Ekel-Rituale bei der Bundeswehr: Guttenberg stellt sich vor die Truppe
zuletzt aktualisiert: 23.02.2010 - 12:04Düsseldorf (RPO). Die Ekel-Rituale bei den Mittenwalder Gebirgsjägern sind offenbar kein Einzelfall. Auch bei anderen Einheiten der Bundeswehr soll es schockierende "Aufnahme-Prüfungen" gegeben haben. Reinhold Robbe, Wehrbeauftragter der Bundeswehr, soll entsprechende Berichte von Soldaten gesammelt haben. Verteidigungsminister Guttenberg warnt vor voreiligen Schlüssen.
Die Affäre um Ekel-Rituale bei der Bundeswehr weitet sich aus. Der Bundestags-Wehrbeauftragte Reinhold Robbe legte den Mitgliedern des Verteidigungsausschusses eine Sammlung von 23 Zuschriften vor, in denen Reservisten von Exzessen in den vergangenen Jahrzehnten berichten. Demnach waren die Rituale der Gebirgsjäger im bayerischen Mittenwald kein Einzelfall.
Ähnliche Rituale in Bischofswiesen-Strub
Die Nachrichtenagentur DPA zitiert aus zwei E-Mails Robbes, in denen ähnliche Rituale bei der Gebirgsbataillon in Bischofswiesen-Strub beschrieben werden. Außerdem enthalten die Schreiben Schilderungen über ähnliche Exzesse in weiteren Teilen der Bundeswehr, unter anderem auch bei der Marine.
Robbe will voraussichtlich am Mittwoch vor dem Verteidigungsausschuss zu den neuen Erkenntnissen Stellung beziehen. Vorher wolle er sich nicht in der Öffentlichkeit zu dem Thema äußern. "Selbstverständlich müssen alle zusätzlich eingegangenen Hinweise überprüft werden", wird Robbe von DPA zitiert. Erst nach abschließender Auswertung könne letztendlich eine Bewertung vorgenommen werden.
Schon vor Robbes Auftritt vor dem Verteidigungsausschuss warnt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vor voreiligen Schlüssen. "Pauschalurteile verbitte ich mir", sagte Guttenberg am Dienstag in Berlin. Er sicherte eine umfassende Aufklärung der Vorwürfe zu. Jedem Fall werde nachgegangen und mögliche Disziplinarverstöße geprüft. Abschließende Urteile seien aber jetzt nicht möglich. Und über Konsequenzen sollte nach dem Ende der Aufklärung geredet werden.
Rollmöpse mit Frischhefe
Schon Mitte Februar haben sich die Berichte über entwürdigende Aufnahmerituale in der Bundeswehrkaserne von Mittenwald ausgeweitet. "Nach der Eingabe eines Soldaten zu den Vorgängen bei den Gebirgsjägern in Mittenwald haben sich jetzt noch weitere Soldaten aus der betroffenen Einheit, aber auch aus anderen Standorten mit Eingaben über die Zustände bei mir gemeldet", wurde Robbe von der "Bild am Sonntag" zitiert. Insgesamt fünf weitere Soldaten, aktive und ehemalige, sollen sich Robbe gemeldet haben.
Zunächst hatte sich ein Soldat bei Robbe beschwert, der bei einem Initiationsritual des Gebirgsjägerbataillons 233 im Juni 2009 Rollmöpse mit Frischhefe essen musste, wie auch Ermittlungen der Bundeswehr bestätigten. Die Staatsanwaltschaft München prüft Ermittlungen gegen einen Soldaten wegen des Verdachtes auf vorsätzliche Körperverletzung.
"Übermäßiger Alkoholkonsum spielt eine große Rolle"
Robbe sieht bei Teilen der Bundeswehr ein Alkohol-Problem: "Es zeigt sich bei den Schilderungen, dass offenbar übermäßiger Alkoholkonsum eine große Rolle gespielt hat. Ich habe den Eindruck, dass es bei bestimmten Truppenteilen unserer Bundeswehr nach Dienstschluss ein Alkoholproblem gibt, das wir entschieden bekämpfen müssen. Koma-Saufen darf es bei der Bundeswehr - einer Einsatzarmee - an den Standorten im In- und Ausland auf gar keinen Fall geben."
Der Verdächtige ist kein Offizier
Nach Angaben des Sprechers der 10. Panzerdivision, zu der der Hochgebirgsjägerzug gehört, ist der Soldat, gegen den ermittelt wird, kein Offizier. Vielmehr handle es sich um einen Wehrdienstleistenden, der seinen Grundwehrdienst freiwillig verlängert habe. Der Soldat sei derzeit weiterhin im Dienst, damit er für die Ermittlungen verfügbar gehalten werde, sagte Sprecher Peter Wozniak. Inzwischen sei die erste Runde der Vernehmungen abgeschlossen. jetzt würden mögliche Konsequenzen geprüft. Die Bundeswehr arbeite hier eng mit den Ermittlungsbehörden zusammen.
Bei den aktuellen Fällen, die Robbe in seinen E-Mails an die Abgeordneten beschreibt, handelt es sich um Vorkommnisse in der Kaserne von Bischofswiesen-Strub, die nur wenige Kilometer von Mittenwald entfernt ist. Die betroffenen Soldaten geben, 1993/94 und 2003/2004 ihren Wehrdienst bei den dortigen Gebirgsjägern geleistet zu haben. "Es werden ein paar Bier um die Wette getrunken, man muss um die Wette unter Stühlen durchrobben, zwischendurch erneut ein paar Bier trinken. Und muss aus einer ekligen Suppe (Stichwort: Rohe Leber) was trinken", heißt es in der DPA vorliegenden Mail.
"Rotarsch-Ritual" mit der Bohrmaschine
Ein weiterer Soldat, der vor 20 Jahren auf einem Marine Zerstörer eingesetzt war, berichtet in seinem Brief an den Wehrbeauftragten Robbe vom sogenannten "Rotarsch-Ritual": "Eine Bohnermaschine (eine mobile Maschine mit einer großen elektrisch betriebenen Borstenscheibe) wurde in Betrieb gesetzt und dem Rekruten an den nackten Hintern gehalten, bis dass dieser rot war."
Insgesamt 54 Zuschriften habe er zu dem Fall Mittenwald erhalten, teilte Robbe den Abgeordneten mit. Drei Einsender habe um Konkretisierung ihrer Fälle gebeten. Offenbar handelt es sich um die Schreiben, die sich mit den Vorgängen bei den Gebirgsjägern befassen. Die Sammlung der Zuschriften ließ Robbe auch dem Heeresführungskommando und dem Verteidigungsministerium zukommen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







