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Interview mit Irmgard Schwaetzer und Gerhard Feige
"Uns verbindet viel"

Interview mit Irmgard Schwaetzer und Gerhard Feige: Uns verbindet sehr viel
Bischof Gerhard Feige (l.) und Irmgard Schwaetzer sprachen in Israel über das Reformationsjubiläum. FOTO: kna/Harald Oppitz
Jerusalem . Würde Luther ökumenischen Projekte begrüßen? Und wann dürfen Katholiken und Protestanten gemeinsame Sache machen? Ein Gespräch mit der Präses der evangelischen Synode Schwaetzer und dem Magdeburger Bischof Feige. Von Franziska Hein

Die evangelische Kirche feiert am Reformationstag den Thesenanschlag von Martin Luther. Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche, Irmgard Schwaetzer, und dem Magdeburger Bischof Gerhard Feige sprachen im Interview mit unserer Redaktion über das kirchliche Miteinander nach 500 Jahren.

Der Reformator und sein Wirken sind Anlass für ein Gespräch über den Zusammenhalt der katholischen und evangelischen Kirche 499 Jahre später. Und es scheint fast, als seien sich die Kirchen näher als je zuvor. Jüngst sind die Spitzen beider deutschen christlichen Kirchen gemeinsam nach Israel gereist. Dort trafen wir eine Protestantin und einen Katholiken zum Gespräch über Luther und die Ökumene heute.

Was waren Ihre Eindrücke von der gemeinsamen Pilgerreise?

Feige Wir sind gemeinsam auf dem Weg. Wir fangen nicht bei null an. Uns verbindet mehr, als uns trennt. Da ist etwas gewachsen, menschlich, aber auch geistlich. Wir können offen miteinander reden und sogar scherzen. (Schwaetzer lacht)

Schwaetzer Wir haben gelernt, mit den Augen des anderen zu sehen, mit den Ohren der anderen zu hören und ihn in seinem Glauben mit dem Herzen zu verstehen. Das hat ein katholischer Bruder während der Reise gesagt. Da war Kopfnicken in der Runde. Das ist ein wunderbarer Ausgangspunkt für das, was in den nächsten Jahren folgt. Als ich Bischof Feige vor drei Jahren kennenlernte, dachte ich nicht, dass eine solche Reise möglich ist.

Feige Das lag nicht an mir (lacht).

Schwaetzer Nein.

Wo sind Sie noch nicht so nah beieinander, wie es wünschenswert wäre?

Schwaetzer Beim Abendmahl und in der Eucharistie haben wir schmerzlich erlebt, was uns trennt. Natürlich wünsche ich mir die Mahlgemeinschaft, aber das wird noch dauern. Es ist auf der Reise ein Grund für zukünftige Schritte zueinander gelegt worden.

Feige Wir haben keine theologischen Dispute geführt. Wir wollten Vertrauen zueinander gewinnen und uns auf die Ursprünge, auf Christus selbst, besinnen. Zur ökumenischen Beziehung gehören immer mehrere Dimensionen, das Herz, der Verstand, Hände und Füße.

Die Kirchen wollen 2017 ein "Christusfest" feiern. Für die Protestanten steht die Reformation im Zentrum. Was feiern die Katholiken?

Feige Das war die entscheidende Frage, nachdem wir eingeladen worden sind mitzufeiern. Ich habe formuliert, ich möchte intellektuell redlich und emotional herzlich mitfeiern. Und da muss vorher einiges geklärt werden. Ich glaube, das haben wir geschafft. Der Thesenanschlag ist historisch umstritten, das kann nicht der einzige Grund sein, jetzt 500 Jahre Reformation zu feiern.

Schwaetzer Tun wir auch nicht. Auch bei uns steht nicht Luther im Zentrum, sondern Christus. Alle Reformatoren haben die Wiederbesinnung auf die Heilige Schrift, die Rechtfertigung im Glauben allein aus Gnade und eben Christus ins Zentrum gerückt.

Feige Es ist auch nicht der 500. Geburtstag der evangelischen Kirche. Der ehemalige Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber hat gesagt, die evangelische Kirche ist die durch die Reformation hindurchgegangene katholische Kirche. Wer ist dann aber die katholische Kirche, doch nicht etwa zurückgeblieben? Luther ging es um Christus als die Mitte unseres Glaubens. Auf ihn haben wir uns gemeinsam zuzubewegen. Daher Christusfest.

Schwaetzer Es ist ein Erinnern, wie ein Nachvorneschauen, der Rückblick auf die Schuldgeschichte kann nicht gefeiert werden, muss aber bedacht werden. Ganz im Zentrum steht, dass wir die Bibel lesen und für unsere Verkündigung neu aus diesem Testament lernen. Insofern war die Lutherbibel eines der zentralen Projekte für 2017.

Feige Am Anfang der Luther-Dekade gab es ein Schwarzweiß-Denken. Die evangelische Seite hat die Reformation als Erfolgsgeschichte gesehen, und die katholische Seite hatte die Trennung und Entfremdung der abendländischen Christenheit vor Augen.

Schwaetzer Es ist sehr schnell klar geworden, dass die evangelische und die katholische Kirche heute, nicht mehr die Kirche von vor 500 Jahren ist. Das heißt, vom Ausgangspunkt haben wir uns beide längst entfernt und zwar aufeinander zu. Insofern gibt es schon viel, was uns eint.

Feige Zunächst hatte ich den Eindruck, 2017 sei nur ein wichtiges Ereignis für die evangelische Kirche und wir hätten damit nicht viel zu tun. Inzwischen ist mir deutlicher bewusst, dass wir als katholische Kirche auch in der Wirkungsgeschichte der Reformation stehen. Das heißt, lange Zeit haben wir uns im Widerspruch dazu abgegrenzt und definiert. Dann aber haben wir wesentliche Anliegen der Reformation wieder aufgenommen, nicht zuletzt durch eine Rückbesinnung auf die frühchristliche Tradition.

Inwiefern?

Feige Dazu gehören seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Sicht der Kirche als Volk Gottes, das Verständnis der kirchlichen Ämter als Dienste und die tiefgreifende Überzeugung vom gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen. Wir haben die Bedeutung der Bibel neu entdeckt und verwenden die Volkssprache im Gottesdienst. Zudem ist der damals umstrittene Laienkelch zwar nicht gängige Praxis, aber möglich.

Schwaetzer Ja, die Tatsache, dass die katholischen Christen den Zugang zur übersetzten Bibel haben.

Feige Und umgekehrt, wage ich zu sagen, hat die evangelische Seite wieder einen stärkeren Zugang zum Abendmahl bekommen.

Schwaetzer Ja, ganz sicher.

Ist die katholische Kirche durch die Reformation eine bessere geworden?

Schwaetzer Der Fragestellung würde ich als Protestantin widersprechen. Besser und schlechter gibt es nicht. Sie ist anders geworden, genauso wie wir uns verändert haben.

Feige Beide Seiten haben Läuterungsphasen durchgemacht.

Schwaetzer Nun ja, Läuterung ist kein protestantisches Wort, aber es stimmt.

Feige Es muss ja nicht gleich das Fegefeuer sein. (lachen beide)

Schwaetzer Aber wir tun auch Buße jeden Tag, hat Luther gesagt.

Feige Wenn man bedenkt, dass wir Konfessionskriege hinter uns haben, sind wir inzwischen auf dem Weg vom Konflikt zur Gemeinschaft weit vorangekommen.

Wäre die Reformation ausgeblieben, wenn der Papst Luther nicht exkommuniziert hätte?

Feige Geschichtsspekulationen sind schwierig. Fakt ist, beide Seiten sind dafür verantwortlich, wie es sich entwickelt hat.

Schwaetzer In der Geschichte gibt es Zeiten, in denen eine Trennung unvermeidlich ist. Die Rechtfertigungslehre war für die damalige Zeit ein völlig neuer Zugang zu den biblischen Texten, den die Reformatoren gefunden haben. So etwas ist nicht in Form einer Evolution zu schaffen.

Feige Das 16. Jahrhundert war eine Umbruchszeit. Es gab unterschiedliche Reformbewegungen, auch katholische. Die Klischees vom finsteren Mittelalter und vom aufbrechenden Zeitalter des Lichts sind widerlegt. Es war eine zutiefst religiöse Zeit, nur so konnte die Reformation zünden.

Schwaetzer In den Diskussionen zur Vorbereitung auf 2017 haben wir uns gefragt, wie weit können wir uns auf andere Reformatoren beziehen? Es gibt eine Reihe von reformatorischen Ansätzen. Es war ein unruhiger Geist in der Zeit.

Luther ist nicht alles Schuld...

Schwaetzer Luther hat vieles in Bewegung gebracht, aber Luther ist nicht alles alleine gewesen.

Würde Luther Ihre ökumenischen Projekte gut finden?

Schwaetzer (lacht) Luther wollte keine neue Kirche gründen, er wollte das Evangelium ans Licht bringen. Und genau das müssen wir in der heutigen Zeit machen. Wir entwickeln uns hin zu einer stärker multireligiösen und gleichzeitig stark säkularen Gesellschaft. Und die bringt uns zwangsläufig näher zusammen. Katholiken und Protestanten verbindet sehr viel mehr, als uns mit einem Agnostiker verbindet

Feige Es gab eine Zeit, da hatte Luther ein positives Papstbild. Das hat sich verkehrt. Die neuere Forschung bezeichnet Luther als Reform-Katholiken, der mit beiden Beinen in katholischen Traditionen wie etwa im Mönchstum stand. Ansonsten hatte er gewaltige Ecken und Kanten, provozierte und war deftig. Bemerkenswerterweise ist es schon 1983 möglich gewesen, dass Katholiken und Lutheraner ihn gemeinsam als Zeugen des Evangeliums, Lehrer im Glauben und Rufer zur geistigen Erneuerung bezeichnen. Das katholische Lutherbild hat sich verändert.

Warum ist Ökumene wichtig?

Schwaetzer Wir haben den biblischen Auftrag dazu: "auf dass alle eins sein" heißt es im Johannesevangelium. Dieser Auftrag wird darin sichtbar, dass wir für die Einheit der Kirche beten; aber dabei kann man es nicht belassen.

Feige Es gibt viele Gründe, warum Ökumene wesentlich sein müsste. Denn durch die Profilierung sind wir ein Stückchen enger und einseitiger geworden.

Schwaetzer Na ja.

Feige Nehmen Sie es doch mal hin, dass die katholische Seite sagt, wir sind enger geworden. Außerdem legen die vielen konfessionsverschiedenen Ehen dies nahe. Da drängt es sogar. Und ist es für Jesus ein Herzensanliegen. Er betet (Joh 17) für die Einheit der Seinen, damit die Welt glaubt.

Franziska Hein führte das Gespräch.

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