Optimismus: Frühlingsgefühle - nur ein Mythos?
VON LARS JESCHONNEK - zuletzt aktualisiert: 20.03.2006 - 08:00Düsseldorf (rpo). Es ist ein klassisches Klischee: Wenn die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brechen und den Winter vertreiben, schlägt das Herz schneller und die Hormone hüpfen. Ein neuer Anfang, alles scheint wieder möglich - Frühlingsgefühle. Doch der Mythos bröckelt.
"Ich träume über deinen Augen wie an wunderheimlichen tiefen Quellen, das Kosen deiner Lippen schläfert mich ein wie Wellenrauschen." Großer Kitsch. Und große Literatur. Es ist der Prinz in Georg Büchners "Leonce und Lena", der seine Gefühle in diese Worte kleidet. Leonce ist verliebt. Und es ist Frühling.
Auch heute noch neigen die Menschen zu besonderem Verhalten, sobald der Tag wieder länger als die Nacht ist. Ab März überschwemmen die Bars, Clubs und Diskos die Städte mit Singlepartys, Jogger strömen in die Parks, die Eisdielen stellen die Tische vor die Tür.
Wunder der Technik
In der Informationsgesellschaft setzt das balzbereite Volk natürlich auch auf die Wunder der Technik. Eine der größten deutschen Internet-Partnerbörsen verzeichnet im April 18,3 Prozent mehr neue Mitglieder als im März. Von April auf Mai steigt die Zahl der Neuanmeldungen dann gar um 41,4 Prozent, zudem erhöht sich die Zahl der Logins um 42,7 Prozent und die Verweildauer auf der Seite verdoppelt sich.
Echten Technik-Freaks geht das nicht weit genug. Sie flirten mit ihrem Handy - aber nicht mittels Gespräch, Text-, Bild- oder Videobotschaft. Ihr Trick: Sie lassen sich anrufen und der Klingelton regelt den Rest. "Pherotones", Handytöne mit garantiertem Flirterfolg, sind in den USA die neueste Sensation auf dem Mobilfunkmarkt. Im Namen an die menschlichen Sexuallockstoffe Pheromone angelegt, sollen die Melodien das Unterbewusstsein des anderen Geschlechts in die Flirtfalle locken.
Identifikation mit dem Wetter
Abseits solcher Skurrilitäten hat Dr. Rolf Ahn eine Erklärung für das abweichende Verhalten der Menschen im Frühjahr. Der Düsseldorfer Psychotherapeut sagt, der Winter sei seine Hauptsaison: „Da kommen viele Leute mit Depressionen. Im Frühjahr dagegen werden wieder optimistische Gefühle geweckt. Der Mensch identifiziert sich mit dem Wetter.“ Es gelte die Grundregel: Je mehr Sonnenschein und je höher die Temperaturen, desto besser die Gemütslage.
Im Gegensatz zu den Wintermonaten beginnt der Normalbürger seinen Tag im Frühjahr im Hellen. Und Licht ist entscheidend. Denn bestimmte Zellen im menschlichen Körper reagieren darauf. „Licht setzt bestimmte chemische Prozesse in Gang", erklärt Ahn, das Glückshormon Serotonin werde verstärkt ausgeschüttet.
Der Hormon-Experte Prof. Dr. Klaus Mann ist anderer Meinung. Die Folgen der vermehrten Helligkeit seien ein rein psychologisches Phänomen. „Gutes Wetter versetzt uns in eine gute Stimmung, aber das hat nichts mit Hormonen zu tun. Aus Sicht der Endokrinologie ist das ein großer Unfug“, sagt der Forscher von der Uniklinik Essen.
Nicht nur vom Instinkt abhängig
Mann erklärt, bei Tieren gebe es dagegen sehr wohl entscheidende saisonbedingte hormonelle Veränderungen, zum Beispiel aus Gründen der Vermehrung. „Der Mensch aber ist ein hoch entwickeltes Lebewesen, das nicht nur von seinem Instinkt abhängig ist.“
Und sich scheinbar doch auf ihn verlassen kann. Glaubt man der Theorie von den Frühlingsgefühlen, müssten infolge der gesteigerten sexuellen Aktivität im Frühjahr die Monate Dezember, Januar und Februar die geburtenstärksten sein. Tatsächlich aber werden in Deutschland im Juli und August durchschnittlich rund zehn Prozent mehr Kinder geboren als in den übrigen Monaten. Ein Überbleibsel der Evolution: In den Sommermonaten ist das Nahrungsangebot am größten, die Überlebenschance für den Nachwuchs am besten.
Selbst angesichts der sprichwörtlichen Frühjahrsmüdigkeit hält sich der Mythos von den Frühlingsgefühlen hartnäckig. Prof. Mann erklärt das Phänomen mit dem menschlichen Unterhaltungsbedürfnis: „Die Leute freuen sich halt, wenn sie lesen: ‚Jetzt kommt der Frühling, jetzt kommt man in Wallung’. Aber die Geschichte ist nur ein Kunstprodukt, eine Erfindung der Medien.“
So ganz ernst meint offenbar auch Prinz Leonce in Büchners Lustspiel von 1836 sein Liebesgeständnis nicht. Er wundert sich, was die Menschen nicht alles aus Langeweile täten. Die Antwort gibt er sich selbst: "Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile." Frühling hin oder her.
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