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"Im echten Leben wärt ihr tot"
So üben Polizeischüler den Terroreinsatz

So trainiert der Polizeinachwuchs den Anti-Terror-Einsatz
So trainiert der Polizeinachwuchs den Anti-Terror-Einsatz FOTO: dpa, jew
Seeland . Was passiert in den Polizeiwachen, wenn der Notruf eingeht? Wie sehen die Handlungsabläufe aus? Egal ob Amoklauf oder Terroranschlag - die Polizisten müssen raus und schnellstmöglich den Täter finden. Diesen Fall üben sie regelmäßig - ein Beispiel aus Sachsen-Anhalt.

Ein lauter Knall ist das Startsignal. In Zweierteams rennen sie aus dem Gebüsch, die Maschinenpistole ist gezückt. Tür auf. Glas knirscht. Es hallen Schritte durch das Treppenhaus der Schule im sachsen-anhaltischen Hoym, südlich von Magdeburg. Schreie, Hilferufe, rauschende Funksprüche, dann Schüsse. Die beiden jungen Polizisten müssen reagieren. "Kontaktmodus" ruft einer, dann erhöhen beide das Tempo. Junge Frauen rennen herbei, haken sich unter, schreien. "Gehen Sie raus hier, in Sicherheit", ruft er immer wieder.
Mehr kann er jetzt nicht für sie tun. Er muss den Täter finden.

Der junge Polizeischüler ist einer von 18 Nachwuchskräften, die am Montag in einem leerstehenden Schulgebäude stundenlang den Ernstfall üben: Amoklauf in einer Schule. Es könnte auch eine Terrorattacke sein. "Da ist jemand drin und tötet Menschen", beschreibt Ausbilder Wolf-Rüdiger Dainat den Grundgedanken. Die Polizisten müssen reagieren, blitzschnell.

Seit 2002 müssen alle zum Amoktraining

Verletzte liegen lassen, untereinander kommunizieren, Täter finden und handlungsunfähig machen - das sind die Regeln, wie der Sprecher der Polizei-Fachhochschule Sachsen-Anhalt, Martin Zimmermann, erklärt. An der Hochschule sind die Ernstfall-Übungen Pflicht. Seit dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vor 14 Jahren müssen alle Polizeischüler zum Amoktraining. Die erfahrenen Kollegen gehen alle zwei Jahre zur Auffrischung.

So handhaben es die meisten Bundesländer. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) will auch nach den jüngsten Ereignissen in Deutschland daran festhalten - die Notwendigkeit eines zusätzlichen Anti-Terror-Trainings sieht er nicht. Seine Kräfte seien dank der bisherigen Trainings gut auf den Ernstfall vorbereitet. Allerdings setzt er auch auf bessere Ausrüstung und die - derzeit kontrovers diskutierte - Unterstützung durch die Bundeswehr. Eine gemeinsame Anti-Terror-Übung von Polizei und Bundeswehr ist geplant und soll Ende August vorbereitet werden. Sachsen-Anhalt hat sich als Standort dafür beworben.

"Polizisten können nicht immer auf das SEK warten"

Unabhängig davon übt die Landespolizei weiter. "Eine Lehre aus dem Fall war, dass die Polizisten, die zuerst am Geschehen ankommen, nicht mehr auf die Spezialisten vom SEK warten können", sagt FH-Sprecher Zimmermann. Deswegen müssen alle vorbereitet sein. Dabei sei es unerheblich, ob die Attacke nach den ersten Ermittlungen als "Amok" oder als "Terror" eingeordnet werde.

Die 18 Männer und Frauen, die am Montag trainieren, sind kurz vor dem Start in den Berufsalltag. Eine Woche lang üben sie. Nach der Theorie und ersten praktischen Übungen müssen sie in der ihnen bisher unbekannten Schule alles zusammenfügen. Ein erfahrener Ausbilder mimt den Täter, manchmal sind es auch zwei. Einige Schüler spielen Verletzte und Hilfesuchende. Erfahrene Trainer laufen mit den Zweierteams mit.

"Ist das überhaupt ein Täter?"

Nur selten greifen sie mit Ratschlägen ein; zum Beispiel, als ein Team einen Tatverdächtigen stellt. Der Darsteller mit einem Parka in Tarnfarben reagiert auf die Anweisungen der jungen Polizeischülerin, stellt sich an die Wand, lässt sich Handschellen anlegen. "Ist das überhaupt ein Täter?", fragt ihr Kollege. Ratlosigkeit. Das Duo wartet ab.

"Macht etwas", mischt sich Trainerin Heike Krüger ein. "Ihr könnt das Gebäude nicht verlassen, aber ihr könnt ihn durchsuchen." Dankbar nehmen die Schüler den Rat an. Obwohl sie bei der Durchsuchung nichts finden, ketten sie den Verdächtigen in einem sicheren Raum an ein Heizungsrohr - und suchen weiter nach dem Täter.

Haben die Polizeischüler nach den Anschlägen von München, Würzburg und Ansbach Angst, dass aus der Übung bitterer Ernst werden könnte? "Nein, eher Respekt davor, dass es solche schlimmen Situationen geben kann", sagte einer. Seine Teamkollegin fügt an: "Man denkt manchmal darüber nach, dass so etwas auch uns passieren kann - aber dafür sind wir Polizisten." Sie habe nach einem Studium zur Polizei gewechselt und bereue das auch nicht, sagt die 28-Jährige. Ihr Teampartner war vorher schon bei der Bundeswehr und hat auch wegen des abwechslungsreichen Alltags den Polizei-Job gewählt.

Nicht alles klappt im Training. Manchmal wird Polizeiausbilder Dainat bei der Auswertung laut. "Welche Taktik hast Du denn da gerade angewendet?", fragt er mit donnernder Stimme. "Das war pures Glück, im echten Leben wärt ihr beide tot."

(felt/dpa)
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