Sozialreport 2010 vorgestellt: Jeder Vierte hat Angst vor der Zukunft
VON DANA SCHÜLBE - zuletzt aktualisiert: 31.08.2010 - 14:23Berlin (RPO). Die Wirtschaft entwickelt derzeit neue Kraft. Die sinkenden Arbeitslosenzahlen sind da nur ein Beleg. Bei den Bürgern dagegen scheint dies weniger der Fall zu sein, auch wenn sie mit ihrem Konsum zu einem wesentlichen Teil zur wirtschaftlichen Erholung beitragen. Laut dem Sozialreport 2010 hat jeder Vierte Angst vor der Zukunft. Auch das Vertrauen in die Politik ist gering.
Auflebende Konjunktur, steigender Konsum, sinkende Arbeitslosenzahlen - erst am Dienstag hat die allgemeine Euphorie durch die aktuellen Berichte der Bundesagentur für Arbeit wieder Auftrieb bekommen. Und so zeigt sich auch im Sozialbericht 2010, den die Volkssolidarität am Dienstag vorstellte, dass die Deutschen eigentlich mit ihrem Leben zufrieden sind.
59 Prozent der Befragten gaben an, mit ihrem Leben zufrieden oder gar sehr zufrieden zu sein, nur neun Prozent waren unzufrieden. Auch bewerteten mehr als 40 Prozent ihre wirtschaftliche Lage als gut, nur 16 Prozent als schlecht.
Doch schaut man sich die Kategorie Zufriedenheit etwas genauer an, so sehen die Zeichen vor allem für die Politik alles andere als gut aus. Denn die Deutschen sind zwar sehr zufrieden mit ihrer Wohnsituation und ihrer Freizeit. Anders sieht es aber in Bezug auf die Demokratie, auf den politischen Einfluss und die Einkommens-Preis-Verhältnisse aus.
Wenig Vertrauen in Politik
Die Politikverdrossenheit wird durch die Studie damit einmal mehr untermauert. So gaben nur 15 bis 20 Prozent der Deutschen an, den Institutionen in Bund und Land zu vertrauen. Und jede Woche zeigen die aktuellen Umfragen, dass die Unzufriedenheit mit der derzeitigen Regierung nur noch mehr wächst. Die Union sackt ab, die FDP liegt bereits im Keller, geht es nach den Prognosen.
Dass die Vertrauensfrage vor allem ein Problem der aktuellen Politik ist – ob nun in dieser oder in der vergangenen Regierung –, zeigt auch die Tatsache, dass die Mehrheit der Deutschen laut der Studie die Demokratie selbst für wichtig halten (82 Prozent im Westen, 69 Prozent im Osten). Über die Entwicklung der Demokratie aber sind nur wenige glücklich - gerade einmal 26 Prozent im Westen und 16 Prozent im Osten. Auch wird Gerichten und Polizisten ein weitaus höheres Vertrauen entgegengebracht - ein Zeichen dafür, dass das System an sich nicht infrage gestellt wird, nur dessen Umsetzung.
Und so verwundert es kaum, dass jeder vierte Deutsche sich vor der Zukunft fürchtet. Besonders stark ist diese Ansicht bei den über 50-Jährigen vertreten, ein Anzeichen für die Angst vor Altersarmut. Nur 20 Prozent der Befragten gaben an, sie gingen davon aus, dass sich ihr Leben in den nächsten fünf Jahren verbessert. Erwartungsgemäß sind darunter vor allem junge Menschen (befragt wurden alle ab 18 Jahren). Immerhin 41 Prozent gehen aber davon aus, dass ihr Leben so bleibt, wie es ist.
Sorge um Finanzen im Alter
Wesentlich gravierender sieht es da bei der gefühlten wirtschaftlichen Perspektive aus. Hier nahm jeder Dritte eine Verschlechterung seiner Lage an, nur 19 Prozent waren positiv gestimmt. Allerdings ist dies angesichts der gerade überstandenen Wirtschafts- und Finanzkrise inklusive Angst vor Jobverlust und Kurzarbeit eine logische Konsequenz. Schließlich mahnen Wirtschaftsexperten immer wieder davor, die aktuelle wirtschaftliche Erholung nicht mit zu viel Optimismus zu sehen.
Vor allem die Einkommensentwicklung macht den Deutschen dabei Sorgen. So haben drei Viertel Angst um die finanzielle Absicherung im Alter. "Offensichtlich hat die Mehrheit der Bürger weder vor der Finanzkrise noch im letzten Jahr am Wirtschaftsaufschwung teilgenommen und sieht auch für die Zukunft keine leistungsgerechte Teilhabe", sagt denn auch Verbandspräsident Gunnar Winkler.
Dass die Angst um Armut schon jetzt mehr Realität ist als gewünscht, zeigt die Studie genauso wie die Armutsberichte der Bundesregierung. Laut Volkssolidarität leben bereits 18 Prozent der Deutschen von weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens - und das liegt bei 798 Euro pro Monat. "Wir brauchen klare Strategien zur Armutsvermeidung", fordert daher Winkler.
Ost-West-Unterschiede
Zum Jubiläum 20 Jahre deutsche Einheit hat sich die Volkssolidarität in ihrer Studie auch mit den Befindlichkeiten in Ost und West beschäftigt. Ihr Schluss: Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Einheit noch nicht erreicht.
Denn nur 47 Prozent der Westdeutschen sehen die Einheit als vollendet an, im Osten sind es lediglich 17 Prozent. 56 Prozent stellen große Unterschiede zwischen Ost und West fest oder glauben, dass es diese noch in 50 Jahren gibt. Diejenigen, die gern wieder die alten Verhältnisse haben wollen, werden dagegen immer weniger. Im Osten sind es gerade einmal neun Prozent und im Westen elf.
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