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Fronleichnam
Bekenntnisse unserer Zeit

Was wissen Sie über unsere Feiertage?
Was wissen Sie über unsere Feiertage? FOTO: ap
Düsseldorf. Fronleichnam ist mit seinen Prozessionen das Hochfest, an dem Katholiken öffentlich ihren Glauben demonstrieren – ein Tag des Bekenntnisses. Mittlerweile aber bekennen wir uns öffentlich Tag für Tag zu vielen Dingen unseres Lebens. Von Lothar Schröder

Ob wir es glauben, oder nicht – wir alle sind öffentlich bekennende Menschen. Wir sind es Tag für Tag und können es dank digitaler Beschleunigung ohne großen Aufwand sogar Stunde für Stunde sein. Auf Facebook etwa bekennen wir uns zu unserer Urlaubsreise, zu Tierrechten, zu unseren Lieben, Vorlieben und Hasslieben.

Ein wenig altbackener, dafür vielleicht aber auch nachhaltiger sind jene Bekenntnisse, die wir mit Klebebildchen auf die Heckscheibe unserer Automobile platzieren. Ihre Verbreitung ist dann zwar nicht weltweit, aber doch immerhin so weit, wie das Gefährt bewegt wird. Friedenstauben schmückten in den 80er Jahren Käfer und Enten; im gleichen Atemzug bekannten wir uns zu Gegnern der Atomkraft, warnten davor, ein "Anfänger" zu sein oder "Kinder an Bord" zu haben. Größere Autos und somit oft auch ältere Fahrer bekennen sich aufklebend zu Deutschland, zu ihrem favorisierten Ferienziel (der Umriss von Sylt dürfte Spitzenreiter sein) und manchmal auch zur Heimatstadt. Zunehmend haben auch Kultmarken das Zeug zum Bekenntnis. Früher – in noch ungesunden Zeiten - war das Emblem von Gauloises-Zigaretten begehrt; heute ist es eher Apple. Vieles davon sind kurzlebige Lippenbekenntnisse, aber manchmal haben sie die Wucht einer bedeutenden Lebensentscheidung. Dann nennen wir das Bekenntnis auch Coming-out.

Ein großer Tag der Bekenntnisse ist das heutige Fronleichnamsfest. Nicht für Marken und Urlaubsparadiese, sondern für den Glauben. Natürlich gibt es auch das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Sonntag für Sonntag mehr oder weniger freudlos memoriert wird: "Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde..." Das sind Selbstvergewisserungen treuer Kirchgänger.

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An Fronleichnam aber ist alles anders. Weil Glaubensbekenntnisse an diesem Tag Bodenhaftung bekommen. Das Hochfest ist nämlich eine Demonstration des Glaubens. Wenn die Prozession der Gläubigen mit der Hostie in der Monstranz durch die Straßen zieht, begegnet das Allerheiligste dem Weltlichen. Der Leib Jesu Christi, der nach katholischem Verständnis in der Hostie gegenwärtig ist, wird in die Welt hinausgetragen. Das Sakrale trifft auf das Profane. Das erscheint ungeheuerlich, wobei es doch eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Fronleichnams-Prozessionen sind so etwas wie spirituelle Freiluftveranstaltungen – außerhalb der Kirche zwar, aber den Kirchturm noch im Blick. Unter all den angemeldeten und lautstarken Demos ist diese Art des Bekenntnisses leiser, aber älter. Seit 1246 feiert die Kirche das Hochfest. Vor dem Wutbürger auf unseren Straßen hat es den Glaubensbürger also schon gegeben.

Das schützt ihn nicht davor, zunehmend ein Unikum zu werden. Mit dem drastischen Schwinden der Kirchgänger wird auch die Schar der Glaubensgänger zu Fronleichnam überschaubar. Zentrale Prozessionen in den Städten sind inzwischen die Regel, nicht die Ausnahme. Dadurch gehören aber auch die Glaubenszwistigkeiten zwischen Katholiken und Protestanten einer eher kauzig anmutenden Vergangenheit an. Da die Verwandlung des Abendmahlsbrotes in den Leib Christi dem Eucharistie-Verständnis der evangelischen Kirche widerspricht, war Fronleichnam eine ausschließlich katholische Angelegenheit. Reformator Martin Luther (1483-1546) bezeichnete Fronleichnam als das "allerschädlichste Fest" und befeuerte so seine späteren Glaubensanhänger zu besonderem Widerstand. Demonstrativ wäschewaschende Protestanten am Fronleichnamstag sind Legende und Vergangenheit. Heutzutage wird mancherorts sogar ökumenisch prozessiert.

Das alles sind Bekenntnisse des Glaubens, die in die Welt getragen werden und nach innen wirken. Bekenntnisse sind identitätsstiftend und waren es immer schon. Berühmt sind die "Bekenntnisse" des Kirchenlehrers Augustinus, der Ende des vierten Jahrhunderts schonungslos auf sein Leben und seine Bekehrung zurückblickte. Die noch immer lesenswerte Schrift beschreibt den Weg von der Gottesferne zur Gottesnähe und damit auch die Route unserer Prozessionen. Wichtig ist der Charakter seiner Bekenntnisse als Memoiren. Denn nach Augustinus kann kein Glaube ohne Gedächtnis existieren. Originaltitel seiner Schrift ist "Confessiones", ein Wort, mit dem wir heute die Glaubenslehre beschreiben.

Unser Glaube ruht im Bekennen. Und es findet sich heute sogar auf unseren Windschutzscheiben wieder – im Symbol des Fisches. Den Urchristen diente es als Erkennungs- und Geheimsymbol. Es war das Bekenntnis einer verfolgten und bedrohten Minderheit. Auch das kann an Fronleichnam mit der öffentlichen Demonstration unseres Glaubens erinnerungswert sein.

Quelle: RP
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