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Bistümer in Deutschland
Jetzt verlassen Senioren die Kirche

Jetzt treten Senioren aus der Kirche aus
Die Zahl der Kirchenaustritte von über 60-Jährigen hat sich 2014 im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. FOTO: dpa, Oliver Berg
Düsseldorf. In vielen Bistümern der katholischen Kirche in Deutschland hat sich die Zahl der ausgetretenen Senioren verdoppelt. Dies ist ein Beleg dafür, wie schwach die Kirchenbindung selbst bei älteren Menschen geworden ist. Eine Analyse. Von Lothar Schröder

Der katholischen Kirche in Deutschland gehen jetzt auch die Senioren verloren. So hat sich die Zahl der Austritte von über 60-Jährigen 2014 im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Dies ergab eine Umfrage unserer Zeitung unter allen 27 deutschen Bistümern. Elf von ihnen verfügten über Erhebungen der Austritte nach Altersgruppen - darunter die Bistümer von Aachen und Bamberg, Essen, Münster und Würzburg.

Dabei wird ein deutlicher Trend zur Bereitschaft sichtbar, selbst im fortgeschrittenen Alter noch der Kirche den Rücken zu kehren. Beispielsweise stieg im Erzbistum Hamburg die Zahl der Austritte in der Gruppe der über 60-Jährigen von 330 (2013) auf 886 im vergangenen Jahr. Ähnliche Zahlen vermeldet das Bistum Essen: Traten 2013 insgesamt 341 Senioren aus der katholischen Kirche aus, waren es 2014 bereits 764.

Italien: Papst Franziskus zu Besuch in Turin FOTO: afp, VIP/RT

Von dieser bedenklichen Kirchenferne auch älterer Katholiken bleiben sogar vermeintlich glaubensfestere Bistümer in Süddeutschland nicht verschont: In der Erzdiözese Freiburg entschlossen sich 2013 noch 950 Senioren zum Austritt, ein Jahr später schon 2185. Die Daten weiterer Bistümer: Bamberg zählt 1470 Austritte (2013) zu 2074 (2014); Limburg 399 (2013) zu 537 (2014). Sogar in Bistümern wie Münster wächst die Zahl der kirchenfernen Senioren rasant. Dort ist mittlerweile jeder zehnte Ausgetretene über 60 Jahre alt.

Dieses Phänomen ist aber nur zum Teil mit der Gesamtentwicklung der katholischen Kirche in Deutschland zu erklären. So erreichte die Zahl der Austritte mit 217.716 im vergangenen Jahr ein Rekordniveau. Sie überstieg damit um 20 Prozent die Zahl von 2013 und übertrifft auch die bisherige Höchstmarke von 192 000 im Jahr 1992. Doch blieb früher das Austrittsniveau bei den Senioren konstant niedrig.

Ein anderer Grund für den Schritt aus der Kirche dürfte eine für manche Rentner beachtenswerte Änderung im Finanzwesen sein. So leiten seit Anfang dieses Jahres Banken und Sparkassen die Kirchensteuer auf Kapitalerträge oberhalb des Sparerfreibetrages direkt an die Finanzämter weiter. Auch wenn davon nicht alle Senioren betroffen sind, könnte dies in vielen Bistümern zum finanziell vorsorglichen Austritt motiviert haben.

So schön erstrahlen die Kirchen bei Nacht FOTO: Berns, Lothar

Beruhigend ist das nicht. Vielmehr wird auch dies zum Beleg dafür, wie schwach die Kirchenbindung mittlerweile auch bei älteren Menschen geworden ist, wenn ein vergleichsweise flacher Grund ausreicht, einer Institution den Rücken zu kehren, deren Mitglied man sechs oder sieben Jahrzehnte war. Und von der man sich gerade im Alter Für- und Seelsorge verspricht – bis hin zur Beerdigung. Früher galt die Faustregel: Wer bis ins fortgeschrittene Alter der Kirche angehörte, wird diese bis zum Ableben nicht mehr verlassen. Die Bindung an ihre Kirche war bisher "in der Tat durchschnittlich stärker als bei den jüngeren", so der Münsteraner Kultur- und Religionssoziologe Detlef Pollack.

Zwar ist die Gruppe der ausgetretenen Senioren in der Gesamtentwicklung nicht dominant. Ihr Anteil liegt in den einzelnen Bistümern aktuell bei ungefähr sechs bis acht Prozent. Doch wird die Entwicklung gerade in dieser Altersgruppe als ein wichtiger Indikator für den Glaubenswandel in Deutschland gesehen.

Von einem "epochalen Umbruch" in der Kirchengestalt spricht vor diesem Hintergrund der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner. "Die Institutionen tragen nicht mehr, es zählt allein die persönliche Entscheidung", so Zulehner zur Rheinischen Post. Das heißt aber auch, dass die Welle der Austritte selbst ohne erkennbare "Fehler" der Kirche unvermindert anhalten wird. Nach Zulehners Einschätzung wird es in den kommenden Jahren "eine Art stellvertretende sympathische Kirchlichkeit ohne Mitgliedschaft" geben – wie auch bei den Gewerkschaften.

Fotos: Papst Franziskus trägt auf Philippinen gelbes Regencape FOTO: afp

"Viele haben sie formell verlassen - aber wehe, wenn sie ihre Interessen nicht gut vertreten." Die Dienste der Kirche werden wohl auch künftig gefordert – wie Beerdigungen, Geburts- und Hochzeitsrituale; dann auch ohne Mitgliedschaft. Und natürlich werde bei öffentlichen Katastrophen die Kirche mit ihrer Notfallseelsorge gefragt sein.

Man sollte diesen Wandel nicht zu klein bemessen und nur auf veränderte Anforderungen des Alltags beschränken. Für einige Theologen vollzieht sich in der Geschichte des christlichen Glaubens eine Neugestaltung der Kirche – vergleichbar mit der sogenannten konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert nach Christi. Damals wurde die Kirche nach Verfolgung und allmählicher Duldung schließlich zu einer privilegierten Institution. Kirchenzugehörigkeit war Schicksal. Heutzutage steht vor allem die Wahl des Einzelnen im Vordergrund. Person geht vor Institution, vor einer Einrichtung, die sich zu lange und zu wenig um Bindungsanreize gekümmert zu haben scheint. Die erhöhte Austrittsbereitschaft der Senioren ist nicht der Untergang der Abendlandes, aber ein Indiz für genau diese Bindungsschwäche.

Spannend für die Gegenwart ist zudem: Die christlichen Kirchen werden nach Zulehner zwar deutlich kleiner und sich somit wieder "dem biblischen Normalfall annähern" – ohne aber an gesellschaftlicher Bedeutung zu verlieren. Die Kirche könne dann eine Art moralische Wächterrolle einnehmen, wie auf anderen Gebieten heute etwa Amnesty International oder auch Greenpeace. Was zählen wird, ist die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Person an der Spitze. Papst Franziskus wird eine solche Wirkung und ein solcher Einfluss zugetraut.

Eine andere bemerkenswerte Folge dürfte sein: Unter den noch verbliebenen Kirchenmitgliedern wird es "anteilsmäßig mehr gläubige Christinnen und Christen geben".

Quelle: RP
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