewesen sein. Seit April 2015 stehen die drei vor Gericht, für den 7.
Dezember wird das Urteil erwartet.

Januar 2014: Am Gerichtsgebäude in Frankfurt am Main tötet ein 49-Jähriger zwei 45 und 50 Jahre alte Männer. Die beiden standen wegen des gewaltsamen Todes seines Bruders vor Gericht. Hintergrund der Bluttaten war eine Fehde zwischen Autohändlern. Der 49-Jährige wird im Mai 2015 zu lebenslanger Haft wegen Mordes verurteilt.

Juni 2009: Ein Rentner entführt seinen Vermögensberater aus Speyer an den Chiemsee und hält ihn tagelang im Keller seines Hauses gefangen. Er fühlte sich um rund 2,4 Millionen Euro geprellt. Im Prozess gegen ihn vor dem Landgericht Traunstein spricht der Vorsitzende Richter von einem "aufsehenerregenden Fall der Selbstjustiz".

Oktober 2009: 27 Jahre nach dem Tod seiner Tochter Kalinka lässt der leibliche Vater den deutschen Stiefvater nach Frankreich verschleppen, damit dort ein neuer Prozess gegen ihn beginnen kann. Die französische Justiz verurteilt den in Deutschland nicht bestraften Arzt wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu 15 Jahren. Der Vater erhält 2014 wegen Selbstjustiz eine Bewährungsstrafe.

Februar 2004: Ein Russe, der 2002 bei der Flugzeugkatastrophe von Überlingen am Bodensee seine Frau und zwei Kinder verlor, ersticht einen Mitarbeiter der Schweizer Flugsicherung Skyguide. Er hatte in dem Mann, der in der Unglücksnacht allein im Zürcher Kontrollzentrum im Einsatz war, den Hauptschuldigen der Tragödie gesehen.

März 1981: Die Gastwirtin Marianne Bachmeier erschießt in einem Lübecker Gerichtssaal den mutmaßlichen Mörder ihrer siebenjährigen Tochter. Die Tat löst in der Öffentlichkeit eine heftige Diskussion um Selbstjustiz und den Umgang der Justiz mit Sexualstraftätern aus.

 

(felt/dpa)
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