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Gerhard Ludwig Kardinal Müller
Auch der Papst ist kein Supermann

Gerhard Ludwig Kardinal Müller: Auch der Papst ist kein Supermann
Der gebürtige Mainzer wacht seit fünf Jahren über die katholische Lehre weltweit: der Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller. FOTO: epd
Düsseldorf. Er gehört zu einflussreichsten Bischöfen der katholischen Kirche: Gerhard Ludwig Kardinal Müller. Seit 2012 ist der 69-jährige Deutsche Präfekt der Glaubenskongregation. Jetzt hat er ein 600-seitiges Werk verfasst – über die Sendung und den Auftrag des Papstes. Von Lothar Schröder

Das Buch über die Sendung und den Auftrag des Papstes beginnt erst einmal mit Ihnen, Ihrer Kindheit und Jugend. War der Papst schon damals so prägend für Sie?

Müller Nun, der Papst in der damaligen Zeit war für mich und alle Katholiken erst einmal weit weg. Da hat man höchstens mal etwas vom Pfarrer oder Religionslehrer gehört. Oder wenn eine Enzyklika veröffentlicht wurde. Es geht mir um das besondere Verhältnis zum Papst, der ja nicht der Chef einer Welt- Institution ist, sondern der erste Zeuge des Evangeliums. Darum wird er auch gemeinsam mit dem jeweiligen Ortsbischof bei jeder Messe genannt.

Wie oft sehen Sie Papst Franziskus?

Müller Sehr oft, das kann man eigentlich gar nicht zählen.

Der Papst oder auch das Papstamt erscheint mir zunehmend für Gläubige wie auch für Nicht-Gläubige in irgendeiner Form faszinierend zu sein.

Müller Bei manchen dürfte das sicherlich zunächst die Faszination für einen Prominenten sein. Das gibt es ja auch. Andere suchen nach einer geistigen und moralischen Orientierung, die man so nicht leicht bei andern Figuren der Weltpolitik findet. Man sucht nach Instanzen, die nicht vom Eigeninteresse bestimmt sind, sondern sich für übergeordnete Ziele der Menschheit – wie Frieden, Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit – einsetzen. Papst Franziskus ist die höchste moralische Autorität in der Welt. Auch von Atheisten wird er als authentische Leitfigur und als Orientierungspunkt anerkennt.

An der Unfehlbarkeit des Papstes – eine Zuschreibung erst aus dem 19. Jahrhundert – stoßen sich viele Menschen.

Müller In der Kultur des Relativismus und der Skepsis ist es um die Wahrheitsfrage schlecht bestellt. Da könnte man auch gleich fragen, wie es um die Unfehlbarkeit der Kirche insgesamt und des Papstes insbesondere bestellt ist. Aber das kann man doch nur in einem Zusammenhang sehen und verstehen. Gott hat sich uns Menschen in Jesus Christus offenbart und die Kirche als Instanz dieser Bezeugung mit der Unfehlbarkeit bei der Auslegung des geoffenbarten Glaubens ausgestattet. Das meint jetzt keine menschliche Unfehlbarkeit in intellektuellen und moralischen Themen, sondern beschreibt ein besonderes Charisma, um die Offenbarung wahrheitsgemäß und unverkürzt vermitteln zu können. Denn es ist wichtig, dass wir Relativismus und Nihilismus überwinden. Der menschliche Geist ist in der Lage, sich auf die Wahrheit auszurichten. Wir sollen doch bitte nicht so skeptisch sein gegenüber den Möglichkeiten, die Gott in Bezug auf unser Hören und Verstehens seines Wortes an uns besitzt.

Der erste Papst – nämlich Petrus – ist ein auch schwacher Mensch gewesen. Welche Schwächen dürfen wir seinen Nachfolgern zugestehen?

Müller Jeder Mensch ist schwach und sterblich. Jesus hat zu seinen Aposteln nicht die Klügsten, Reichsten und Prominentesten erwählt. Sondern einfache Menschen, Handwerker, Fischer. Wir hängen eben von der Gnade Gottes ab und nicht von den Leistungen, die wir täglich so erbringen. Darum ist es wichtig, im Papst, in den Bischöfen und Pfarrern nun nicht die Supermenschen zu suchen oder, wenn sie diese überzogenen Erwartungen nicht erfüllen können, uns enttäuscht vom Evangelium und der Kirche abwenden. Alle bedürfen der Vergebung. Aber in der menschlichen Schwachheit erweist sich die Gnade Gottes. Wir verehren den Papst nicht wegen seiner menschlichen Höchstleistungen, sondern weil ihm von Christus ein besonderer Dienst für die ganze Kirche aufgetragen worden ist.

Würden Sie in diesem Sinne auch den Rücktritt von Benedikt XVI. als eine menschliche Schwäche bezeichnen?

Müller Altersbedingt reichten seine Kräfte wohl nicht mehr aus, um der Verantwortung dieses Amtes gerecht zu werden. Aber es war nicht so, dass er einfach in Pension gegangen ist. Er bleibt Bischof und betet für die Kirche.

Hat sich mit diesem zwar rechtlich möglichen, jedoch ungewöhnlichen Rücktritt das Bild vom Papstamt verändert?

Müller Die Frage stellt sich in unserer Zeit besonders, da die Menschen heutzutage länger leben und dennoch ihre Kräfte abnehmen. Es ist aber wichtig, dass wir jetzt nicht in dieses Extrem verfallen, das Papstamt funktionalistisch sehen. Es kommt auf die Sendung an, die Gnade und den Auftrag, der lebenslang gegeben ist und nur in Ausnahmefällen verkürzt wird. Es wird also nicht üblich werden, dass Päpste auf die Ausübung ihres Amtes verzichten.

Die deutschen Bischöfe haben unlängst einen Kommentar zum apostolischen Schreiben "Amoris laetitia" unter anderem über das Sakrament der Ehe veröffentlicht. Der fand nicht ihre Zustimmung.

Müller Mein Interview, auf das sie sich beziehen, entstand vorher. Es ist auch nicht mein Stil, Handreichungen der Bischöfe öffentlich zu kritisieren. Aber ich halte es nicht für besonders förderlich, wenn jeder einzelne Bischof Kommentare zu päpstlichen Schreiben herausgibt, um zu erklären, wie er subjektiv das Schreiben versteht. Es kann nicht darum gehen, dass die vom Papst formulierte allgemein verbindliche Lehre der Kirche regional unterschiedlich und sogar gegensätzlich ausgelegt wird. Die Basis der Kirche steht auf der Einheit des Glaubens. Die Kirche erfährt keine neue Offenbarung mehr. Niemand könnte die Sakramente als Gnadenmittel nach eigenem Gutdünken verändern, etwa so, dass es im Bußsakrament die Absolution ohne die Reue, mit dem Vorsatz nicht mehr sündigen zu wollen, erteilt werden kann.

Gehört dazu auch Ihre Skepsis gegenüber einer historisch-kritischen Auslegung der Botschaft.

Müller Die historisch-kritische Auslegung ist voll und ganz akzeptiert. Aber sie darf eben nicht verbunden werden mit einer rationalistischen Philosophie und einem rationalistischen Weltbild – wie es seit dem 17. und 18. Jahrhundert der Fall war, sondern sie muss kompatibel sein mit einer Erkenntnistheorie, die ein wirkliche geschichtliche Offenbarung für möglich erachtet.

Sie gehen auch auf Martin Luther ein und schreiben, dass seine Kritik an Praktiken der Kirche damals – etwa die Ablasspredigten des Johann Tetzel – gerechtfertigt war. Ist sie das heute noch?

Müller Aus den Umständen heraus war sie auf diesen Punkt des Ablasshandels und damit der Kommerzialisierung der Heilsvermittlung bezogen sicherlich gerechtfertigt. Was ich aber nicht anerkenne, ist, dass von diesem Punkt aus das ganze Wesen der Kirche neu definiert worden ist. Wegen des Missbrauchs damals kann doch z.B das Bischofsamt und der Petrusdienst, wie sie von Jesus eingesetzt worden sind und im Heiligen Geist ausgeübt werden, nicht in Frage gestellt werden. Es bleibt falsch zu sagen, dass die katholische Glaubenslehre zu Amt und Sakrament auf einem Missverständnis des Evangeliums aufbaut. Daraus sind dann die großen Konflikte entstanden. Es geht aber nicht darum, die Kämpfe von damals heute nur etwas vornehmer zu wiederholen. Es kann nur darum gehen, dass wir die ererbten Probleme so deuten, dass wir so weit wie möglich zusammenwachsen können. Wir sollten zumindest die Spannungen über das, was uns dogmatisch und liturgisch trennt, unter Wahrung des jeweiligen Wahrheitsgewissens, abzubauen versuchen. Das hindert nicht, dass wir jetzt schon gemeinsam Zeugnis für Christus und sein Evangelium ablegen und in christlichem Geist für das Gemeinwohl tätig sind.

Der Wunsch nach Einheit wäre demnach zu viel und würde uns überfordern?

Müller Die Einheit der Kirche ist nicht Gegenstand unserer Wünsche, sondern ein Gebot Christi, dass alle, die an ihm glauben, in einer echten sakramentalen Gemeinschaft des kirchlichen Lebens und Bekenntnisses verbunden sind. Auch das muss man sehen: Der konfessionelle Streit hat wesentlich dazu beigetragen, dass eine säkularistische Kultur entstanden ist, die so agiert "als ob es Gott nicht existiere".

Stört es Sie, wenn man Sie Glaubenswächter der katholischen Kirche nennt?

Müller Ich weiß, dass das nicht so freundlich gemeint ist. Ich habe Sinn für Humor, wenn diese Ironie durch Wiederholung auch schon etwas von ihrer Originalität eingebüßt hat.

Sehen Sie denn als sogenannter Glaubenswächter eine Chance, dass in der katholischen Kirche noch einmal über das Weiheamt auch für Frauen gesprochen wird?

Müller Frauen sind immer wichtig gewesen für das ganze kirchliche Leben – im Bereich der Erziehung, der Bildung und Wissenschaft, der kirchlichen Verwaltung, in der Ehe, Familie. Das Sakrament der Weihe in den Stufen des Bischofs, Priesters und Diakons ist dafür nicht notwendig und nicht möglich, wie es sich aus diversen Studien auch der Glaubenskongregation ergibt.

Gibt es Versuche von Papst Franziskus, mit Donald Trump in Kontakt zu kommen? Gerade in Flüchtlingsfragen gibt es da sehr unterschiedliche Auffassungen.

Müller Über unsere vatikanischen Botschafter, die Apostolischen Nuntien, versuchen wir, unser Menschenbild einzubringen. Das Interesse der vatikanischen Diplomatie ist es, mit dem mächtigsten Staat der Welt in Kontakt zu kommen, um zu zeigen, dass etwa die internationale Flüchtlingsproblematik nicht von einem einzelnen Staat gelöst werden kann. Man kann nicht sagen: Wir machen jetzt die Schotten dicht. Trotz unterschiedlicher Sprachen und Sitten sind alle Kinder Gottes und müssen füreinander Verantwortung übernehmen.

Wird Papst Franziskus demnächst nach Deutschland kommen?

Müller Es gibt andere Staaten, die der Präsenz des Heiligen Vaters dringender bedürfen. Papst Franziskus spricht immer von den existentiellen und materiellen Peripherien, die ihm am Herzen liegen. Aber die Entscheidung zu seinem Reise-Programm kenne ich nicht. Wir können uns sicherlich freuen, wenn er nach Deutschland kommt. Wenn er vorher zu anderen geht, sollte man das aber nicht gleich als tragisch bezeichnen. Von Deutschland aus ist es sehr leicht, nach Rom zu pilgern oder über die Medien seine Botschaften zu hören. Das wichtigste ist es aber, dass wir dort, wo wir sind, uns nicht nur als Christen verstehen, sondern auch als Christen leben und handeln.

(los)
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