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Bischof Helmut Dieser
"Wir wollen unsere Kultur nicht aufgeben"

Helmut Dieser: "Wir wollen unsere Kultur nicht aufgeben"
"Flucht ist ein Alarmzeichen dafür, dass Gerechtigkeit und Frieden schlicht und einfach gescheitert sind": Bischof Helmut Dieser. FOTO: Bauer
Aachen. Der neue Aachener Bischof Helmut Dieser spricht im Interview mit unserer Redaktion über den Islam, die Hilfe für Flüchtlinge und die Zukunft des Glaubens. Von Lothar Schröder

Am Samstag ist es soweit: Mit einem feierlichen Pontifikalamt wird der bisherige Trierer Weihbischof Helmut Dieser in sein neues Amt als Bischof von Aachen eingeführt. Der 54-Jährige tritt damit die Nachfolge von Bischof Heinrich Mussinghoff an.

Brauchten Sie eine Zeit, um entscheiden zu können, ob Sie die Wahl annehmen?

Dieser Ich musste eine Nacht darüber schlafen, ich musste drüber beten und die Herren vom Aachener Domkapitel empfangen und spüren, dass es stimmt. Daraufhin gab es für mich kein gutes Argument, die Wahl abzulehnen, mit dem ich vor Gott und vor mir selber bestehen könnte.

Wie gut kennen Sie Aachen und Ihr neues Bistum?

Dieser Ich kenne es aus dem Geschichtsunterricht. Und als Student habe ich die beiden großen Hilfswerke dort besucht. Dann kommt noch ein Ausflugstag dazu, den ich als Kaplan nach Aachen mit meiner Gemeinde damals unternommen habe – mit einer tollen Führung im Dom für Kinder. Die war so ansprechend, die habe ich gut in Erinnerung. Und danach – das muss ich zu meiner Schande gestehen – nicht mehr. Das war dann auch der Moment, als die beiden Domkapitulare, die mir die Nachricht der Wahl überbrachten, ein bisschen erschreckten. (Dieser lacht)

Welche Sprache muss man sprechen, um die Menschen erreichen und Phrasen vermeiden zu können?

Dieser Wenn einer, der verkündigt, in Phrasen spricht, ist das eine Katastrophe – dann hat er nicht verkündigt. Das ist eine der großen Herausforderungen, die wir als Kirche haben. Wir müssen so sprechen, dass die Menschen merken und spüren, dass ich selbst damit ringe. Ich habe ja auch selber Schritte der Aneignung gebraucht. Ich kann doch nicht irgendetwas ablesen; ich muss authentisch, glaubwürdig und ganz und gar heutig sein.


Sie werden im Bistum angesichts rückläufiger Zahlen sowohl bei den Priestern als auch bei den Gläubigen auch "Strukturarbeit" leisten müssen. Wird das eine der großen Aufgaben sein?

Dieser Gemeinschaftsbildung gehört zur Kirche. Das Evangelium ist keine Botschaft, die in die Vereinsamung führt. Nur gemeinsam ist auch die Fülle des Glaubens erfahrbar. Ich brauche die anderen, die mit mir glauben. Darum ist das, was Sie mich fragen, keine Nebensache. Jetzt komme ich in ein Bistum, das schon Formen gefunden hat – wie die Gemeinschaft der Gemeinden. Im Bistum Trier sind wir in unserer Synode zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Wir brauchen Räume, in denen unterschiedliche Formen christlichen Lebens entstehen können, die sich untereinander vernetzen müssen. Wir werden jedenfalls nicht mehr in sogenannten klassischen Pfarreien den Glauben leben. Diese Form der Gemeindetheologie der 70er Jahre hat sich überlebt. Wir haben sie aber immer noch verinnerlicht, und das macht es vielen schwer. Wir dürfen aber darauf vertrauen, dass kirchliches Leben sich nicht von oben nach unten organisiert, sondern: das Amt sieht, was sich entwickelt, und fördert es.

In Ihrem Wahlspruch steht das Wort Frieden. Welche realistische Möglichkeit hat denn die Kirche, darauf weltweit Einfluss zu nehmen?

Dieser Zunächst: Geläutert durch die eigene Geschichte stehen wir kompromisslos dafür ein, dass menschliches Zusammenleben gewaltfrei sein muss. Auch in Glaubensfragen darf es keine Gewalt geben. Es kommt auf den Dialog und auch auf die Kultur des Dialogs an. Derzeit erleben wir eine Verrohung unserer Gesellschaft, gefördert durch die sozialen Medien. Das ist erschreckend, wo wir doch dachten, wir seien heute viel kultivierter. Aber offenbar sind wir immer noch der alte Adam und die alte Eva, die immer wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen.

Wie wichtig ist dabei der interreligiöse Dialog? Und wer ist beim Islam dann Ihr Ansprechpartner?

Dieser Wir brauchen den interreligiösen Dialog. Ohne den geht es nicht. Die Frage nach dem richtigen Ansprechpartner ist ein schwieriger Punkt. Sie ist auch die Frage danach, wie wir zu verlässlichen Vereinbarungen kommen können. Wenn ich keine Menschen habe, die für andere stehen, wird der Dialog immens schwierig. Dafür habe ich selbst noch keine klare Lösung, zumal der Islam ein Amt, wie wir es haben, nicht kennt. Das macht es kompliziert.

Eine weitere Herausforderung: Werden wir mit dem Zuzug von Flüchtlingen auf unabsehbare Zeit rechnen müssen? Und was sagen sie Menschen, die die Kirche dafür kritisieren, dass sie Menschen muslimischen Glaubens hilft?

Dieser Wenn wir uns mit Flucht abfinden, heißt das: Resignation. Flucht ist ein Alarmzeichen dafür, dass Gerechtigkeit und Frieden schlicht und einfach gescheitert sind. Wir müssen alle überlegen, was wir tun können, damit Menschen nicht flüchten müssen. Flucht ist nichts, was man hinnehmen sollte. Darum müssen wir die Ursachen dieser Flucht viel stärker bekämpfen. Es bleibt auch der Anspruch, dass alle, die jetzt zu uns gekommen sind, die Gelegenheit haben, wieder frei und sicher in ihre Heimat zurückzukehren und einen Neuanfang ohne Angst und Gefahr zu unternehmen. Bei der Frage der Integration brauchen wir aber auch den Mut, unsere Vorstellungen des Zusammenlebens in den Dialog einzubringen; auf Dinge zu bestehen, die in unserer Geschichte Errungenschaften sind und die wir nicht mehr aufgeben möchten – wie zum Beispiel die Rechtsstaatlichkeit und die Stellung der Frau. Wir wollen unsere Kultur nicht aufgeben. Darüber müssen wir gemeinsam mit denen, die zu uns kommen, im Dialog bleiben.

Und die Vorwürfe, die katholische Kirche unterstütze jetzt auch Muslime?

Dieser Genau das ist die Glaubwürdigkeit, die uns das Evangelium jetzt abverlangt. Glauben wir wirklich, dass es echte Nächstenliebe gibt? Oder ist es am Ende doch nur die Liebe zu den eigenen? Das Evangelium spricht eindeutig von der Nächstenliebe. Barmherzigkeit gilt allen, sie ist nichts Elitäres. Das ist ein Test für unsere Glaubwürdigkeit. Nehmen wir Jesus ernst, oder haben wir Angst? Würde die Angst siegen, wäre das ein Bankrott.

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