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Wander-Experiment
"Ich fand dieses Deutschland wahnsinnig freundlich"

Henning Sußebach - „Ich fand dieses Deutschland wahnsinnig freundlich“
Henning Sußebach am Start seiner Reise - einem Strand an der Ostsee. FOTO: Henning Sußebach
Düsseldorf. Henning Sußebach hat Deutschland von der Ostsee bis zur Zugspitze durchwandert, ohne auf Asphalt zu laufen. Was hat der Journalist dort gefunden? Von Sebastian Dalkowski

Haben Sie sich als Kind gerne ins Gebüsch geschlagen?

Henning Sußebach Klar. Es gab damals dieses tolle Wort "Geheimversteck", auch wenn jeder wusste, wo dieses Geheimversteck lag. Das Faszinierende an diesen Orten war: Sie waren frei von Zuschreibungen durch Erwachsene.

Sie sind in Bochum aufgewachsen. Bis zum Gebüsch mussten Sie vermutlich eine Weile laufen.

Sußebach Vor meinen Eltern konnte ich mich höchstens hinter den Mülltonnen verstecken. Ich wohnte in einer Reihenhaussiedlung am Rande einer Trabantenstadt am Rande von Bochum. Vorgarten, Autos, 70er Jahre. Aber in der Nähe unserer Straße begannen die südruhrgebietlichen Felder und Täler, und in einem dieser Täler war ein Wald und der Wald war umkränzt von einer Art Gestrüpp. In Kindergröße konnten wir durch dieses Gestrüpp wie durch einen Tunnel laufen. Je nach Jahreszeit hingen dort die Pollen oder es war matschig und roch modrig.

Sie haben immer in Großstädten gewohnt. Im vergangenen Sommer sind Sie von der Ostseeküste bis zur Zugspitze gelaufen. Mit der Einschränkung, Straßen nur überqueren zu dürfen, niemals längs zu gehen wie üblich. Sie haben sich also wieder ins Gebüsch geschlagen. Was haben Sie dort eigentlich gesucht?

Sußebach Mich trieb die reine Neugierde. Mir war aufgefallen, dass das Terrain, auf dem wir uns bewegen, winzig ist. In Deutschland sind 6,2 Prozent der Fläche versiegelt. Straßen, Bahnhöfe, Bürgersteige. Dort halten wir uns so gut wie immer auf. Das heißt, ich kenne mehr als 93 Prozent gar nicht. Und genau dort wollte ich gehen. Verbunden war das mit der Hoffnung, dass ich etwas Ungewöhnliches erlebe, wenn ich mich ungewöhnlich fortbewege.

Sie haben sich als Städter ziemlich schnell schuldig gefühlt auf dem Land. Warum?

Sußebach Ich habe 13 Jahre in Berlin gelebt, im Epizentrum des städtischen Bewusstseins im Prenzlauer Berg. Schon damals fiel mir auf, dass das Stadtleben einerseits großartig ist, andererseits auch dünkelhaft und bigott. In der Stadt fühlt man sich oft wie im Zentrum der Welt. Sehr politisch, sehr schlau. Obwohl man oft nur Zuschauer des Weltgeschehens ist. Dieser Eindruck hat sich auf dem Land bestätigt.

Berlin ist also nicht das Zentrum?

Sußebach Ich habe gemerkt, dass politische Entscheidungen, die in der Stadt gefällt werden, sich insbesondere auf dem Land manifestieren. Nehmen wir die Energiewende. Für mich als Städter war die Energiewende damit erledigt, dass ich den Stromanbieter gewechselt habe. Auf dem Land werden zahllose Biogas-Anlagen gebaut – und mit Mais betrieben. Unterwegs bin ich in ein Dorf geraten, da hat der letzte Bauer die Viehhaltung eingestellt und die Mitarbeiter rausgeschmissen, weil Mais jetzt profitabler ist. Durch diese Monokultur erkennen auch viele Leute ihre Heimat nicht wieder. Und wegen des Maises gibt es eine riesige Wildschweinplage. All das heißt nicht, dass ich die Energiewende schlecht finde, aber sie hat auf dem Land Folgen, von denen ich wenig wusste. Das hat mich demütig werden lassen.

Nach 50 Tagen hatte Sußebach sein Ziel erreicht – die Zugspitze. FOTO: Henning Sußebach

Was ist Ihnen mit dem Blick eines Städters auf dem Land aufgefallen?

Sußebach Dass Kindheit auf den abgelegenen Höfen ganz anders funktioniert als in der Stadt. Ich kenne Kindheit in der Stadt als umsorgt bis überbetreut. Man lässt die Kinder Hobbys haben – nicht so sehr, damit sie Spaß haben, sondern weil daraus eine Prognose für die Zukunft erwächst. Wer ein Instrument spielt, schult sich, wer Mannschaftssport betreibt, wächst zum sozialen Wesen, das hat alles ein Ziel. Da draußen habe ich aber Kinder gesehen, die schon im Hier und Jetzt gezwungen waren, Verantwortung zu übernehmen und dadurch viel mehr lernten. Und auch stolz waren!

Inwiefern?

Sußebach Abends mussten sie eben mit ihren Eltern losziehen und Weidezäune umstecken, weil das Gras abgefressen war. Sie mussten Tiere füttern, den Stall instand halten. Man kann dort sehen, wie Kinder glühen vor Glück, weil sie gebraucht und nicht nur ausgebildet werden.

Sie haben einen Jungen getroffen, der für die Kuhbesamung zuständig war.

Sußebach Ein 14-Jähriger, der nicht mal mit der Pubertät durch war, aber schon der große Bullensperma-Experte!

Haben Sie den Meta-Blick des Städters mal abstellen können?

Sußebach Ich glaube schon. Manchmal habe ich mich auch gelangweilt und meine Gedanken kreisen lassen, bis es keine Gedanken mehr waren. Was soll man auch machen, wenn man täglich 30 oder 40 Kilometer läuft. Ohne Radio. Ohne Fernsehserien. Manchmal habe ich auch nur noch blöde Lieder vor mir her gesungen, Neue Deutsche Welle. Da kam viel Quatsch hoch, den mein Hirn gespeichert hatte.

Ich stelle es mir anstrengend vor, nur noch seine eigenen Gedanken zu haben.

Sußebach Es war erholsam, mal nicht in der Büro-Denkroutine zu sein. Aber auch unterwegs habe ich gemerkt, dass ich andauernd über dieses andere Denken, das Wander-Denken, nachgedacht habe: Ist das noch Denken? Müsste ich viel zielgerichteter denken? Mir andauernd bewusst machen, was ich gerade erlebe? Oder reicht es, wenn ich später in meinem Buch schreibe: Heute habe ich nicht gedacht, nur blöde alte Lieder gesungen.

Sie sagen im Buch, Deutschland ist vor allem Gegend. Hatten Sie sich mehr Wildnis erhofft?

Sußebach Zum Teil erhofft, zum Teil gefürchtet. Unser Bild vom Draußensein ist geprägt von Naturdokumentationen und Werbekampagnen der Outdoor-Ausrüster. Deutschland ist aber nicht wild, vor allem nicht im Norden. Das ist flaches, gebügeltes, bis auf den letzten Quadratmeter genutztes Agrarland. Was einen auch vor Hindernisse stellt: Alle hundert Meter ein Entwässerungsgraben, über den ich nur schwer rüber kam. Mit einem 15-Kilo-Rucksack springen macht keinen Spaß.

Mussten Sie aber.

Sußebach Die Flugkurve ist schwer zu berechnen. Es wurde leichter, als ich meinen Rucksack zuerst hinüberwarf.

Haben Sie trotzdem einen Reisetipp?

Sußebach Ich habe sogar drei, von denen ich aber nicht weiß, ob sie nur schlüssig findet, wer vorher wochenlang gelaufen ist. Ich bin selten zuvor in der Rhön gewesen und muss sagen, dass ich die Rhön wunderschön finde. Weil die vulkanische Entstehung so klar erkennbar ist und die Kuppen frei von Wald sind im Gegensatz zu anderen deutschen Mittelgebirgen – der Blick ist endlos. Das sah aus wie ein fotogeshopptes Mineralwasseretikett. Schön waren auch die Weinbaugebiete in Südfranken. Einmal habe ich in einem Weinberg gestanden und geweint.

Jetzt übertreiben Sie.

Sußebach Nein, ich habe dort den Begriff Landschaft verstanden. Wir nehmen Landschaft als etwas Natürliches wahr, aber sie ist gemacht, geschaffen. Land-schaft – wie Mannschaft! In diesen Weinbergen, anders als in den Agrarwüsten im Norden, wurde mir klar, was Landschaft für ein Kulturgut ist, wie viel Mühe und Tradition darin steckt. Eine Seele ist auf so einer fünfzigtägigen Wanderung ohnehin schon aufgekratzt, und all diese Weinstöcke, jeder von Hand beschnitten, die haben mich wahnsinnig berührt. Anders kann ich es nicht sagen. Ich hatte das Gefühl, an jeder einzelnen Rebe die Mühe zu sehen, und dachte: Wow! Gut, dass die Römer es über die Alpen geschafft haben. Das hier erzählt dir eine Geschichte von 2000 Jahren.

Ich möchte Ihr Pathos nicht bremsen, aber Sie schulden mir noch den dritten Tipp.

Sußebach In Bayern hatte ich schon so meine Probleme, aber wenn ich in Deutschland Wanderurlaub machen würde, dann im bayerischen Voralpenland. Das ist rasend schön.

Im Buch klingt es, als ob Bayern das schlimmste Bundesland überhaupt ist.

Sußebach Weil ich gedacht habe, dass Bayern ein Ferienland ist – die Idylle, als die es sich selbst vermarktet – und ich dort am besten durchkomme. Aber wer von Hessen und Thüringen aus über die Ländergrenze läuft und nicht fährt, merkt, dass es dem Land sehr gutgeht. Da wird gebaut ohne Ende, noch der letzte Feldweg ist asphaltiert. Deshalb gab es viel mehr Hindernisse für mich, alle Menschen schienen in Autos zur Arbeit zu fahren oder waren sonstwie beschäftigt, alles schien zehn Prozent schneller abzulaufen. Ich traf unterwegs einfach niemanden mehr. Ich war ja eine Randfigur.

Das waren Sie anderswo aber doch auch.

Sußebach Ja, schon im Norden und im Osten habe ich die Normalbeschäftigten nicht getroffen, weil die auch mit ihren Autos am Horizont entlang gerauscht sind, aber es gab immer andere Randfiguren. Das waren Erntearbeiter. Das war ein Rumäne, der seinen Arztjob in der Heimat aufgegeben hatte, um Landarzt in Deutschland zu werden. Das waren Arbeitslose, verbitterte AfD-Wähler. Ich hatte tausend tolle Begegnungen. In Bayern war ich als Wanderer total allein.

Sie wurden schon zu Beginn Ihrer Reise von einem Mann nach Hause eingeladen. Hat Sie das überrascht?

Sußebach Ich hatte mich vorher gar nicht gefragt, ob ich Häuser betreten darf, wenn Straßen für mich verboten sind. Weil ich mit Einladungen nicht gerechnet hatte. Es kam dann völlig anders – offenbar ist Deutschland freundlicher, neugieriger, bunter und vielfältiger, als ich in der Stadt gedacht hatte und wie ich es aus der Stadt kenne. Deshalb habe ich gesagt: Wenn ich eingeladen werde und die Leute sagen, du brauchst nicht im Vorgarten zu zelten, komm rein, dann gehe ich rein und höre mir möglichst viele Lebensgeschichten an. Die erste Einladung hat mich total überrascht. Anschließend ergab sich ein Muster: Es kam andauernd zu Begegnungen, weil niemand den anderen einordnen konnte. Ich kannte die Menschen nicht – und die Menschen kannten mich nicht. Weil wir uns nicht wie üblich begegneten, also in einem Auto, an dem sich der Status ablesen ließe. Oder im Rahmen einer geschäftlichen Verabredung. Immer war's Zufall. Und da war der Rechte so freundlich wie der Linke und der Giftspritzer so nett wie der Biobauer. Manche meiner Zuschreibungen gingen nicht mehr auf.

Gerade im Osten scheinen viele Menschen einsam zu sein.

Sußebach Aber ich habe tolle Dorfgemeinschaften erlebt, in denen Menschen sich einfach bemüht haben, die Infrastruktur zu sein, die andere in den Städten einfach nutzen. Wo es kein Kino gibt, muss der Landfrauenbund was organisieren. Oder die Leute organisieren eine Lesung, anstatt nur hinzugehen.

Im Werratal haben Sie einen Stockmacher getroffen. War das ein Idealist, der sich gegen das Verschwinden von Tradition auflehnt, oder ging der bloß seinem Beruf nach?

Sußebach Als einer der letzten Stockmacher Deutschlands wollte der schon eine Tradition aufrechterhalten. In dem Bewusstsein, als einer der Letzten im Land zu wissen, wie das geht. Mir hat der Stock zwar nicht das Leben gerettet, aber einiges leichter gemacht.

Ich frage mich, wer sich noch einen Stock kauft, wenn nicht der Redakteur einer Wochenzeitung, der durch Deutschland läuft.

Sußebach Wenn ich die Kunden ausfindig machen würde, stünde ich in einer seltsamen Gruppierung von Esoterikern und Reaktionären. Aber ich brauchte den Stock, um mich durchs Gebüsch zu schlagen. Als zivile Machete quasi.

Bitte erzählen Sie mir noch mal die Geschichte von dem polnischen Mädchen im Wald.

Sußebach Mir ist aufgefallen, dass ich bei meiner Wanderung nicht eine Person getroffen habe, die in der Natur unterwegs war, weil sie es musste. Deutschland geht es so gut, Deutschland ist so mobilisiert, dass ich nur Leute getroffen habe, die in der Natur sein wollten. Jogger, Nordic Walker, radelnde Paare in den gleichen Ballonseidenanzügen. Einzige Ausnahme, es müsste in Thüringen gewesen sein, war ein polnisches Mädchen, Dominika. Sie trug ein Piercing und kam mir wie ein schwarzgekleidetes Rotkäppchen im Wald entgegen. Sie hat mir erzählt, dass ihr Freund ein Tal weiterwohnt. Deshalb muss sie über einen Berg laufen, fünf Kilometer durch den Wald. Weil der Bus selten bis gar nicht fährt, weil ihr Freund kein Auto hat und sie kein Mofa, weil das Geld dafür nicht reicht. So stelle ich mir die 50er Jahre vor. Ich bin auf dem Land dem Fußvolk der Globalisierung begegnet. Das waren keine Amerikaner, Briten oder Franzosen. Wenn ich Menschen aus dem Ausland getroffen habe, waren das Rumänen oder Polen, das Dienstleistungspersonal der deutschen Wohlstandsgesellschaft.

Welches dieser Leben hätten Sie selbst gerne geführt?

Sußebach Komplett übernommen hätte ich kein einziges. Aber ich habe mich ganz oft gefragt, was ich gerne mitnehmen und auf mein Städterleben übertragen würde.

Was denn?

Sußebach Die Sache mit der Kindererziehung. Ich würde meinen beiden Kindern in ihrem Stadtleben ein bisschen mehr Leben im Jetzt wünschen. Mehr Möglichkeiten, Verantwortung zu spüren, sich gebraucht zu fühlen – und das nicht nur, wenn es um das Wegräumen des eigenen Tellers in die Spülmaschine geht.

Hatten Sie an einem Ort das Bedürfnis, für immer zu bleiben?

Sußebach Meine Sehnsucht, irgendwo an einem Hang eine Hütte zu bauen, von der aus ich weit in ein Tal schauen kann und auf die nächste Hügelkette, von der aus ich das Wetter Stunden im Voraus sehen kann – diese Sehnsucht ist noch viel größer als vor der Wanderung.

Sie sagen im Buch, dass gerade bei diesem langsamen Tempo Gewissheiten ins Wanken geraten. Sie kommen in einen Ort namens Deutsch in Sachsen-Anhalt, wo der schon eben erwähnte Bauer die Biogas-Anlage betreibt. Und die Alt-Hippies sind dagegen, weil es ihre Landschaftsidylle zerstört.

Sußebach Draußen kommt einiges durcheinander. Viele haben mir diesen Bauern als Großkotz geschildert, der nun grüne Agrarpolitik macht. Aber die grünbewegten Städter, die vor zehn Jahren aufs Land gezogen sind, weil sie aus ihren mühsam renovierten Resthöfen über goldene Weizenfelder in den Sonnenuntergang gucken wollten, blicken nun auf wandhohen Mais, der zwar das Klima rettet, aber ihnen den Ausblick verdirbt. Solchen Widersprüchen bin ich dauernd begegnet.

Sie sind durch ein Deutschland gelaufen, das nicht durch Straßen zusammengehalten wurde. Durch was dann?

Sußebach Ich fand dieses Deutschland verglichen mit den Schilderungen in den Medien wahnsinnig freundlich und aufgeschlossen und entgegenkommend. Diese ganzen Kategorien, rechts, links, alt, jung, neugierig, skeptisch, die spielten in meinen Begegnungen mit den Menschen keine Rolle. Alle wollten wissen, was ich mache. Alle haben die Versuchsanordnung verstanden. Jeder hat in mir eine Sehnsucht erkannt, die er selbst hat.

Ist noch etwas übrig von dem Menschen, der 50 Tage gewandert ist?

Sußebach Ich hoffe, dass ich nicht mehr so vorschnell urteile. Der Mensch, der 50 Tage draußen war, läuft sehr oft neben mir her und sagt: Kannste so nicht sagen. Oder: Fahr doch erst mal hin. Guck, ob deine Meinung stimmt. Wie schnell stecken wir Leute in einer verwirrenden Welt in Schubladen, um diese Welt besser ertragen zu können?

Welche Segnung der Zivilisation haben Sie nach 50 Tagen wieder zu schätzen gewusst?

Sußebach Dass ich in dem Augenblick, in dem ich Lust habe, einen Espresso zu trinken, auf eine Taste drücke – und der Espresso kommt raus! Unterwegs war selbst Wasser keine Selbstverständlichkeit.

Wie wäre es mit einer Antwort, die kein Städter-Klischee ist?

Sußebach Ein Stuhl ist super.

Der ZEIT-Journalist Henning Sußebach hat über seine Wanderung ein Buch geschrieben: "Deutschland ab vom Wege", 192 Seiten, Rowohlt, 19,95 Euro 

 
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