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Auf Spurensuche im Fall Andreas L.
Ein Augenleiden drohte den Pilotentraum zu zerstören

Germanwings: Augenleiden drohte Pilotentraum zu zerstören
FOTO: AP
Montabaur/Düsseldorf. Andreas L. war vernarrt in die Fliegerei. Der Amokpilot, der 149 Menschen mit in den Tod riss, war in Montabaur ein Vorbild. Doch er litt an einer Augenkankheit. Spätestens im Juni wäre sein Leiden wohl auch den Ärzten bei Germanwings aufgefallen. Von Christian Schwerdtfeger

Für Andreas L. steht schon in frühester Jugend fest, dass er einmal Pilot werden will. Von seinem Elternhaus in einem noblen Montabaurer Ortsteil sieht er seit Kindesbeinen im Sommer täglich die Segelflieger vom nahe gelegenen Flugplatz aufsteigen und beobachtet, wie sie über den Westerwald kreisen. Er kauft sich Magazine über Flugzeuge, verpasst im Fernsehen keine Dokumentation übers Fliegen und hängt in seinem Kinderzimmer Poster von Cockpits an die Wand. Als er alt genug ist, melden ihn seine Eltern beim örtlichen Segelflugclub, dem LSC Westerwald, an. Sie unterstützen das Hobby ihres Sohnes. Er ist gerade einmal 14 Jahre alt, als er seinen Gleitflugschein macht. "Er war nicht nur vom Fliegen begeistert, er hatte auch das nötige Talent dafür", erinnert sich einer seiner damaligen Fluglehrer. "Er hatte schon früh das Ziel, Berufspilot zu werden." Diesem Ziel ordnet er alles unter. Er achtet auf seine Ernährung, raucht nicht, hält sich fit mit Laufen, seiner zweiten Leidenschaft.

Ein anständiger Durchschnittstyp sei "der Andi" gewesen, sagt Nachbar Johannes (23), der ihn öfters draußen joggen gesehen hat. Ehemalige Schulkameraden beschreiben ihn als nett, unauffällig und strebsam, als einen, der nicht angeeckt ist. In der Abiturzeitung aus dem Jahr 2007 werfen seine Mitschüler einen Blick in "Andis" Zukunft. Dort schreiben sie, dass er Berufspilot werde, aber dann immer noch bei seinen Eltern wohnen würde. Zudem werde er nach jahrelangem Training am Triathlon "Iron Man Hawaii" teilnehmen.

Nach seinem Abitur, das er mit durchschnittlichen Noten bestanden haben soll, bewirbt er sich für die Pilotenausbildung bei der Lufthansa und wird noch im selben Jahr genommen. Er erfüllt die Grundvoraussetzungen: Er hat keine Sehbehinderung, spricht Englisch und ist körperlich topfit. An der Verkehrsflieger-Schule in Bremen beginnt seine Ausbildung, die er jedoch schnell wieder unterbrechen muss. Zu Hause erklärt er seinen Kameraden im Segelflugclub Westerwald seine Auszeit damit, dass er mal Ruhe bräuchte, die Ausbildung sehr stressig sei. In Wahrheit sollen psychische Probleme der Grund für die Pause gewesen sein. Andreas L. darf dennoch zurück an die Pilotenschule. Er besteht nach der Unterbrechung alle Tests und schließt die Ausbildung erfolgreich ab. Im Frühherbst 2013 stellt ihn Germanwings ein, zunächst als Co-Pilot. Er zieht nach Düsseldorf, nimmt sich mit seiner Freundin, einer Gesamtschullehrerin, eine Wohnung am Stadtrand.

Persönliches Ziel fast erreicht

L. hat sein Ziel fast erreicht. Aber noch ist er nicht Chef im Cockpit. In seinem Heimatfliegerverein ist er ein Star, wird dort zum Vorbild vieler Kinder und Jugendlicher, die ihm ab nun nacheifern, weil er es vom Segelflieger aus dem beschaulichen Montabaur ins Cockpit eines Airbus A 320 geschafft hat und die ganze Welt bereist. Doch dann soll bei Andreas L. irgendwann das aufgetreten sein, was bei einem Piloten unter keinen Umständen auftreten darf: Probleme mit den Augen. Gerade als er kurz davor steht, seinen Kindheitstraum zu leben, als Chefpilot das Cockpit eines Passagierflugzeuges zu übernehmen, muss er befürchten, dass seine Augen ihn im Stich lassen könnten. Er geht zu einem Arzt, der bei ihm ein Augenleiden feststellt - für einen Piloten vermutlich eine Diagnose, die im schlimmsten Fall das Berufsaus bedeuten kann. Diese Diagnose behält L. offenbar für sich und teilt sie nicht seinem Arbeitgeber mit.

Doch spätestens im Juni wäre sein Leiden auch den Ärzten bei Germanwings aufgefallen, denn dann soll laut "Bild" die nächste medizinische Untersuchung angestanden haben. Andreas L. hat vermutlich befürchtet, dass sein Kindheitstraum spätestens dann zu Ende gewesen wäre. Psychologen schließen nicht aus, dass er deshalb die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht haben könnte.

Quelle: RP
 
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