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Fest der Liebe
In Zeiten der Angst brauchen wir Weihnachten mehr denn je

Fest der Liebe: In Zeiten der Angst brauchen wir Weihnachten mehr denn je
FOTO: nik ebert
Meinung | Düsseldorf. Heiligabend. Zeit zum Innehalten. Nach einem Jahr der Krisen und Konflikte scheint dies dringend notwendig. Die Flüchtlingsdebatte hat die Gesellschaft verhärtet. Der Hass ist eingezogen. Die Weihnachtsbotschaft kann helfen. Von Michael Bröcker

Weihnachten kommt rechtzeitig. Durchatmen. Besinnlichkeit versuchen. Familie. Zuhause. Nachdenken. Auch innere Ruhe? Ein anstrengender Gedanke am Ende eines Jahres, das den Terror und den Krieg nach Europa und die Angst vor Fremden in die Mitte der Gesellschaft gebracht hat. Das Fest der Liebe ist nun mehr als kalendarisch angezeigt. Das aufgewühlte Land braucht die Weihnachtsbotschaft.

Was ist passiert in Deutschland? Es scheint, als würde die in 70 Jahren Demokratie erarbeitete Konsenskultur von einer Woge der Wut fortgespült, als könnten die eine Million Neuen, die zu den 80 Millionen Alten kommen, die Bundesrepublik in den Ruin treiben. Das Abendland wird von Arabern überrannt, schreit die Rechte, und im Bürgertum wird applaudiert. Wer in die Kommentarspalten der Internetforen schaut, auf die Plakate der "Pegida"-Demonstranten und in die Leserbriefe der Zeitungen, könnte auf die Idee kommen, dass neben Pünktlichkeit und Fleiß der Hass eine deutsche Eigenschaft geworden ist.

Zeiten der Angst

Wer wir sind, was uns als Gesellschaft ausmacht, das zeigt sich in Zeiten der Angst. Die Flüchtlingsfrage spaltet die Nation. Jeder zweite Deutsche kann sich laut einer Umfrage der evangelischen Kirche vorstellen, Flüchtlingen zu helfen, oder tut dies bereits. Gleichzeitig sagen 60 Prozent der Befragten einer Bertelsmann-Studie, dass der Islam "sehr" oder "eher" bedrohlich sei. 40 Prozent sehen sich gar als "Fremde im eigenen Land".

Es gibt scheinbar nur noch Schwarz und Weiß. Gut und Böse. Für oder gegen Flüchtlinge. Der Merkel'schen "Willkommenskultur" setzen andere ein schrilles "Wir wollen die nicht!" entgegen. Das Neue daran ist, dass selbst Biedermänner keine Scheu haben, ihren Namen mit der Hassbotschaft zu verbinden.

Von Albanien bis zum Südsudan: Ursachen der großen Flucht FOTO: ALESSANDRO BIANCHI

Das Medium Internet radikalisiert diese Botschaft. Politiker werden als Landesverräter diffamiert, Medien als "Lügenpresse" beschimpft. Wir wissen, wovon wir reden. In einer E-Mail klagt ein Leser, dass wir mit unserer optimistischen Flüchtlingsberichterstattung den "Volkstod" herbeischreiben würden. "Der Muselmann übernimmt", bilanziert der Mann. Vor seinem Namen steht ein Dr. So wie der geschützte Raum eines Autos die Wut des staugeplagten Fahrers exaggeriert, ist das Netz eine denkbar bequeme Plattform zur verbalen Hetzjagd. Im Bademantel am heimischen Schreibtisch pestet es sich gut gegen "das System".

Verschwörungstheorien haben Konjunktur

In dieser schwülen Hitze grassiert auch das Virus der Verschwörungstheorien. Der Bürger als Opfer eines Gesinnungskartells aus Medien, Politik, US-amerikanischen Geheimdiensten und der Hochfinanz. Diese Weltsicht stiftet vermeintlich Klarheit, die diffusen Ängste vor den Fremden werden einer einzigen Ursache zugeordnet. Einem staatlich organisierten Multikulti-Gutmenschentum. Daraus kann schnell eine "ideologische Selbstermächtigung zur Gewalt" erwachsen, warnt der Philosoph Hermann Lübbe. Man müsse Deutschland eben vor sich selbst retten, lautet die Logik.

Der Attentäter der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker nannte diese verquere Retter-Logik als Motiv. Fast 900 Übergriffe auf Asylbewerberheime in diesem Jahr sind ebenfalls Ausfluss dieser Bewegung.

Könnte man die Wütenden nicht einfach ignorieren? So einfach ist es leider nicht. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sieht einen drohenden "Kommunikationsinfarkt", der einer offenen Gesellschaft insgesamt gefährlich werden kann. Denn: Der Diskurs verändert sich auch offline. Eine sachliche Erörterung des Themas "Flüchtlinge" findet kaum noch statt.

Schon gilt das Thema als "unpassend" am Familientisch oder auf der betrieblichen Weihnachtsfeier. Zu emotional! Die Schützengräben sind voll, dabei hat niemand den Krieg ausgerufen. Übrig bleibt der enthemmte Hass im Netz.

Was könnte nun die Antwort auf all das sein? Der Blick auf die Weihnachtsgeschichte hilft. Wir feiern das Fest der Liebe. Der Nächstenliebe. Das Jesuskind im Stall, heute würde man Erstunterkunft sagen, ist Gottes Sohn auf Erden. Gott lebt "in jedem Menschen, der liebt", heißt es im Johannes-Evangelium. Diese Liebe ist - verzeihen Sie die flapsige Formulierung - im christlichen Verständnis alternativlos. Sie wird jedem Menschen zuteil. Herkunft und Hautfarbe spielen keine Rolle. Das ist die hochaktuelle Botschaft einer 2000 Jahre alten Geschichte.

Von Nächstenliebe haben ja auch diejenigen etwas, die sie geben. Die Millionen Flüchtlingshelfer merken, wie gut es ihnen selbst tut. Hilfe macht glücklich. Wer kennt das nicht? Einmal der älteren Frau über die Straße geholfen, dem Obdachlosen einen Euro geschenkt oder der Nachbarin die Wasserkiste hochgetragen. Und ein kurzes Gefühl des Glücks schleicht sich ein. Mitmenschlichkeit ist erstaunlich konkret - und so einfach. Sie lässt sich im Alltag üben. Sie gibt Zufriedenheit. Manchmal ist es schon ein nettes Wort, ein Lächeln, eine Geste.

Wenn der große Pessimist unter den deutschen Denkern, Arthur Schopenhauer, recht hat und der Wille Anfang und Ende allen Handelns ist, dann könnte der unbedingte Wille zum Miteinander, das Verliebtsein in das Gelingen der Integration, uns in der Flüchtlingsdebatte leiten. Die Zuversicht also.

Wenn man sich darauf als Grundhaltung in der Flüchtlingsfrage einigen könnte, ließe sich vielleicht auch besser über die Risiken reden, die es zweifellos gibt. Nur wenn sich die Mehrheitsgesellschaft nicht verleugnet, kann sie die Minderheit integrieren. Und natürlich kommen auch Kriminelle, Islamisten, vielleicht sogar Terroristen als Flüchtlinge getarnt ins Land.

Und: Nicht alle wollen und werden sich den Regeln fügen, die wir in unserer Kultur des Rechts, der Freiheit und der Gleichberechtigung definiert haben. Dies ist aber kein spezielles Flüchtlingsproblem, es soll auch Deutsche geben, die von dem Idealbild des rechtschaffenen Bürgers noch weit entfernt sind. Entscheidend ist, dass der Rechtsstaat unser Recht durchsetzt. Ohne Ansehen der Person. Justitia ist bekanntlich blind.

Wir brauchen eine Bildungsdebatte, keine Flüchtlingsdebatte

Es ist auch richtig, dass die Flüchtlinge, die bleiben dürfen, eine immense Herausforderung für das ohnehin an mancher Stelle marode Bildungssystem darstellen. Die Antwort darauf muss aber eine Bildungsdebatte sein, keine Flüchtlingsdebatte. Man kann auch lange darüber streiten, wie viele Flüchtlinge weniger gekommen wären, wenn Angela Merkel nicht vor jedes Flüchtlingshandy gesprungen wäre. Am Ende ist das aber müßig. Wer seine Heimat verlässt, hat triftigere Gründe als ein Selfie mit der Kanzlerin.

Die Integration der Hunderttausenden gelingt nur, wenn die Ankommenden wirklich hier ankommen wollen. Mit allem, was dazugehört. Nicht nur dem Erlernen der Sprache. Und wenn die hier Lebenden ihre Angst vor dem Fremden verlieren. "We shall overcome", sangen 1963 die Massen mit Martin Luther King. "Eines Tages werden wir es überwinden. Wir werden Hand in Hand spazieren." Es ging um nichts anderes als die Überwindung der Angst vor dem Anderen.

Wenn nicht an Weihnachten, wann sollten wir uns dies sonst zutrauen?

In diesem Sinne: Frohes Fest!

Quelle: RP