| 17.57 Uhr

IS-Kämpfer vor Gericht
Von Wolfsburg aufs Schlachtfeld

IS-Kämpfer aus Wolfsburg in Celle vor Gericht
Der Prozess findet unter erhöhten Sicherheitsvorschriften statt: Die Angeklagten sitzen in einem mit Sicherheitsglas abgetrennten Raum. FOTO: dpa, hoh cul
Celle. Von Wolfsburg aus sollen zwei Deutsch-Tunesier für den islamischen Staat in den Kampf gezogen sein. Jetzt stehen sie in Celle vor Gericht. Die diskutierte Frage: Welche Motive haben die Angeklagten nach Syrien und in den Iran getrieben?

Vor dem Oberlandesgericht Celle hat am Montag der Prozess gegen zwei junge Männer aus Wolfsburg begonnen, die sich nach einer religiösen Radikalisierung der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen haben sollen. Mittlerweile haben sich beide Männer öffentlich vom IS distanziert. Einer der Angeklagten schilderte beim Prozessauftakt - in einer vom Verteidiger verlesenen Erklärung -  seinen Weg von der ersten Einladung zum Gebet durch einen Arbeitskollegen bis hin auf das Schlachtfeld im Irak.

Bis zu zehn Jahre Haft 

Die Bundesanwaltschaft wirft den beiden mutmaßlichen IS-Heimkehrern Ayoub B. (27) und Ebrahim H. B. (26) die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. Ayoub B. ist auch wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat angeklagt, weil er an Kampftrainings teilgenommen und laut Anklage auch zur Waffe gegriffen haben soll. Ebrahim H. B. stand nach den Ermittlungen kurz davor, einen Selbstmordanschlag in Bagdad zu begehen. Den beiden Deutsch-Tunesiern drohen bei einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Haft - wenn sie nicht beweisen können, dass sie im Vorfeld weder vom IS-Einsatz gewusst, noch ihn befürwortete haben. Der Prozess begann unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen.

Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft waren die beiden Dschihadisten auch nach ihrer Rückkehr weiter "Feuer und Flamme" für den Islamischen Staat. Das stellte Ayoub B. aber in seinen Schilderungen vor Gericht anders dar. Eigentlich sei er nur zum Studium des Islams aufgebrochen und habe sich nicht zum Kämpfen in ein Krisengebiet begeben wollen. Davon sei nie die Rede gewesen. Vor Ort sei er dann zur Ausbildung an der Waffe gezwungen worden und habe schnell Pläne zur Flucht zurück nach Deutschland geschmiedet.

Persönliche Krisen

In seiner verlesenen Aussage schilderte sich Ayoub B. als das schwarze Schaf unter seinen Geschwistern, dem es nach Schul- und Drogenproblemen nur mit Mühe gelungen sei, als Zeitarbeiter bei VW in Wolfsburg unterzukommen. Als er in radikale Kreise geriet, habe der neu entdeckte Islam ihm geholfen, seine Probleme zu überwinden. Dann sei er Richtung Syrien und Irak aufgebrochen, obwohl sein Vater, der im Vorstand einer tunesischen Moschee aktiv ist, bereits vorher das Landeskriminalamt eingeschaltet hatte, um dies zu verhindern.

In Syrien und im Irak traf Ayoub B. nach seinen Schilderungen nicht nur auf weitere IS-Kämpfer aus Wolfsburg, sondern wurde auch von einem deutschen Konvertiten, der aus Dinslaken oder Bonn stammen soll, verhört. Die Terrororganisation habe über detaillierte Akten über die Neuankömmlinge verfügt. Bei Gefechten sei es seine Aufgabe gewesen, Tote und Verwundete wegzuschaffen, erklärte der 27-Jährige.

Der zweite Angeklagte, Ebrahim H. B., kündigte eine Aussage für einen der kommenden Prozesstage an. Im Gerichtssaal wurde ein Fernsehinterview mit dem 26-Jährigen während der Untersuchungshaft abgespielt. Ein "falscher Prediger" habe ihn - sowie andere junge Leute aus Europa, die von Religion keine Ahnung hätten -  "verarscht" und unter falschen Vorwendungen für den IS angeworben, sagte Ebrahim H. B. darin.

Am Wahrheitsgehalt dieser Aussagen gibt es Zweifel: Es existieren zum Beispiel Mitschnitte von Internet-Chats, in denen die Angeklagten neue Mitglieder aus Deutschland werben und sich inbrünstig zum IS bekennen. Die Erklärung von Ayoub B. dazu: Er habe sich verstellen müssen, damit seine kritische Haltung nicht auffliege. "Mir blieb gar nichts andere übrig, als so zu tun, als wäre ich ein glühender Anhänger." 

(dpa)
 
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