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Prozess in Berlin
Warum David S. einen ICE kaperte und Gauck erpressen wollte

ICE-Geiselnahme: David S. rechtfertigt seine Tat
Vor Gericht sagte der angeklagte David S., er halte sein Vorhaben nach wie vor für gerechtfertigt. FOTO: dpa, wk kde
Berlin. Mit einer Schreckschusspistole bewaffnet wollte David S. (24) einen ICE entführen und dann Bundespräsident Joachim Gauck und die Bundesregierung zu einer politischen Stellungnahme zwingen. Weil er mit seinem Vorhaben erschreckend weit kam, muss er sich seit Freitag vor dem Berliner Kammergericht verantworten.

Der Vorwurf der versuchten Nötigung des Bundespräsidenten ist dabei noch sein geringstes Problem. Wegen des Vorwurfs der Geiselnahme und erpresserischen Menschenraubs drohen S. bis zu 15 Jahre Haft.

Es fällt schwer, sich die dramatischen Szenen vorzustellen, die sich in den frühen Morgenstunden des 21. November 2014 im ICE von Berlin nach Hamburg abgespielt haben müssen. Der langhaarige Angeklagte ist mit seinen 1,90 Meter und deutlich mehr als hundert Kilo zwar von beeindruckender Statur. Doch sein Gesicht wirkt kindlich. Er ist im Gerichtsaal kaum zu verstehen, so leise spricht er.

Ob die Vorwürfe der Staatsanwalt zutreffend seien, fragt der Vorsitzende Richter Josef Hoch. "Ja", sagt S. Er räumt ein, kurz nach Verlassen des Berliner Hauptbahnhofs einen "Warnschuss" in einen der Sitze abgefeuert und eine Handvoll Fahrgäste als Geiseln genommen zu haben. Er gibt zu, dass er den Zugchef zwang, der Leitstelle der Deutschen Bahn telefonisch einen Erpresserbrief vorzulesen. Und S. bestätigt auch, dass er drei weitere Schüsse abgab, als er von Fahrgästen schließlich bei einem Stopp im brandenburgischen Nauen überrumpelt wurde.

Zwei Forderungen hatte S. mit einem roten Stift zu Papier gebracht: Erstens verlangte er eine Presseerklärung von Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Darin sollten die deutschen Spitzenpolitiker die vermeintliche Anerkennung des Staates Palästina durch Schweden, Großbritannien und Spanien "aufs Schärfste" verurteilen. Zweitens forderte der Entführer 500.000 Euro. Für den Fall, dass es "Probleme" geben sollte, drohte S. am Ende des Schreibens mit "146 Schuss neun Millimeter".

Richter Hoch hat den Fall aus Potsdam geerbt. Das dortige Landgericht hatte sich für unzuständig erklärt, weil der Vorwurf der versuchten Nötigung des Bundespräsidenten und von Mitgliedern der Verfassungsorgane hinreichend begründet sei. Für solche sogenannten Staatsschutzdelikte ist Hochs Kammergericht zuständig. Nun versucht der Vorsitzende Richter, sich ein Bild von dem Angeklagten zu machen.

Der Mann aus Künzelsau in Baden-Württemberg berichtet, er komme aus einem kinderreichen, streng christlichen Elternhaus. Er habe teils jüdische Vorfahren und sei schon immer "Israel emotional verbunden", sagt S. Die Kindheit sei insgesamt glücklich gewesen. Je öfter aber der Richter nachhakt, desto mehr ergibt sich das Bild einer von verschiedenen Schicksalsschlägen zerrissenen Familie. S. reißt wiederholt aus und landet noch als Jugendlicher in der geschlossenen Psychiatrie, wo er einen Suizidversuch begeht. Wiederholt kommt er mit dem Gesetz in Konflikt.

Im Herbst 2014 sieht S. nach eigener Aussage keine Perspektive für sich. An einem Montag fasst er den Entschluss, "etwas radikales" zu machen und bestellt online Schreckschusspistole und Patronen. Am Mittwoch fährt er nach Berlin. 48 Stunden stromert er durch die Hauptstadt, kundschaftet potenzielle Ziele aus und feuert Übungsschüsse in die Luft. Schließlich betritt er Wagen 22 des ICE "Villingen-Schwenningen" nach Hamburg-Altona.

Hoch fragt, ob S. kein Mitleid mit seinen Geiseln empfinde. "Ich halte die Tat nach wie vor für gerechtfertigt", sagt S. und ergänzt, er würde so etwas aber nicht nochmal machen. Genau davon muss S. seinen Richter in voraussichtlich vier verbleibenden Verhandlungstagen überzeugen.

(AFP)
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