Kirchentag in Bremen: Helmut Schmidt betet für Obama
VON VOM KIRCHENTAG BERICHTET UNSER REPORTER JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 22.05.2009 - 20:10Bremen (RPO). Alt-Kanzler Helmut Schmidt hat bei einer Veranstaltung auf dem Evangelischen Kirchentag in Bremen seine Sympathie für US-Präsident Barack Obama bekundet - und ebenso deutlich seine Abneigung gegenüber Obamas Vorgänger George W. Bush.
Ohne Bush beim Namen zu nennen, sprach Schmidt vor 6000 Zuschauern davon, dass ein "reichlich anmaßender Präsident" auf internationale Zusammenarbeit verzichtet habe, während dessen Nachfolger das ja nun anders machen wolle. Schmidt schloss mit einem Stoßgebet: "Der liebe Gott möge ihm helfen, dass es gelingt." Riesenapplaus.
Schon als der 90-Jährige das Podium der Halle erklomm - gebeugt, gestützt von Helfern, mit Stock - ertönte brausender Beifall. Schmidt sprach mit dem amerikanischen Weltbankpräsidenten Robert B. Zoellick über "Verantwortung in der globalen Krise".
Der deutsche Sozialdemokrat begann mit einem persönlichen Wort: Er freue sich, wieder mal in Bremen zu sein, wo er von 1937 bis '39 seine Wehrpflicht absolviert habe, die dann direkt in den Krieg übergegangen sei. Der Wehrpflicht-Sold in Höhe von 50 Pfennig pro Tag habe gerade dazu gereicht, um nach Bremen zu fahren, dort Remmer Bier zu trinken und sich mit Freunden zu treffen, die keine Nazis waren.
Schmidt forderte den Aufbau einer internationalen Finanzaufsicht, die die Finanzmärkte kontrollieren soll. Dies erfordere einen längeren Prozess, prophezeite Schmidt, weil man es mit 200 Nationalstaaten auf der Welt zu tun habe. Die Weltwirtschaftskrise sei noch nicht vorbei, meinte er weiter, "wir sind noch lange nicht über den Berg". Das Fehlen von "Verkehrsregeln" für die internationalen Finanzmärkte habe in den letzten Jahrzehnten zu "unglaublichem Missbrauch geführt".
Er nannte drei Bedingungen zur Überwindung der Krise: Die Banken müssten saniert, das Vertrauen in ein System der Überwachung der Finanzmärkte hergestellt und die Nachfrage stimuliert werden. Zur Globalisierung oder einer Politik, die auf Wachstum setzt, sah er keine Alternative.
Die Neuordnung des Banken- und Finanzwesens wird nach Schmidts Überzeugung nicht ohne die Bereitschaft der Bankenvorstände und Aufsichtsräte zu Veränderungen gelingen. "Das Tragische ist, dass wir die innere Mitarbeit der Übeltäter brauchen", spottete er. Auf die Frage aus dem Publikum, wo das Geld zur Bankenrettung und für die Konjunkturprogramme herkomme, antwortete Schmidt:"Das Geld kommt aus der Druckerei - und das ist kein Witz, sondern die Wahrheit."
Für Heiterkeit sorgte ein Geplänkel mit Weltbankpräsident Zoellick: Schmidt sagte irgendwann, die Masse der Deutschen sei doch ganz gut gelungen; eine Minderheit sei kriminell, da könne man nichts machen, die müsse man ins Gefängnis stecken - und es gebe Investmentbanker. Gelächter, Applaus. Podiumspartner Zoellick, der selbst Investmentbanker war, parierte nach kurzem Überlegen: Natürlich seien Investmentbanker eine sehr schwierige Gruppe - gleich nach den Politikern. Nochmal Gelächter, und Schmidt applaudierte wie alle im Saal Zoellick zu.
Alles in allem sah Schmidt nicht in der gegenwärtigen Krise das Hauptproblem der Menschheit - die sei in den Griff zu bekommen. Die wahre Herausforderung sei die Überbevölkerung: "Heute leben 30 mal so viele Menschen auf der Erde wie zu Zeiten von Jesus on Nazareth."
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