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Serie - Geheimnisse der Bibel (Teil 5): Johannes – der erste Mystiker

VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 20.03.2008 - 14:31

Düsseldorf (RP). Das Evangelium nach Johannes ist das poetisch schönste unter den Evangelien. Johannes setzte sich mit einer Lehre auseinander, die für das Christentum gefährlich war: die sogenannte Gnosis. Hätte sie die Oberhand gewonnen, wäre das Christentum untergegangen.

Johannes war der erste Mystiker.  Foto: RPO
Johannes war der erste Mystiker. Foto: RPO

Als der Schauspieler Ben Becker seine Bibel-Show als „gesprochene Symphonie“ aufführte, da durfte ein Text nicht fehlen: der Anfang des Johannes-Evangeliums. Und wer auf der Internetseite über Beckers Bibelprojekt eine Hörprobe abrief, der hörte eben diese Passage – mit Beckers sonorer Stimme ein Gänsehaut-Moment:

„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ Worte voll poetischer, rätselhafter Schönheit. Und damit ist nur eine Besonderheit dieses seltsamen Evangeliums genannt, das im Quartett der Evangelien eine Sonderstellung einnimmt.

Entstanden ist es wohl im ersten Viertel des zweiten Jahrhunderts. Der Verfasser ist laut Evangelium der Apostel Johannes, Jesu Lieblingsjünger. Historisch ist dies umstritten. Sicher ist: Der Autor hat sich viel stärker als die anderen drei Evangelisten mit einer Lehre auseinandergesetzt, die das junge Christentum schließlich entschlossen als Irrlehre bekämpfte: die so genannte Gnosis (griechisch: Erkenntnis).

Man darf sagen: Hätte sich diese Lehre durchgesetzt, wäre das Christentum schnell untergegangen. Dennoch hatte die Gnosis ihr Gutes: Die Christen waren gezwungen, sich mit der Gnosis-Kosmologie auseinanderzusetzen – und ihre eigene zu entwickeln, so wie Johannes es getan hat.

In gnostischer Sicht war der Kosmos gespalten in ein Reich des Materiellen und eine himmlische Lichtwelt. Die Seele des Menschen war ein Splitter des Lichts, der auf der Erde gefangen ist im Leib des Menschen. Die Welt als Macht der Finsternis wachte darüber, dass die Seele im Gefängnis der Materie ihre himmlische Heimat vergaß.

Erkenntnis – Gnosis – war der Weg zur Erlösung, die Erinnerung an die eigene Herkunft aus dem Licht. Jesus wurde in diesem Rahmen als Lehrer des Lichts gesehen – als einer, der die Menschen an ihre wahre spirituelle Heimat erinnert.

Das Lebensgefühl, das damit verbunden ist, beschreibt der Theologe Rudolf Bultmann so: „Die Welt ist für den Menschen nicht nur Fremde, sondern Gefängnis, eine finstere stinkende Höhle, in die er sich geworfen weiß.“ Der Mensch ist erfüllt von „Einsamkeit“, von „furchtbarer Angst“ vor Lärm und List der Welt und ihren dämonischen Mächten.

Alle Lebensvollzüge erscheinen als „vergiftet, dämonisch infiziert“. Der Gott der Gnosis war lebens- und weltfeindlich, unfähig zu lieben und zu leiden, vor allem: nicht willens, sich gemein zu machen mit der Schöpfung. Gott ist radikal Nicht-Welt, und der Mensch kann sein Leben, die Welt und das Treiben der Menschen nur als äußeren Schein verachten.

Gnostische Gemeinden schotteten sich daher ab, übten sich in Askese, predigten Reinheit. Ein Satz wie „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gibt in gnostischer Sicht keinen Sinn. Jesu Weltoffenheit, die Souveränität, mit der er auf Geächtete, auf vermeintlich Unreine, auf schuldig Gesprochene zugeht, diese Furchtlosigkeit, mit der er sich der Welt öffnet – all das war für Gnostiker nicht wichtig, ja schädlich, weil man Gefahr lief, sich noch tiefer in jener stinkenden Höhle namens Welt zu verlaufen.

Auch Jesu Leiden wurde nur als Schein verstanden, denn jener innere Lichtfunke ist wohl gefangen, aber im Kern unberührbar. Licht leidet nicht; es leuchtet nur. So war das Kreuz Christi in gnostischer Sicht nur ein hässlicher Betriebsunfall im Reich der Materie.

Das Christentum wäre eine völlig andere Religion geworden, wenn die Gnostiker die Oberhand gewonnen hätten. Dass Gott wirklich Mensch wurde, dass er wirklich in und an seiner Schöpfung leidet, dass er sie nicht preisgibt, sondern als Ort des Segens und seiner anbrechenden Gottesherrschaft begleitet – all das stand in dieser Auseinandersetzung auf dem Spiel.

Und: Das Christentum wäre als Geheimbund untergegangen. Die Gnosis jedenfalls ging unter, ist heute nur noch historische Erinnerung. Bestenfalls werden Elemente dieser Konzeption als ferner Nachklang in esoterischen Zirkeln gepflegt.

Dies vor Augen ist es aufregend zu sehen, wie klar Johannes, wie klar auch die Kirchenväter das Vordringen gnostischer Gedanken bekämpft haben. Johannes setzt den heiligen Lichtfunken ein scharfes Wort entgegen: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Und nicht etwa: Das Wort war im Fleisch gefangen und wohnte nur zum Schein unter uns. Die aus 17 Versen bestehende Einleitung des Johannes-Evangeliums ist so etwas wie eine Kriegserklärung an die gnostische Funkenparade.

Dem dualistischen Weltbild – Lichtwesen hier, stinkende Materie dort – wird eine Kosmologie der Schöpfung entgegengesetzt: „Im Wort war das Leben, und das Leben war das Licht des Menschen.“ Johannes setzt der Mystik des Lichts eine Mystik des Wortes gegenüber, und zwar des schöpferischen, göttlichen Wortes, das die Schöpfung trägt und nicht etwa in ihr gefangen ist. Sprache wird für Johannes zu einem mystischen Tor zwischen der Welt Gottes und der des Menschen. Das ist nicht nur theologische Theorie – dieser Ansatz formt die Sprache bei Johannes in einzigartiger Weise.

Sprache entfaltet sich bei Johannes wie ein Fächer: Ein Wort bezeichnet ein Ding und etwas anderes; die Materie glänzt auf einmal vor Sinn und Vieldeutigkeit. Da sind etwa die vielen „Ich bin“-Worte Jesu – Worte voll theologischer Wucht, in denen Jesus seine Person mit abstrakten Größen identifiziert: Ich bin die Wahrheit, die Auferstehung und das Leben, ich bin der gute Hirte, „ich bin die Tür, wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden“. Der messianische Anspruch wird in solchen Worten mit einer unerhörten Vollmacht beansprucht und zugleich in einer poetischen Dichte, die einzigartig ist im Neuen Testament.

Immer wieder nimmt Jesus alltägliche Vorgänge wie das Essen oder eine Suche zum Anlass für Gedankenflüge: Ich bin das Brot des Lebens, sagt er beim Stichwort Essen. Als seine Jünger ihn einmal suchten, fanden und dann fragten: „Rabbi, wann bist du hergekommen?“, da antwortet er auf die banale Frage mit einer Meditation über das Suchen, die in einer Selbstoffenbarung gipfelt: „Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“

In solchen Passagen wird immer wieder deutlich: Die ganze Welt, das Leben, jedes Detail und jeder Lebensvollzug ist so etwas wie eine Metapher für Höheres. Die Außenseite der Welt spiegelt den Himmel wider; man muss nur hinsehen oder eben hinhören, denn all das ist ja verborgen in der Sprache, im Wort, das für Johannes göttlichen Ursprungs ist und dessen Abglanz jedes Menschenwort mit Geist erfüllt.

Entscheidend ist: Diese Bewegung des menschlichen Geistes, der in der Welt auf Spuren Gottes stößt, ist nicht – wie in gnostischen Lehren – angstbesessen, weil erfüllt von der Furcht, um den Glanz des Himmlischen betrogen zu werden. Bei Johannes ist so etwas wie das Erlebnis überwältigender Sinnfülle zu spüren. Erlösung und Gotteserkenntnis sind keine Spezialangelegenheiten für Eingeweihte, sondern liegen offen und klar zu Tage.

Die Welt ist kein Feind, keine stinkende Höhle, sondern ein Zeichen, das von Gott kommt und auf ihn zurückweist. Das ist das Evangelium, die frohe Botschaft, die Leute wie den Apostel Paulus frei gemacht hat, alles hinter sich zu lassen, Gott neu zu denken und diese Gedanken ohne Furcht vor Verunreinigung in die Welt zu tragen.

Die letzten Worte im Johannes-Evangelium künden von diesem Glauben an die Fülle und die Nähe Gottes: „Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.“

Quelle: RP

 
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