Phänomen Schweinegrippe: H1N1: Pannen und Widersprüche
VON ANANDA MILZ - zuletzt aktualisiert: 14.11.2009 - 09:57(RP). Die Fälle von Schweinegrippe steigen in Deutschland weiter an. Damit wächst nicht nur die Unsicherheit in der Bevölkerung. Und auch die widersprüchlichen Aussagen von Ärzten und Behörden sowie unvorhersehbare Pannen wie Impfstoff-Engpässe häufen sich.
Eine aktuelle Umfrage von "Infratest dimap" im Auftrag des ARD-Morgenmagazins zeigt: Nur jeder vierte Deutsche hält eine Impfung gegen das Virus für notwendig. 43 Prozent würden sich auf keinen Fall gegen die Schweinegrippe impfen lassen, das sind mehr als noch im Oktober. Ähnlich hoch sind die Zahlen bei einer Umfrage auf diversen Internet-Plattformen. Als Grund für die Impfmüdigkeit nennen dort die Befragten unter anderem mangelnde oder sogar widersprüchliche Aufklärung durch Ärzte und Behörden. Die wichtigsten Themen, die für Unsicherheit sorgen, hier im Überblick.
Impfen bei Kindern
Eine einheitliche Impfempfehlung gibt es bereits für Kinder ab einem halben Jahr. Unklarheit herrscht aber häufig darüber, ob Kinder einmal oder zweimal geimpft werden sollten.
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Köln bringt es indes auf eine genaue Formel. Für die Impfung gegen Schweinegrippe gilt: Alle Kinder vor dem zehnten Lebensjahr bekommen zweimal die halbe Impfdosis. Und zwar in einem Abstand von drei Wochen. Ab dem zehnten Geburtstag werden die Kinder einmal mit der ganzen Dosis geimpft.
Bei der saisonalen Grippe empfiehlt der Verband ebenfalls das Aufsplitten der Impfung. Allerdings mit einer anderen Altersgrenze: unter drei Jahren zweimal die halbe Dosis; ab dem dritten Lebensjahr einmal die ganze Impfmenge.
Großer Impf-Engpass für NRW
Nach der Chargen-Panne des Pharma-Herstellers GlaxoSmithKline sollten nächste Woche an NRW nur 140.000 Impfdosen anstatt der vorgesehenen 400.000 Einheiten geliefert werden. Ausgehend von dieser Zahl war mit einem großen Impf-Engpass zu rechnen.
Nach aktueller Lage ist diese Befürchtung vom Tisch. Wie das Gesundheitsministerium NRW unserer Zeitung gestern mitteilte, kann der Pharma-Hersteller bereits 388.000 Dosen des Wirkstoffs "Pandemrix" liefern. Demnach wird allein die Landeshauptstadt Düsseldorf am Montag mit 17.500 zusätzlichen Impfdosen versorgt.
Laut Gesundheitsministerium gehen 16 Prozent der weltweiten Herstellung von "Pandemrix" allein nach Deutschland. Nach Bevölkerungsschlüssel zugeteilt, gehen davon 22 Prozent an Nordrhein-Westfalen.
Erhebliche Verzögerungen bei Impf-Terminen
Auch wenn der Impf-Engpass nicht so schlimm ausfällt wie befürchtet, kann es bei Patienten in den nächsten zwei bis drei Wochen in der Tat zu Verzögerungen kommen. Die Behörden geben diesbezüglich jedoch Entwarnung. Wie das Robert-Koch-Institut in Berlin empfohlen hat, sei es in erster Linie wichtig, Risiko-Gruppen wie Ärzte, Krankenhaus-Personal und chronisch Kranke gegen den Erreger zu impfen.
"Das ist in jedem Fall in NRW auch derzeit möglich", betont ein Sprecher des hiesigen Gesundheitsministeriums. Für alle anderen versichert er, dass Ende November/Anfang Dezember mit Bestimmtheit jeder geimpft werden könne. Vor allem Karnevalbegeisterte sollten sich dann unbedingt gegen H1N1 impfen lassen. Bis dahin empfiehlt das Gesundheitsministerium, die verschärften Hygienemaßnahmen zu beachten, die ebenfalls gegen die Verbreitung des Erregers helfen.
Die Zahlen aller gemeldeten H1N1-Fälle:
Wegen der rasanten Ausbreitung der Schweinegrippe in Deutschland wird die Meldepflicht eingeschränkt. Ärzte müssen ab heute Verdachtsfälle und Grippekranke ohne Labornachweis nicht mehr an die Gesundheitsämter melden, wie ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums in Berlin gestern bestätigte.
Künftig müssen nur noch Todesfälle gemeldet werden, die in Verbindung mit der Schweinegrippe stehen könnten. Auch Patienten, bei denen die Infektion aufgrund von Laboruntersuchungen eindeutig nachgewiesen wurde, müssten weiterhin gemeldet werden, so der Ministeriumssprecher weiter.
Laut Robert-Koch-Institut (RKI) ist die bisherige Meldepflicht im Hinblick auf den Erregernachweis nicht mehr sinnvoll. Wie RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher unserer Zeitung mitteilte, lieferten die bisherigen Testergebnisse eine gute Datenbasis, um die Verbreitung der neuen Influenza weiterhin einschätzen zu können. Bei rund 40 Prozent der auf H1N1 getesteten Patienten sei das Virus bisher nachgewiesen worden.
Krankheitsverlauf
Patienten mit schweren H1N1-Symptomen sollten in einer Klinik behandelt werden, die über hochspezialisierte Beatmungsgeräte verfügen und damit über eine intensivmedizinische Technik – die so genannte Extrakorporale Membran-Oxygenierung (Ecmo). Es ist ein Verfahren, bei der eine Maschine teilweise oder vollständig die Atemfunktion von Patienten übernimmt. Die Uniklinik Düsseldorf verfügt über zehn solcher Geräte, vier davon sind immer einsatzbereit. Die Uniklinik Bonn besitzt drei Ecmo-Geräte. Weitere gibt es an den Unikliniken Köln, Münster sowie Bochum.
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