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Damals und heute
Heldengeschichten

Damals und heute: Heldengeschichten
Held aus Kindertagen: Sänger, Schauspieler und Cowboy Roy Rogers (1911-1998). FOTO: dpa
Düsseldorf. Wir alle kennen, schätzen und lieben sie: unsere Helden. Aus Filmen, dem Sport, dem Leben. Was Helden für uns alles sein können, erfahren Sie hier. Außerdem lesen Sie die persönlichen Heldenbekenntnisse einiger RP-Redakteure. Von Lothar Schröder

Es war auf einem dieser elend langen amerikanischen Highways. Trostlos bei Tage, deprimierend bei Nacht. Doch dann leuchtete in der Ferne eine bunte Werbefigur auf, nicht sonderlich gut zu erkennen zunächst, bis sich dann nach und nach alles offenbarte: der Hut, ein Colt, ein Cowboy – unglaublich: Roy Rogers!

So hieß der Burger-Laden. Und so hieß mein Held aus ziemlich frühen Kindheitstagen. Allzu lange aber blieb Roy Rogers nicht der Erwählte. Schließlich kapierte man schnell, dass echte Helden nicht fabrikneue Hüte trugen, glattgebügelte Hemden (oft mit peinlichen Fransen) und polierte Stiefel. Außerdem noch ein smartes Dauerlächeln. Das alles aber war Roy Rogers. Und jetzt seine grell leuchtende Großfigur irgendwo in Florida, die mich für ein paar Augenblicke des Staunens und des Wiedererkennens weit, weit zurückführte.

Wenig Geschmack und Mangel an Alternativen

Auch das ist eine Heldengeschichte. Und dass sie so früh ihren Anfang nahm, ist bezeichnend. Weil Helden oft gute Partner für die ersten Lebenserfahrungen sind. Helden sind dann wie Leitplanken. Einige Zeit später werden aus Helden Vorbilder, wenn einem das Pathos der Verehrung irgendwie komisch erscheint und die Liebe nicht mehr vorbehaltlos ist. Um den Schauspieler und Country-Sänger Roy Rogers (1911-1998) zum Helden zu machen, bedurfte es viel Naivität, wenig Geschmack und Mangel an Alternativen. Hinzu gesellte sich im vorliegenden Fall ein mehr oder weniger tiefsitzendes Kindheitstrauma: Denn in der Karnevalszeit musste ich die Indianerkostüme der älteren Schwester auftragen. Die waren zwar ganz okay. Doch wenn es auf der Straße sonst nur vor Cowboys wimmelt, können die jecken Tage zur harten Bewährungsprobe geraten.

Zum Retter in der Not – wenn auch unerreichbar – wurde Roy Rogers. Vielleicht auch deshalb, weil er nie wie ein echter Cowboy aussah. Wie John Wayne wegen meiner oder auch Burt Lancester. Roy Rogers blieb ein buntes, fröhliches Abziehbild davon; er sah immer nur verkleidet aus. Wie zu Karneval. Also wie wir kleinen Möchte-gern-Cowboys und Möchte-gern-Helden. Roy Rogers reichte mir quasi die Hand und schien im Grunde einer von uns allen zu sein. Wenn auch der Größte.

Mit Helden ist es so eine Sache. Und dass wir ihnen gegenüber in späteren Lebensjahren skeptischer werden, hat seine Gründe. Einer davon ist der Missbrauch des ursprünglich antiken Heros. Mit dem Etikett des Helden versehen, verreckten Millionen von Menschen in beiden Weltkriegen. Mit "Heldenmut" gingen sie in den "Heldentod" – eine Beschwörung, die an Zynismus kaum zu überbieten ist. In späteren Nachkriegszeiten wurde das Heldentum ökonomisiert. Der "Held der Arbeit" wurde geboren und lauthals propagiert. Eine Missbrauchsgeschichte des Heroischen ist das. Sie hat unser Verhältnis zum Helden ambivalent werden lassen. Im späten 20. und 21. Jahrhundert hat das Misstrauen gegenüber Helden zugenommen. Bert Brecht hat das so formuliert: "Arm das Land, das Helden braucht."

Vom Heldentod bis zum Arbeiterhelden – es gibt viele Versuche, den Helden irgendwie nützlich zu machen, ihn vor einen Karren zu spannen. Das aber hat mit dem Helden wenig bis gar nichts zu tun. Der Held handelt von sich aus. Seine heroische Tat entspringt keiner Verordnung und keiner Propaganda. Philip Zimbardo – einst Psychologie-Professor an der renommierten Stanford Universität – meinte dazu: "Um ein Held zu sein, braucht man nur eines: die Bereitschaft, für andere zu agieren."
Man kann Helden nicht installieren und etablieren. Genau darin besteht ihre Unabhängigkeit und auch ihre Einzigartigkeit. Helden treten ja auch nicht in Mannschaftsstärke auf.

So singulär der Held erscheinen mag, so bleibt er doch auf uns angewiesen. Er mag genau das Richtige zur richtigen Zeit tun und dabei selbstlos im Dienste aller handeln – ein Held aber wird er immer nur dann, wenn die Menschen ihn auch lieben. Wir sind es, die Nutznießer und Verehrer, die Helden zu Helden küren. Der ohnehin nicht ganz ernst gemeinte Bandname "Wir sind Helden" ist darum eine Falschaussage; niemand macht sich selbst zum Helden.

Das Lied der Nibelungen

Wie auch der einsame, unbeachtete Held nie in die Geschichte eingehen wird. Er ist immer auf eine Erzählung angewiesen, auf eine Überlieferung. Mit dieser Voraussetzung hebt Deutschlands ältestes und berühmtestes Heldenepos an, das Lied der Nibelungen aus dem 13. Jahrhundert. Und seine mittelhochdeutsche Sprache ist einfach zu schön, um darauf hier verzichten zu können:

"Uns ist in alten mæren / wunders vil geseit / von helden lobebæren, / von grôzer arebeit, / von fröuden hôchgezîten, / von weinen und von klagen, / von küener recken strîten / muget ir nu wunder hoeren sagen." Sinngemäß heißt das: Uns wird in alten Geschichten an Wunderbarem viel erzählt: von rühmlichen Helden, von großem Leid, von Freudentagen und Festtagen, von Schmerz und Trauer und vom Kampf tapferer Helden könnt ihr jetzt Wunderbares erzählen hören.

Mit der ersten Strophe steht fest, dass das Lied der Nibelungen Helden macht und dass Siegfrieds bis heute währendes Heldendasein auch dem Verfasser des Epos geschuldet ist.

Manche sagen, dass das Heldentum ohnehin längst passé sei. Zumal heroische Taten so leicht nicht zu erzählen sind. Das mag mit einem Blick auf die antiken, martialischen Anfänge zutreffen. Natürlich ist Tapferkeit heute kein Indiz mehr, schon gar nicht in kriegerischen Auseinandersetzungen, in denen oft die hoch entwickelte Waffentechnik über Sieg oder Niederlage entscheidet. Schon der biblische David bezwang den riesigen Goliath mit einer Steinschleuder – also einer Distanzwaffe. Technik, keine Muskelkraft gab den Ausschlag schon in diesem Zweikampf.

Das Heldentum ist dennoch nicht verschwunden. Aber es ist diffuser geworden. Es gibt die stillen Helden und die Helden des Alltags, die Sporthelden und die Titelhelden. Unser Gebrauch des Etiketts ist beliebiger geworden. Auch dadurch hat es an politischer Schärfe und Brisanz verloren.
Und würden wir dann auch Gott einen Helden nennen? Wohl eher nicht. Gott will nicht in diese Kategorie passen. Auch das sagt etwas über die Helden aus: Sie sind durch und durch menschlich und darum keineswegs unfehlbar. Kein Held ist so spannend wie der gebrochene Held, der zaudernde und mit sich hadernde. Wie auch der traurige Held. Ihr Ahnherr ist und bleibt Don Quijote, der tapfer gegen Riesen ankämpft, auch wenn diese nur Windmühlen sind.

Das letzte Bild

Kaum einer bleibt uns so lange und so intensiv in Erinnerung wie der geschlagene Held. Dem Heldentum muss immer auch die Möglichkeit des Sturzes innewohnen. Und die Fallhöhe ist es, die letztlich seine Größe bestimmt.

Vielleicht ist darum auch Roy Rogers so schnell verblasst. Er kam nie wirklich in die Gefahr zu straucheln. Sein Lächeln blieb siegesgewiss. Sein Hemd unbeschmutzt. Seine Stiefel lackiert. Roy Rogers ist nicht viel mehr gewesen als die Imitation eines Helden. Mein letztes Bild von ihm auf dem Dach des Fast-Food-Restaurants war damals das aus dem Rückspiegel. Klein und kleiner werdend.

Die Heldenbekenntnisse unserer Redakteure

Winnetou, Klinsmann, Bibi Blocksberg - viele Menschen schwärmen in ihrer Jugend für einen realen oder fiktiven Helden, der irgendetwas besonders gut kann, geachtet wird oder einfach so nett ist wie Marijke Amado.

 
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