Entsetzen nach Kindstötung: Jede Woche sterben drei Kinder wegen Misshandlung
VON MICHAEL SCHULTE - zuletzt aktualisiert: 07.12.2007 - 14:41Düsseldorf (RPO). Nach den Kindstötungen in Darry und Plauen steht fest: Solche Fälle werden mehr. Jede Woche sterben in Deutschland drei Kinder, weil sie von ihren Eltern misshandelt wurden – doppelt so viele wie in den 80ern. An Weihnachten häuft sich die Gewalt. Am schlimmsten betroffen sind sozial schwache Familien. Warum tun Eltern ihren Kindern das an?
Immer mehr Eltern sind offenbar mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Die Folgen sind fatal: Allein im Jahr 2006 starben in Deutschland 156 Kinder, misshandelt und getötet von ihren Eltern oder Verwandten – drei Kinder pro Woche. Das geht aus den Statistiken des Bundeskriminalamtes (BKA) hervor. In den 80er Jahren kamen jährlich 70 Kinder durch Gewalt in der Familie ums Leben – gerade mal die Hälfte. Vor 20 Jahren Jahren gab es allerdings auch mehr Kinder, insgesamt 18 Millionen. Heute sind es nur noch 15 Millionen.
Fazit: Wir haben heute weniger Kinder, gleichzeitig eine Zunahme von Kindstötungen.
„Mehr als 90 Prozent der Kindstötungen spielen sich in sozial schwachen Familien ab“, sagte Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB), unserer Redaktion. Für Hilgers ist die extreme Häufung kein Zufall. Er geht davon aus, dass Familien, die von Sozialleistungen wie Hartz IV leben müssen, besonders stark unter Druck stehen. „Wenn Eltern sich jeden Tag aufs Neue überlegen müssen, wie sie mit dem knappen Geld über die Runden kommen, steigt die psychische Belastung“, so Hilgers.
Familien bewegen sich in einem Teufelskreis
Häufig geraten arme Familie in einen Teufelkreis, hat Hilgers beobachtet. Fehlt das Geld, bleibt der Kühlschrank leer und die Kinder jammern. Es gibt Streit. „Viele Eltern wissen nicht, wie sie den Konflikt lösen sollen. Schon in ihrem eigenen Elternhaus wird ihnen nicht erklärt, wie man Kinder großzieht und eine Familie organisiert“, so der DKSB-Experte. Die chronische Überforderung führe vor allem in sozial schwachen Familien dazu, dass die Eltern psychisch erkranken. Das zeige auch der Fall der 31-Jährigen Mutter aus dem dem schleswig-holsteinischen Dorf Darry, so Hilgers.
Die 31-Jährige, die ihre fünf Söhne mit Tabletten vergiftet und anschließend mit einer Plastiktüte erstickt haben soll, ist nach bisherigen Erkenntnissen geistig verwirrt. Die Frau soll in ihren Kindern eine Verbindung zu „Dämonen“ gesehen haben. Das hatte sie dem Sozialpsychiatrischen Dienst des Kreises Plön anvertraut. Aus Sicht des Dienstes habe es jedoch keine Anhaltspunkte dafür gegeben, dass man akut habe handeln müsse.
"Die Patientin war sicherlich auffällig" und habe religiöse Fantasie geäußert, sagte Mitarbeiterin Petra Ochel den TV-Sender N24. Die Mitarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes hätten bei der 31-jährigen Mutter angeblich die Behandlungsbedürftigkeit gesehen und deshalb wiederholt angeboten, nicht nur vollstationär, auch ambulant.
Kinderschutzbund-Präsident Hilgers fordert, das Betreuungsangebot für gefährdete Familien zu verbessern. „Man muss sie von ihrem psychischen Druck befreien. Das geht nur, wenn man die wachsende Armut bekämpft und Sozialleistungen nicht noch weiter kürzt“, so Hilgers. Verbindliche Vorsorgeuntersuchungen, wie sie Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) fordert, hätten den fünffachen Kindsmord in Darry nicht verhindern können.
An den Weihnachtsfeiertagen nehme der psychische Druck stark zu und provoziere Gewalt in den Familien, so Hilgers. Kinder und Eltern erwarteten ein harmonisches Fest. "Wird die brüchige Harmonie gestört, ist der Druck im Kessel so hoch, dass er explodiert."
"Alle Bürger müssen wachsamer sein"
Zudem fordert Hilgers mehr Wachsamkeit bei allen Bürgern. Wenn Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert seien, seien nicht nur staatliche Stellen gefragt, sagte er am Donnerstag im WDR. Auch Nachbarn sollten respektvoll ihre Hilfe anbieten. "Wenn diese brüsk ausgeschlagen wird und man sich Sorgen macht, ist es richtig, sich an das Jugendamt oder andere Stellen zu wenden."
Auch die der Hilferufe von Kindern und Eltern, die allein nicht mehr weiter wissen, hat deutlich zugenommen. Im Jahr 2000 führte das seit 27 Jahren bundesweit agierende Netzwerk „Nummer gegen Kummer“ noch 163 000 Gespräche. Im vergangenen Jahr waren es schon 237 000. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann sieht in der zunehmenden Zahl von Elternanrufen ein Zeichen für die Überlastung vieler Väter und Mütter. "Viele Eltern sind heute am Rande ihrer Möglichkeiten", erklärte der Bielefelder Sozialwissenschaftler im "ZDF-Mittagsmagazin". In dem meisten Fällen kämen die Eltern mit ihrem eigenen Leben nicht zurecht. Ihre Krisen seien oft Ausgangspunkt für die problematische Entwicklung von Kindern, erklärte Hurrelmann.
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