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Gottfried Wilhelm Leibniz
Der Mann, der so viel wusste

Vor 300 Jahren starb Gottfried Wilhelm Leibniz. Er gilt als ein bedeutender Gelehrter und war einer der wichtigsten Philosophen seiner Zeit. Seine Strahlkraft bis in die Moderne ist enorm. Über sich selbst schrieb er einmal: "Beim Erwachen hatte ich schon so viele Einfälle, dass der Tag nicht ausreichte, um sie niederzuschreiben." Von Wolfram Goertz

Der Nobelpreis als renommierteste Ehrung der Moderne ehrt vor allem Fachkompetenz. Da hat einer auf einem Spezialgebiet Großes geleistet - er hat beispielsweise die kapillarmotorischen Regulationsmechanismen des Körpers entdeckt. Oder er hat Gründe für Anomalien bei Nickelstahl-Legierungen aufgespürt. Oder er hat sich um die hellenische Lyrik verdient gemacht. Einen Preis für Universalisten, für weise interdisziplinäre Geister, die in mehreren Fachgebieten eine Koryphäe sind, gibt es nicht. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716) hätte ihn als Erster verdient gehabt, vor allen anderen. Aber zu seiner Zeit gab es den Nobelpreis noch nicht.

Die Zeit der Internet-Automaten

Einer wie Leibniz ist heute undenkbar, das Wissen der Welt ist zu groß geworden, als dass einer es bündeln könnte. Das übernehmen längst Internet-Automaten. Der Philosoph Richard David Precht sieht in Leibniz gleichwohl ein Rollenvorbild: der Philosoph als "Generalist, der versucht, die Wissenschaften aufeinander zu beziehen und ihnen zu helfen, sich selbst besser zu verstehen". Der Philosoph als "unabhängiger Supervisor" werde heute dringend gebraucht, und an Leibniz könne man sich orientieren. Vor allem war Leibniz der erste Mensch, der digital dachte - nicht nur, weil er die erste digitale Rechenmaschine baute. Er stellte sich, so Precht, "auch alles andere digital vor, das heißt als eine Entscheidung zwischen Eins und Null. Die Eins war für ihn Gott und die Null das Nichts."

Hätte er heute gelebt, so würde er vermutlich Wikipedia gründen und dieses Internet-Lexikon ganz allein bestreiten, weiterhin würde er Papst Franziskus, Wladimir Putin und die Techniker-Krankenkasse beraten, natürlich hätte er Professuren für Jura und Philosophie inne. Und nicht zuletzt machte er sich durch seine Forschungen zur Indogermanistik unsterblich. Zu viele Jobs auf einmal? Unser heutiger Großdenker hat sie - auf seine Zeit übertragen - tatsächlich alle ausgeübt. Leibniz war der vielseitige Mensch schlechthin, der rastlos von Fach zu Fach eilte. Seine Eltern - der Vater war Professor, die Mutter Tochter eines solchen - lebten ihm die akademische Vielseitigkeit zwischen Jurisprudenz und Philosophie vor. Bei den Leibnizens wurde viel geredet und gestritten; die Debatte als wirkungssichere Zentrifuge, bei der die jeweils beste aller möglichen Ideen übrig bleibt, bekam er vorgelebt. Der kleine Gottfried eroberte als Knirps die väterliche Bibliothek, brachte sich Latein und Griechisch bei, begann zu staunen und auch zu verstehen. Heutzutage würde man einem so aufgeweckten, ja hyperaktiven Kerlchen zur Dämpfung seines Bildungshungers vielleicht Ritalin verpassen.

Irgendwann schlug in Leibniz der Blitz ein. Längst studierte er - als 15-Jähriger - an der Uni seiner Heimatstadt Leipzig, wechselte dann nach Jena. Es war offenkundig ein Studium generale, das ihn mit Kompetenz vollstopfte, aber auch in den Fugen zwischen dem Wissen die Frage wachsen ließ, ob alle Dinge des Lebens und Erlebens nicht von einer zentralen Macht koordiniert, von einer geheimen Idee im Innersten verbunden seien. Wer ist, fragt Leibniz, der "Architekt der Maschine des Universums"?

Mehr noch loderte Leibniz' unstillbare Neugier, der Substanz als solcher nahezukommen. Da bauten sich gewaltige Vordenker auf, an die sich der Denker jedoch, wie es seine Art war, mitnichten ehrfürchtig anlehnte. Früh schon schrieb er, dass er zur Sicht auf die Dinge am liebsten ein Mikroskop verwende; bekannt wurde sein Bild vom Teich, in dem man vor lauter Gewimmel die Fische nicht mehr unterscheiden könne. Aber mit dem Mikroskop meinte er kein echtes, sondern den Scharfblick des Denkens. Hierbei glaubte er zu bemerken, dass alles - vom Baumstamm bis zum Menschen - aus einer Summe jeweils individueller Elemente bestehe. Um diese Unverwechselbarkeit zu betonen, nannte Leibniz sie "Krafteinheiten" oder - als Terminus legendär geworden - "Monaden".

Wer hat die Monaden erschaffen?

Jede Monade ist vorzüglich ausgestattet: Sie besitzt weder Gestalt noch Ausdehnung, sie ist folglich unteilbar. Auch die Seele war für Leibniz nichts anderes als eine Monade. Leibniz' Monaden scheinen omnipräsent und omnipotent - scheinbar eigenschaftslos, doch in Wirklichkeit sehr aktiv, bindungswillig, unbewusst vielseitig.

Hübsch war Leibniz' Idee, dass jede Monade "fensterlos" sei. Das scheint zunächst abwegig, da sich Monaden doch verbinden, also füreinander Augen haben müssen. Diesen Einwand konterte Leibniz: Jede Monade sei so urtümlich intelligent, dass sie den Zustand jeder anderen Monade kenne. So komme es zu Anordnungen, zu Verbänden, die Leibniz "Aggregate" nannte. Folgen wir Leibniz' Argumentation, so ergibt sich dieses Gesamtbild: Was wie ein Körper aussieht, ist bloß ein Aggregat vieler Monaden. Natürlich gibt es auch bei den Monaden solche und solche: Um die "Zentralmonaden" gruppieren sich andere Monaden, viele sind nur nackt, manche tragen Bewusstsein in sich. Mineralien und Pflanzen sind sozusagen schlafende Monaden bar bewusster Vorstellung; die Seele der Tiere ist schon mit Gedächtnis und Sensibilität ausgestattet; der Mensch kann sich alles deutlich und hell vorstellen.

Die Mutter aller Fragen auch hier: Wer hat die Monaden erschaffen, wer steuert sie, wer bringt sie in Kontakt? Die Urmonade in Leibniz' System ist Gott, der alle Substanzen so gepolt hat, dass sie bei jeweils autonomer Entwicklung doch in genauer Übereinstimmung mit allen anderen stehen. Dieses von den Monaden schlafwandlerisch betretene Koordinatensystem nannte Leibniz die "prästabilierte Harmonie", an der Gott maximalen Anteil habe: Laut Leibniz habe Gott "alle Monaden programmiert", sagt der Leibniz-Kenner Rainer Specht.

Ein kühnes, doch logisches Welt- und Gottesbild. Das attestiert zu bekommen freute Leibniz schon zu Lebzeiten, denn er suchte ja die Fraktionen philosophisch zu einigen und zu versöhnen: die Logik mit der Physik, die Theologie mit der Metaphysik. Und wie er so durch die Welt eilte, Akademien gründete, das Welfenhaus Hannover beriet, Bibliotheken ordnete, mit anderen Forschern diskutierte, als Historiograf wirkte und dem Sonnenkönig Ludwig XIV. Kriegspläne auszureden suchte, erblickte dieser selbst so "monadisch einsame" Leibniz (so der Philosoph Gerhard Krüger) das nächste Problem, das es zu lösen galt. Wenn doch der allwissende, vollkommene Gott die Monaden und ihre Beziehungen weitsichtig beaufsichtige und liebend bündele, wie könne dann in einer dermaßen freundlichen, tatsächlich fast klinisch anmutenden Welt das Übel mit all seinen unangenehmen Facetten vorkommen?

 "Essais de théodicée" 

Diese Frage löste Leibniz im Jahr 1710, also spät in seinem Leben dieses "könnenssüchtigen Sonnenkönigs des Denkens" (Peter Sloterdijk über Leibniz). Jetzt ging es für Leibniz, den Metaphysiker der Logik und Logiker der Metaphysik, ans Eingemachte - also das steinalte Problem, wie ein Gott zu rechtfertigen sei oder sich selbst rechtfertige angesichts des von ihm zugelassenen Übels in der Welt. Die "Theodizee" Gottes ist ein Kernpunkt jeglicher Religionsphilosophie, da sie entweder die Existenz eines Gottes und seines Ratschlusses anerkennt oder sie ebendarum leugnet. Was also, fragte nun auch Leibniz, sei von einer Welt zu halten, in der so viel Unheil wüte?

Leibniz sprach in seinen "Essais de théodicée" trotzdem optimistisch von der "besten aller möglichen Welten", die Gott, das vollkommene Wesen, hervorgebracht habe; eine Welt von minderem Niveau sei Gottes nicht würdig. Trotzdem war die Formulierung mit ihrer unverhohlenen Einschränkung (über die sich Voltaire lustig machte) Absicht, der Abstand zwischen Gott und allen Wesen liege gerade in ihrem von Gott eingerichteten Mangel an Vollkommenheit. So dürfen, ja müssen sich diverse Übel einschleichen: Sie sind metaphysischer Art (als einkomponierte Ungöttlichkeit der Menschen), physischer Art (Schmerzen, Leid) oder moralischer Art (durch die Sünde).

Leibniz lehrte: Wenn ein Mensch sündigt, so ist sich Gott dieser Sünde bereits vorher bewusst. Trotzdem lässt er sie zu. Warum, wozu? Wilhelm Windelband interpretiert seinen Leibniz hier so: "Die Welt könnte anders sein; dass sie so ist, wie sie ist, verdankt sie der Auswahl, die Gott zwischen den vielen Möglichkeiten getroffen hat." Man könnte gewiss sagen: Gottes Votum für das Übel als unvermeidliches Beiwerk der menschlichen Freiheit war ein Votum für das kleinste aller Übel. Andererseits birgt es das Potenzial, dass aus der "besten aller möglichen" vielleicht die "beste aller Welten" werde. Eine Utopie, Leibniz ahnte es. Aber sie schien ihm die einzige Möglichkeit, Logik und Metaphysik zu vermählen.

Leibniz selbst formulierte diese schneidende These fast warmherzig: "Es genügt also, dieses Vertrauen zu Gott zu haben, dass er alles zum Besten tut und dass denen, die ihn lieben, nichts schaden kann. Die Gründe aber im Einzelnen zu erkennen, die ihn bewogen haben mögen, die Sünden zu dulden, das überschreitet die Grenzen eines endlichen Geistes - vor allem, solange er noch nicht in den Genuss der Anschauung Gottes gelangt ist."

So konnte sich Leibniz - der übrigens keinen einzigen Freund hatte - am 14. November 1716 in Hannover erschöpft und zufrieden von der Welt verabschieden; der geniale Enzyklopädist tat es in dem Gefühl, für den als verteidigungswürdig empfundenen Gott der "beste aller möglichen Anwälte" (Sloterdijk) gewesen zu sein.

Quelle: RP
 
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