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Interview mit Martin Luther
"Religion ist mir zu viel Fantasterei"

Interview mit Martin Luther
"Baggerfahren ist meine Berufung", sagt dieser Martin Luther. FOTO: Martin Luther
Düsseldorf. Was würde Martin Luther heute sagen? Wir haben ihn einfach im Münsterland angerufen. Von Sebastian Dalkowski

Martin Luther fährt Bagger. Der 52-Jährige aus Warendorf heißt so wie der Reformator, der vor 500 Jahren seine 95 Thesen veröffentlichte. Zu sagen hat er auch etwas. Über Punkrock, brennende Häuser, den Klimawandel und Baumhäuser.

Hat Ihnen jemand mit Absicht den Namen Martin gegeben?

Martin Luther In unserer Familie hat es Tradition, dass der älteste Sohn den Namen Martin bekommt.

Hat Ihnen das mal Vorteile verschafft?

Luther Ja. Wir haben mit neun, zehn Jahren in Münster am Bahnhof Kofferkulis in die Gleise geschmissen. Dabei hat uns die Bahnpolizei aufgegriffen. Mein Kumpel hat seinen Namen gesagt, daraufhin haben ihn seine Eltern abgeholt. Ich bin beharrlich bei meinem Namen geblieben, den mir die Polizisten nicht geglaubt haben. Irgendwann haben sie gesagt: Na dann hau ab. So haben meine Eltern nie davon erfahren.

Sind Sie denn mit dem berühmtesten Martin Luther verwandt?

Luther Das kann ich nicht bejahen und nicht verneinen. Meine Mutter hat mir erzählt, die Familie Luther habe mal Ahnenforschung betrieben, aber hundert Jahre vor Martin Luther enden die Archivunterlagen. Ich selbst habe das nicht überprüft. So kann ich weiter behaupten, dass ich von Luther abstamme.

Sind Sie evangelisch?

Luther Ja, aber in die Kirche gehe ich nur einmal im Jahr, wenn unsere Freiwillige Feuerwehr ihren Tag der offenen Tür hat. Wissenschaftliche Erklärungen liegen mir mehr, Religion ist mir zu viel Fantasterei.

Haben Sie Gemeinsamkeiten mit Luther?

Luther Ich glaube, dass auch ich mich schlecht beugen lasse. Früher habe ich meine Meinung in der Familie und in der Schule vertreten, heute bei der Feuerwehr.

Zu Ihrer rebellischen Veranlagung passt, dass Sie und ein paar Freunde mit Anfang 20 die Punkband "Drunken Drivers" gegründet haben. Ist der Name nicht ein bisschen geschmacklos?

Luther Wir waren vier Leute in der Band, und zwei von uns hatten wegen drunken driving ihren Führerschein abgeben müssen.

Gehörten Sie auch dazu?

Luther Leider. Ich hatte 2,12 Promille. Der Polizist sagte: Mit diesem Wert kann eigentlich niemand mehr fahren. Aber ich war Gewohnheitstrinker. Die Strafe war saftig. Elf Monate musste ich aussetzen und sechs Monate Schulung machen. Danach bin ich nie wieder betrunken Auto gefahren.

Warum haben Sie im idyllischen Münsterland Ende der 80er eine Punkband gegründet?

Luther Mit acht Jahren habe ich angefangen, Musik zu hören. Ich habe mich durch die Musikgeschichte durchgearbeitet, und irgendwann kam der Punk. Wir waren von amerikanischen Hardcore-Punkbands beeinflusst, das hieß: aufs Wesentliche konzentriert. Da konnten wir verdammt viel Energie loswerden. Nach einer halben Stunde sind Sie müde.

Wollten Sie mit der Band berühmt werden?

Luther Nein, bloß Spaß haben. Das war meine Lebenseinstellung. Heiraten, Haus bauen, Kinderkriegen, gegen dieses Spießermodell wollte ich mich auflehnen.

Was war der größte Erfolg der Band?

Luther Wir haben eine Platte aufgenommen. Mit einer Auflage von zehn Exemplaren.

Nach vier Jahren hat sich die Band aufgelöst. Warum?

Luther Wenn ich böse sein will, sage ich: Weiber. Unser Schlagzeuger hatte damals eine Freundin und kam seltener zur Probe. Ohne Schlagzeug funktioniert es nicht.

Und irgendwann wurde der Punkrocker Baggerfahrer. Ist das die korrekte Bezeichnung?

Luther Der offizielle Begriff ist Baumaschinist. Ich sage aber auch Baggerfahrer.

Was können nur Baggerfahrer?

Luther Ein Baggerfahrer hat ein sehr gutes Augenmaß. Wenn du eine Straße 30 Zentimeter tief machen musst, hast du ein Problem, wenn du 30 Zentimeter nicht von 22 unterscheiden kannst.

Hilft diese Fähigkeit im Alltag?

Luther Ich erkenne, ob ein Bild gerade hängt. Ob es allerdings ein Segen ist, ständig zu gucken, ob alles gerade ist, weiß ich nicht.

Rücken Sie Bilder gerade?

Luther Zuhause ja. Ich habe gestern den Spiegel meiner Freundin aufgehängt, der war ungelogen fünf Millimeter schief. Ich bin noch mit dem Hämmerchen drangegangen, bis sie gesagt hat: Hör auf, sonst geht der Spiegel kaputt. Da waren es immer noch zwei Millimeter. Es fällt mir schwer, Dinge zu ertragen, die schief hängen.

Ist Baggerfahren Beruf oder Berufung?

Luther Für mich ist es eine Berufung. Das hat etwas mit Selbstwertgefühl zu tun. Wenn du in fünf Metern Entfernung deine Baggerschaufel ansetzt und 30 Zentimeter ausheben musst und du das bis auf zwei Zentimeter hinbekommst - das ist die Bestätigung, etwas zu können.

Wollen Sie das bis zur Rente machen?

Luther Auf jeden Fall. Und wenn ich Rentner bin, könnte ich mir vorstellen, als Baggerfahrer auszuhelfen. Es macht einfach Spaß. Wenn ich plötzlich aufhöre zu arbeiten, werde ich irgendwann die Bestätigung vermissen.

Könnten Sie ohne Arbeit also nicht glücklich werden?

Luther Wenn ich im Lotto gewinnen würde, wüsste ich nicht, ob ich aufhören würde zu arbeiten. Aber das sagt vermutlich jeder. Dann kommt der Punkt, an dem man sich vom Chef ungerecht behandelt fühlt und ihm sagt: "Ich habe es nicht mehr nötig, ich kündige."

Spielen Sie Lotto?

Luther Der letzte Gewinn lag bei 8,19 Euro.

Sie sind seit 20 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr. Wer keine Ahnung hat, hält die Freiwillige Feuerwehr für einen Anlass, um viel Bier zu trinken.

Luther Es heißt ja auch Feierwehr. Die Übungen, die wir machen, sieht niemand. Bei den Einsätzen sehen die Leute nur ein rotes Auto vorbeifahren. Wenn wir aber am Gerätehaus sitzen, nachdem wir dort geputzt haben, und eine Flasche Bier trinken, dann sieht das jeder. Aber wir trinken nicht mehr und nicht weniger als ein Sportverein.

Was ist Ihre Aufgabe?

Luther Das wechselt. Wir fahren los, vorne links sitzt der Fahrer, vorne rechts der Gruppenführer. Der guckt nach hinten und fragt: Wer kann was? Man ist ja nicht jeden Tag in der gleichen Verfassung. Wenn du erkältet bist und mit Atemschutzmaske in ein brennendes Haus musst, funktioniert das nicht. Junge Familienväter sollten bei einem Autounfall vielleicht nicht ganz nach vorne, manche Verkehrsunfälle sind nun mal mit Kindern. Manchmal sind es auch Freunde und Bekannte.

Ist Ihnen das auch schon passiert?

Luther Ja, er war aus unserem Löschzug. Bei Fällarbeiten kam er unter einem Baum und verstarb. Als ich damals der Feuerwehr beitreten wollte, hatte ich genau das diskutiert: Was ist, wenn da ein Bekannter liegt? Irgendwann habe ich beschlossen: Dann ist es halt so, aber das kann kein Grund sein, die Sache gar nicht erst anzufangen.

Welche Aufgaben überlassen Sie lieber anderen?

Luther Wenn es um die Höhe geht. Zwei, drei Stockwerke gehen, aber danach kommen andere Leute besser zurecht. Eine Katze hole ich also nicht vom Baum.

Wie ist das, in einem brennenden Haus zu stehen?

Luther Wir stehen ja nicht drei Meter neben den Flammen. Und wir sind sehr gut ausgerüstet. Wenn nicht ein Millimeter Haut frei ist, merke ich die Hitze nicht so.

Riskieren Sie Ihr Leben?

Luther Nur in dem Moment, in dem ich unvorsichtig werde. Aber ein Risiko bleibt immer.

Wann hatten Sie zuletzt Angst?

Luther Beim Zahnarzt. Ich kann nicht sehr gut mit Schmerzen umgehen. Wenn ich weiß, dass was gemacht werden muss, bin ich ängstlich.

Und sonst?

Luther Angst vor der Zukunft. Bleibe ich gesund? Werde ich dement? Werde ich irgendwann im Rollstuhl sitzen? Ich denke nicht ständig darüber nach, aber immer wieder.

Wie beruhigen Sie sich?

Luther Ich versuche einfach, nicht so häufig darüber nachzudenken. Sonst wüsste ich nicht, wie ich mit der Angst umgehen sollte.

Wie groß ist Ihre Angst, dass unser Planet aufgrund des Klimawandels untergeht?

Luther Das werde ich nicht mehr mitbekommen, aber ich glaube, die nachfolgenden Generationen werden ums Wasser kämpfen müssen. Wasser wird das größte Problem sein. Ich habe Berichte gesehen, dass die Süßwasserreserven in Teilen Frankreichs und Spaniens durch Salzwasser kontaminiert werden. In Zypern wird es in knapp 50 Jahren kein Süßwasser mehr geben

Es gibt Menschen, die Angst davor haben, dass Flüchtlinge Deutschland überschwemmen. Ist das berechtigt?

Luther Eine Angst ist immer berechtigt, wenn man sie spürt. Viele Menschen wohnen sicher in Gegenden, in denen es schon viel Kriminalität gibt - diese Leute haben Angst, dass es durch die Fremden noch mehr wird. Doch es ist auch so: Jeder zweite Schulabgänger in Deutschland studiert - aber es muss ja auch noch der Hammer geschwungen werden. Dafür brauchen wir Migranten, weil unter Deutschen die Bereitschaft nicht mehr so groß ist. Ich finde Migration aber auch so interessant.

Warum?

Luther Diese Leute kochen ja auch. Das interessiert mich. Nordafrika hat eine spannende Gewürzeküche.

Was hat der Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt bei Ihnen ausgelöst?

Luther Den Weihnachtsmarkt in Münster würde ich nicht fallen lassen, aber ich würde mir schon meine Gedanken machen. Bei einem aufheulenden Motor würde ich wahrscheinlich hinschauen. Vorher hat einen das nicht interessiert.

Reden wir zu viel über Terrorismus?

Luther Wir reden zu viel über die Anschläge, aber zu wenig über die Möglichkeiten, sie zu verhindern. Wir müssen die Hintergründe verstehen. Warum macht das jemand? Wenn wir das begreifen, können wir besser dagegen angehen.

Sie sind vor einigen Tagen 52 geworden. Spüren Sie das Alter schon?

Luther Oh ja. Bei der Feuerwehr springe ich nicht mehr von der viertletzten Sprosse, sondern klettere bis ganz nach unten. Die Knochen werden doch etwas steifer.

Wo zwickt es besonders?

Luther Alles geht langsam und gleichmäßig zurück.

Was sagt der Arzt?

Luther Er hat mir empfohlen, etwas abzunehmen. Ich wiege 97 Kilo, zwölf sollen runter.

Was haben Sie getan, um dieses Ziel zu erreichen?

Luther Ich habe mich schon sehr damit befasst.

Das klingt eher nach Theorie.

Luther Ich habe mal anderthalb Jahre gejoggt, das hat sehr geholfen. Damit werde ich wohl auch wieder anfangen. Auch wenn ich wieder bei Null starte.

Ich habe nicht den Eindruck, dass Ihr früherer Lebenswandel Ihnen noch sagen wir 40 weitere gute Jahre ermöglicht.

Luther Ich habe sehr intensiv gelebt. Da müsste ich mich schon sehr bemühen, damit ich so alt werde.

Die Frage ist, ob Sie das überhaupt wollen.

Luther Ein Bekannter hat mal von seinem Opa erzählt. Als er hundert wurde, sagte der: Das sei nicht so erstrebenswert, weil das ganze Umfeld nicht mehr da ist.

Welche schweren Sünden haben Sie Ihrem Körper angetan?

Luther Alkohol, Schlafentzug, Zigaretten. Mit dem Rauchen habe ich aber vor sieben Jahren aufgehört. Erst habe ich die Tage, dann die Wochen und dann die Monate gezählt, um mich zu motivieren. Und irgendwann habe ich mit dem Zählen aufgehört.

Sind Sie nur älter oder auch erwachsener geworden?

Luther Weiser vielleicht, aber so richtig erwachsen geworden nie. Ein bisschen Schalk habe ich immer noch. Ich könnte jetzt spontan losrennen und eine Baumbude bauen.

Was haben Sie sich als 18-Jähriger vorgenommen, nie zu tun - und haben es dann doch getan?

Luther Was ich nie für möglich gehalten hätte, war, pünktlich ins Bett zu gehen, um morgens wach für die Arbeit zu sein. Früher hat man ja drei Tage gefeiert, hat die Buxe gewechselt und ist zur Arbeit gegangen.

Damit hört man ja Mitte 20 auf.

Luther Oder Mitte 30. Danach war es Zeit, vernünftig zu werden.

 
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