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Neue Gutachten: ICE-Unfall: Bahn wusste von den Risiken

VON SVEN DURGUNLAR, ALEXANDER V. GERSDORFF UND ULLI TÜCKMANT - zuletzt aktualisiert: 11.11.2008 - 07:08

Köln (RP). Das ICE-Unglück in Köln hätte nach Ansicht von Experten vermieden werden können. „Die Bahn wusste im Vorfeld von den Risiken“, sagt Carl Waßmuth, Materialexperte im Bündnis „Bahn für alle“. Das Entgleisen eines ICE am 9. Juli in Köln hätte einem neuen Gutachten zufolge auch in einer Katastrophe wie in Eschede enden können.

Laut einem ersten Gutachten der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) ist ein Schwingriss die Ursache für den Unfall. Dauerhafte Vibrationen der Achse hätten demnach zum Bruch geführt. Ursache dafür seien falsche Belastungs-Berechnungen, so Waßmuth. Bereits 2006 hätte ein Gutachten der Uni Clausthal ergeben, dass die Lasten für die ICE-Achsen um 19 Prozent zu niedrig angesetzt seien: „Diese Zahlen waren der Bahn bekannt.“

Außerdem seien die Schienen auf der Strecke Köln-Frankfurt zum Unglückszeitpunkt in mangelhaftem Zustand gewesen. Winzige Schienen-Einkerbungen aufgrund der starken Belastung bei hohen Geschwindigkeiten hätten die Achsen mehr belastet als ursprünglich geplant. Die Bahn habe nicht ausreichend in die Erneuerung der Schienen investiert – entsprechende Gelder vom Bund seien nicht in voller Höhe für die Schienensanierung verwendet worden.

Dass die Achsenprobleme nicht vor dem Unfall öffentlich wurden, erklärt der Experte mit dem geplanten Börsengang der Bahn: „Eine Information, nach der ausgerechnet die modernsten Züge nicht sicher sind, hat man verschwiegen.“

Lange Pannenserie des ICE 3

Der ICE 3 zieht bereits seit mehreren Jahren eine Pannen-Spur hinter sich über die Gleise: 2002 mussten die Kupplungen ausgetauscht werden, nachdem ein Zug sich während der Fahrt selbstständig gemacht hatte. Dann fielen die Wirbelstrombremsen bei Schnee und Regen aus. Das Diagnose-System an Bord der Züge lieferte zeitweise pro Zug und Tag bis zu 700 Störungsmeldungen, von denen während der Nacht kaum die Hälfte behoben werden konnte. Dann musste gut die Hälfte aller Fahrmotoren ausgetauscht werden. Im Sommer 2003 machten die Klimaanlagen in den Zügen schlapp. Dann meldeten sich erneut die besonders wetterfühligen Bremsen, die auch bei schlechtem Gleiszustand den Geist aufgeben.

Im Herbst 2007 sickerte aus Bahnkreisen durch, dass die Schienen der erst 2002 fertiggestellten Vorzeigestrecke wahrscheinlich schon nach fünf bis sieben statt nach 15 Jahren ausgetauscht werden müssen. Geschätzte Kosten: 60 bis 80 Millionen Euro. Offiziell dementierte die Bahn den Verschleiß. In aller Stille hat sie inzwischen damit begonnen, die Lärmschutzwände entlang der Trasse auszutauschen: Die Aluminum-Konstruktion flattert bei jedem vorbeifahrenden Zug wie Wäsche im Wind, aus Sicherheitsgründen wurden Teile bereits abgebaut. Nun versucht die Bahn es mit Beton und etwas mehr Abstand zum Gleiskörper; jeder Meter soll 1000 Euro kosten.

Die BAM kündigte gestern an, das komplette ICE-Schadensgutachten bis Jahresende der Staatsanwaltschaft Köln vorzulegen. Dort wird wegen gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr ermittelt. Wer die Schuld trägt, ist noch offen. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn hat vorsorglich Schadenersatzforderungen gegen die ICE-Hersteller Siemens, Bombardier und Alstom angekündigt. Bahn-Aufsichtsrat Eggert Voscherau kündigte in einem Zeitungsbericht gestern an, sein Amt aus Ärger über die Absage des Börsengangs durch die Bundesregierung niederzulegen. „Es kann nicht sein, dass der Aufsichtsrat aus der Presse erfährt, was der Eigentümer mit dem Unternehmen vorhat“, sagte Voscherau.

Ab heute will die Deutsche Bahn immerhin einen stabilen Fahrplan bis Juni 2009 vorlegen, trotz des vielfachen Zugausfalls und des Einsatzes von Ersatzzügen. Diese seien nun fest eingeplant, so dass Bahnkunden ihre Reise buchen und einen sicheren Sitzplatz reservieren können. Nach den ICE 3 waren auch die Neigetechnik-Züge ICE T wegen Verdachts auf Risse an den Rädern aus dem Verkehr gezogen worden. Betroffen sind die Strecken Berlin-München und Wiesbaden-Dresden.

Quelle: RP

 
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