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Evangelischer Treff in Bremen: Hundertausende Gläubige beim Kirchentag

VON VOM KIRCHENTAG BERICHTET UNSER REPORTER JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 20.05.2009 - 19:15

Bremen (RPO). Die Atheisten sind auch schon da: Mit "Rock gegen Gott" oder dem "Heidenspaß-Festival" kritisieren die "Bremer Atheisten und Freidenker" den Kirchentag. Das Großereigenis mit 100 000 Dauergästen kostet 14,2 Millionen Euro; 7,5 Millionen davon kommen vom Staat, vom Land Bremen und dem Bund. Das sei eine Neutralitätsverletzung des Staates, schimpfen die Bremer Freidenker. Unterstützt werden sie von einer kleinen, als "anarchistisch orientiert" eingestuften Gewerkschaft.

Deren Sprecher tönt, der Kirchentag sei "Opium für die Bevölkerung" (Lenin lässt grüßen), und sagt vollmundig: "Der einzige Glaube, den wir für Menschen als sinnvoll erachten, ist der Glaube an sich selbst." Religionskritik aus der Mottenkiste, offensichtlich ungetrübt von der Erfahrung, zu was dieser alleinige Glaube des Menschen an sich schon geführt hat. Der Übermensch lässt auch schön grüßen aus seinem Haus, gefüllt mit ungezählten Erschlagenen. Nein, diese Atheisten braucht der Kirchentag nicht zu füchten.

Ende der Neid-und-Gier-Phase

Bremen am Tag der Eröffnung: Die Fischhändler auf dem Markt sind skeptisch, fürchten, dass die 100000 Gäste aus ganz Deutschland ihnen in den nächsten Tagen das Geschäft vermasseln, weil die Bremer ob der ungewohnten Menschenfülle entnervt zu Hause bleiben. Ist das jetzt noch berechtigte Sorge von Geschäftsleuten oder bereits Gier von Kleinkapitalisten, die neuerdings in jeder Rede gegeißelt wird? Daran musste man denken, als Kirchentagspräsidentin Karin von Welck bei der Eröffnungsveranstaltung für Journalisten gestern Mittag "das Ende der Neid-und-Gier-Phase" ausrief.

Auch Ellen Überschär, Generalsekretärin des Kirchentages, ging auf die Weltwirtschaftskrise ein: Die Krise habe "die Ideologie des Wachstums - endlich - ins Wanken gebracht", sagte sie fast triumphierend. Der Kirchentag müsse der Versuch sein, die Krise "zu nutzen, um die Grundprinzipien des Evangeliums von Glauben, von Gerchtigkeit, von Solidarität nachhaltig in der gesellschaftlichen Dikussion zu verankern". Ein typischer Eröffnungserklärungssatz: wirkt wie künstlich beatmet. Keine Krise der Welt ist schließlich bewältigt, weil man etwas in einer Diskussion verankert. So ist die offizielle Kirchentagssprache manchmal: sich selbst genügend.

Je nach Temperament sarkastisch oder ärgerlich konnte man werden, als der "Schriftführer" der Bremischen Kirche (Schriftführer heißt der oberste Theologe der Bremischen Kirche; er hat also die Funktion eines Landesbischofs), Pastor Renke Brahms, schließlich mal eben das Ende des Wachstums in der westlichen Welt proklamierte: "Wachsen muss Gerechtigkeit", sagte er, "und das wird auch bedeuten, dass der Lebensstandard der wohlhabenden Menschen und Länder nicht mehr wächst, sondern die Güter weltweit gerecht verteilt werden."

Und man denkt leicht grimmig, den Wirtschaftsteil seiner Zeitung im Sinn: Soll der Pastor den Arbeitslosen, die den Kirchentag kostenlos besuchen dürfen, doch mal erklären, dass die heimischen Unternehmen nicht mehr wachsen dürfen und sie wohl alle Hoffnung auf einen Job fahren lassen müssen, weil es dann angeblich gerechter zugeht in der Welt. So geht's irgendwie wirklich nicht. Am Donnerstag wird Alt-Kanzler Helmut Schmidt mit dem Präsidenten der Weltbank, Robert B. Zoellick, einen Abend bestreiten. Hoffentlich gehen viele Pastoren und Schriftführer hin.

In solchen Denk- und Zuhörerlebnissen schimmert doch die Stärke des Kirchentages durch: Es gibt viele Gelegenheiten zum Streit, viele Flächen, an denen man sich reiben kann, ja muss. Kirchentagspräsidentin Karin von Welck zum Beispiel, die Kultursenatorin von Hamburg, brach eine Lanze für den muslimischen Schriftsteller Navid Kermani, um den es Zur einigen Wirbel gibt. Kermani sollte zusammen mit Kardinal Karl Lehmann und dem evangelischen Alt-Landesbischof Peter Steinacker den Hessischen Kulturpreis bekommen. Kermani aber hatte in einem Beitrag über ein Gemälde von Guido Reni das christliche Kreuz als gotteslästerlich, götzendienerisch und pornographisch bezeichnet - daraufhin lehnten Lehmann und Steinacker es ab, gemeinsam mit Kermani geehrt zu werden.

Karin von Welck kritisierte das und pries Kermani als deutschen Muslim, der den Dialog zwischen Islam und Christentum "aufs Intelligenteste" befördert habe. Und schon fragte man sich als Zuhörer, ob Muslime es als intelligenten Beitrag zum Dialog betrachten würden, wenn man dem Koran Götzendient, Gotteslästerung und Pornographie unterstellen würde. Auf dem Kirchentag jedenfalls wird es ein "trialogisches Podium" mit christlichen, muslimischen und jüdischen Gelehrten geben. Hoffentlich verzichten sie auf die Methode Kermani zur intelligenten Beförderung ihres Gesprächs.

Volksfest mit 300.000 Besuchern

Streit, Diskurs, Debatte ist nur die eine Hälfte des Kirchentages. Die Leute freuen sich meist nicht, weil es etwas zu streiten, sondern zu feiern gibt. Nach den Eröffnungsgottesdiensten heute Abend gibt es einen Abend der Begegnung, ein gigantisches Volksfest, zu dem bis zu  300 000 Menschen erwartet werden.

Höhepunkt ist das Musikspektakel "Von Booten und Bäumen". 1500 Sänger, verteilt entlang der Weser auf vier Bühnen, 70 Boote und 80 Bäume, werden ab 22.30 Uhr 22 Minuten lang singen und dabei Teil einer Lichtshow sein. Inszeniert wurde das Ganze vom Kölner Künstler Rochus Aust. Er versprach vorab: Der Kanon, der dort gesungen werde, sei so eingängig, dass ganz Bremen ihn sofort mitsingen könne. Das wird, wenn es glückt, ein Abend mit hohem Gänsehautfaktor - und vor allem um solcher Momente willen kommen seit 60 Jahren Menschen zum Evangelischen Kirchentag. "Singen ist die Stimme der befreiten Seele", sagte schon Franz Liszt. Er war katholisch -  der Satz aber ist tief ökumenisch gültig.


 
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