Nach dem Amoklauf in Lörrach: "Hexenjagd auf Waffenbesitzer"
VON DIETER DORMANN UND JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 23.09.2010 - 15:25(RP). Nach dem Amoklauf von Lörrach wird eine Verschärfung des Waffengesetzes gefordert. Sportschützen, Jäger und Schützenvereine lehnen dies ab. Auch für NRW-Innenminister Jäger lassen sich Amoktaten dadurch allein nicht verhindern. Sie seien Ausdruck steigender Gewaltbereitschaft.
Als erste Meldungen vom Amoklauf der 41-jährigen Anwältin, die in Lörrach ihr Kind, ihren Mann und einen Krankenpfleger getötet und auf weitere Personen geschossen hatte, bekannt wurden, schwante Harald Hachenberg, Präsident des Rheinischen Schützenbundes, bereits Böses. "Bei jedem Amoklauf schwebt wie ein Damoklesschwert die Frage über uns: War das ein Sportschütze?"
Die 41-Jährige war vor Jahren in einem Sportschützenverein und tötete mit einer Waffe, die sie noch aus dieser Zeit hatte. Hachenbergs Befürchtungen erfüllten sich: Wie nach den Bluttaten von Erfurt und Winnenden ist eine Diskussion um eine Verschärfung des Waffenrechtes entbrannt. Die Forderungen reichen von der nach zentraler Waffen-Einlagerung bis zu der nach einem Besitzverbot für Privatpersonen oder der Abschaffung des Schießsports mit scharfen Waffen.
Die Debatte erregt nicht nur rund 1,5 Millionen Sportschützen. Auch etwa 350.000 Jäger und Förster sind betroffen und zudem die Schützenvereine. Zusammen sollen sie etwa zehn Millionen Waffen ihr eigen nennen.
Amokläufe wie von Lörrach erschüttern den Leiter des Landesleistungsstützpunktes für Sportschießen in Leichlingen, Karl Krapp, zutiefst. Empört ist er aber, wenn danach eine "Hexenjagd auf alle Waffenbesitzer" eröffnet wird. Seiner Ansicht nach ist das deutsche Waffengesetz eines der strengsten in Europa. "Wenn es eingehalten wird, reicht es aus", sagt auch der Präsident des Rheinischen Schützenbundes.
"Amoktaten lassen sich nicht durch Waffengesetze verhindern"
Damit dies geschehe, biete der Schützenbund regelmäßig Lehrgänge an und informiere die Mitglieder in den Vereinen. 100-prozentige Garantie, dass es jeder beachte, gebe es nicht. "Auch ein Feuerwehrmann kann Brände legen, ein Priester Kinder missbrauchen, ein Polizist morden", meint Karl Krapp. "Amoktaten lassen sich allein durch ein strengeres Waffengesetz nicht verhindern. Sie sind Ausdruck einer steigenden Gewaltbereitschaft und sinkenden Hemmschwelle", sagt NRW-Innenminister Ralf Jäger.
Zu den Vorschriften des 2009 zuletzt verschärften Waffengesetzes gehört, dass Gewehre und Pistolen in verschlossenen Stahlschränken untergebracht sind und dies – in NRW von der Polizei – unangemeldet kontrolliert werden darf.
Jürgen Wippermann, Jäger aus Monheim, hat 1500 Euro für den Tresor bezahlt, in dem er seine Flinte, den Drilling sowie die Munition wie vom Gesetz vorgeschrieben verwahrt. Dass die Polizei jederzeit bei ihm kontrollieren kann, geht ihm zu weit. "Bei jedem Rauschgifthändler muss die Polizei einen Durchsuchungsbefehl haben, bei Jägern darf sie einfach so reinkommen."
Die Kontrollregelung sei verfassungsrechtlich nicht unumstritten, bestätigt Ralph Müller-Schallenberg, Vizepräsident des Landesjagdverbandes. Eine Klage ist beim Bundesverfassungsgericht erhoben worden. Trotzdem rät er Jägern, mit den Behörden zu kooperieren. Er selbst hat, wie viele Jäger, Foto und Kauf-Dokument seines Waffenschranks als Beleg für die ordnungsgemäße Aufbewahrung an die Kölner Polizei geschickt. Die habe ihm geantwortet, dass sie kurzfristig nicht alle eingereichten Dokumente bearbeiten könne. In Köln reagierte seit 2003 nur etwa die Hälfte der 12.000 registrierten Waffenbesitzer auf ein erstes Schreiben der Polizei. Bei einem Drittel ist noch unklar, ob ein Waffenschrank vorhanden ist.
Auch die Forderung nach einer zentralen Einlagerung stößt auf Kritik. "Wenn alle Waffen von Jägern, Sportschützen und Schützenvereinen zentral aufbewahrt werden, entsteht ein neues Gefahrenpotenzial", meint Lothar Inden, Chef des Sankt Sebastianus Schützenvereins Düsseldorf 1316. Auch Jäger halten dies für nicht praktikabel. "Mindestens einmal im Monat muss ich verunfalltem Wild nachspüren", berichtet Karl-August Niepenberg, Inhaber des Gruitener Jagdreviers bei Haan. Dazu seien Jäger sogar gesetzlich verpflichtet.
Unverständlich ist für den Präsidenten des Rheinischen Schützenbundes, Harald Hachenberg, die Zuspitzung auf eine Verschärfung für Sportschützen und Jäger. "Bis man eine legale Waffe hat, ist es ein langer Weg. Sportschützen müssen ein Jahr im Verein trainieren, Führungszeugnis und Sachkunde nachweisen. Illegal kommt man viel schneller an eine Waffe." 20.000 illegale Waffen soll es in Deutschland geben.
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