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Germanwings-Absturz
Staatsanwalt stuft Andreas Lubitz als flugunfähig ein

Fotos: Germanwings-Opfer kommen heim
Fotos: Germanwings-Opfer kommen heim FOTO: ap
Paris/Düsseldorf. Es ist das Bild eines völlig zerrütteten Menschen, das der französische Chefermittler Brice Robin vom Germanwings-Copiloten Andreas Lubitz zeichnet. Der 28-Jährige war nach Ansicht des Staatsanwalts von Marseille, der die Ermittlungen leitet, flugunfähig. Warum Lubitz sich trotzdem ins Cockpit des A320 setzen durfte, sollen nun Vorermittlungen klären.  Von Reinhard Kowalewsky und Christine Longin

Robin hat Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung angekündigt. "Es geht hier um die Flugsicherheit, wenn ein Pilot psychisch labil ist", sagte Robin am Donnerstag. Die Krankenakte von Lubitz ist erdrückend. Siebenmal konsultierte er in den Wochen vor dem Absturz Ärzte, dreimal Psychiater. Einer sprach von einer Psychose, die durch seine Augenprobleme hervorgerufen wurde. Der junge Mann klagte über Schatten im Gesichtsfeld und Lichtblitze, ohne dass die Uniklinik Düsseldorf bei einer Untersuchung eine organische Ursache fand.

Die Angst vor dem Verlust der Flugerlaubnis war so groß, dass Lubitz zuletzt nachts nur noch zwei Stunden schlief und die doppelte Menge Antidepressiva nahm. Was genau er am Absturztag eingenommen hatte, soll eine Untersuchung seines Mageninhalts klären, die noch nicht abgeschlossen ist. "Alle Elemente zeigen, dass er an tiefer Niedergeschlagenheit litt und das Ziel hatte sich umzubringen." Ob seine Angehörigen über den Zustand des 28-Jährigen auf dem Laufenden waren, wird Robin gefragt. "Die Person, die mit ihm lebte, muss es gewusst haben. Sie hat ihn zum Arzt begleitet."

Die Unglücksstelle am Tag nach dem Absturz FOTO: dpa, sh

Wie zudem bekannt wurde, soll der Copilot bis kurz vor der Katastrophe mit dem Gedanken gespielt haben, allein beispielsweise mit Zyankali Selbstmord zu begehen, anstatt ein ganzes Flugzeug zum Absturz zu bringen. Dies zeigen Ermittlungsergebnisse aus der Analyse seines iPads, das die Polizei bei der Durchsuchung seiner Wohnung in Düsseldorf fand. Das Material zeigt auch, dass der Copilot sich noch am Tag vor der Katastrophe über Patientenverfügungen informierte – er wollte also wissen, wie er eine Situation vorbereiten könne, in der ein Suizid missglückt. Über dies alles berichteten NDR, WDR und die "Süddeutsche Zeitung" unter Verweis auf Justizquellen.

Die neue Lage erhöht den Druck auf Lufthansa, mit den Angehörigen der 149 Opfer eine einvernehmliche Lösung zu Entschädigungen zu finden. "Ein Lufthansa-Mitarbeiter hat die Katastrophe gezielt herbeigeführt", sagt der Mönchengladbacher Anwalt Christof Wellens, "dafür muss der Konzern Verantwortung tragen." Das Unternehmen kündigte an, "bald eine einvernehmliche Lösung mit den Angehörigen anzustreben".

Germanwings-Absturz - Ermittler zeigen Fotos der zweiten Blackbox FOTO: dpa

Im Vordergrund stehen Unterhaltsansprüche für Witwen, Witwer und Waisen. So vertritt Wellens vier Kinder, deren Eltern bei dem Unglück zu Tode kamen. "Für diese Kinder muss Unterhalt bis zum 27. Lebensjahr bezahlt werden", sagt er. Doch weil in der Maschine nicht viele Eltern von unterhaltsberechtigten Kindern gesessen haben, halten sich die Summen in Grenzen: "Selbst wenn ich für ein Kind im Monat 800 Euro zahle", sagt der Berliner Anwalt Elmar Giemulla, "sind das nach 20 Jahren nur rund 200.000 Euro."

Die große Frage wird sein, in welcher Höhe es eine Kompensation für die Schmerzen und den Schock von Angehörigen für die Katastrophe gibt. So steht den Eltern der 16 getöteten Halterner Schüler nach deutschem Recht fast kein Geld zu, weil der Ausgleich seelischer Schmerzen in der Rechtssprechung keine große Rolle spielt. Andererseits sieht das Recht in Frankreich und erst recht in den USA hohe Zahlungen für seelische Verletzungen wegen einer Katastrophe vor.

Germanwings-Absturz: Die Ermittlungen zum Unglücks-Flug 4U9525

Was wird nun passieren? Anwälte haben Lufthansa aufgefordert, einen Vorschlag für eine pauschale Zahlung zu machen. Beim Absturz der Concorde wurden pro Opfer 1,2 Millionen Euro ausgezahlt. Anwalt Giemulla schlug einmal eine Million vor. Andere Kollegen halten 250.000 Euro für denkbar – weniger wird für Lufthansa undenkbar sein.

Quelle: RP
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