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Plädoyer für den fiesen Herbst
Geiles Grau

Geiles Grau - Plädoyer für den fiesen Herbst
Es wird Regen geben. FOTO: pixabay.de
Düsseldorf. Während sich seine Mitmenschen noch nach ein paar goldenen Oktobertagen sehnen, will unser Autor die volle Packung niederschmetternden Herbst. Ein Plädoyer für Dauerregen und Nebelschlussleuchten. Von Sebastian Dalkowski

Die Leute denken wirklich, dass sie durchs Laub streunen müssten. Dass sie im goldgelben Schein der auf halber Höhe hängenden Sonne tief einzuatmen hätten, weil die Luft so herrlich, so klar, so frisch ist. Die Leute sind davon überzeugt, dass in einem Gesetz nachzulesen ist, wir müssten die wenigen Tage im Herbst mit blauem Himmel eben unter diesem verbringen. Sie sind dann ganz begeistert und sagen: "Dass das dieses Jahr noch mal so schön wird!"

Mein Herbst ist kein Ponyhof. Mein Herbst ist ein Wolfsgehege. In meinem Herbst regnet und stürmt es tagelang und wenn es nicht regnet, dann reißt auf keinen Fall die Wolkendecke auf. Nicht ein Millimeter Blau. Morgens um 9 wird der Himmel dunkelgrau, um 5 wieder schwarz. Am Wochenende ziehe ich mir meine Regenjacke an, hänge sie zwei Stunden später zum Trocknen über einen Stuhl und freue mich, dass der Regen noch immer gegen die Scheiben knallt. Erst mal drei Stunden nach draußen gucken. Ab und zu, sonntags vielleicht, Nebel. Du geiles Grau.

Mir ist rätselhaft, warum die meisten Menschen diese Begeisterung nicht teilen. Schon die banalen Gründe sprechen für meine Vorstellung von Herbst, alles andere ist Herbst für Anfänger.

Ich kann ohne schlechtes Gewissen drinnen bleiben. Ich freue mich umso mehr auf den ersten Frühlingstag. Niemand erwartet von mir gute Laune. Fast alle meine Platten klingen bei schlechtem Wetter besser.

Es geht aber noch viel weiter.

Im Herbst, den ich meine, bin ich plötzlich mit mir und dem Regen allein, kein Labrador, der mit mir durchs Laub tobt. Das Glück muss ich mir erarbeiten, weil kein Sonnenstrahl meine Nase kitzelt. Da ist bloß das tonnenschwere Grau. Jetzt kommt alles zurück, was ich im Sommer verdrängt habe. Diese Gedanken, so so viele Gedanken, und alle fühlen sich wichtig und deshalb bedrohlich an, weil es draußen stürmt und schüttet. Alles wirkt existentiell. Nichts kommt mir banal vor, jeder Einfall wie ein Geniestreich. Selbst der kurze Gang zum Bäcker ist eine Entscheidungsschlacht. Alles ist Endzeit.

Dieser Herbst ist anstrengend oder zumindest bedrückend, dieser Herbst macht traurig, aber er bringt mich weiter, weil das ganze Wetter ruft: Denk an deine Probleme! Denk an deine Probleme! Und dann denke ich auch an meine Probleme, also über meine Probleme nach. Der Weg in die Zerstreuung ist mir versperrt, und deshalb finde ich - ab und zu - eine Lösung, einen Ausweg. Draußen ist noch alles dunkelgrau, in mir ein Millimeter Blau.

 
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