| 18.02 Uhr

Nach Methadon-Tod von elfjähriger Chantal
Jugendamt entlässt zuständige Leiterin

Hamburg. Als Konsequenz aus dem Methadon-Tod der elfjährigen Chantal ist die Leiterin des zuständigen Jugendamtes Medienberichten zufolge von ihren Aufgaben entbunden worden. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt unterdessen gegen das Jugendamt.

Der Bezirk Mitte werde die Stelle neu besetzen, sagte der Bezirksamtschef Markus Schreiber am Dienstag dem "Hamburger Abendblatt". Zunächst übernehme Wolters Stellvertreterin die Aufgaben.

Wolters stehe nur noch für die Ermittlungen und die Aufarbeitung des Falls Chantal zur Verfügung. Auch der Sender NDR 90,3 und die "Hamburger Morgenpost" hatten über die Freistellung berichtet. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat derweil ihre Ermittlungen zum Tod von Chantal auf das zuständige Jugendamt und den Betreuungsverein ausgeweitet.

Es laufe ein Verfahren wegen des Verdachts der Verletzung der Fürsorgepflicht, sagte ein Sprecher der Anklagebehörde am Dienstag. Dieses richte sich nicht gegen bestimmte Beschuldigte, sondern gegen Unbekannt. Am Dienstag durchsuchten Polizisten und ein Staatsanwalt die Räume des Amts und des Vereins. Im Jugendamt sicherten sie sich demnach Kopien von 14 Akten zu dem Fall.

Die elfjährige Chantal lebte als Pflegekind bei Eltern, die drogenabhängig waren und seit Jahren in einem Gesundheitsprogramm mit der Heroin-Ersatzdroge Methandon behandelt worden waren. Sie starb am 16. Januar in der Wohnung ihrer Pflegeeltern, nachdem sie unter bislang ungeklärten Umständen Methandon zu sich genommen hatte.

Das Jugendamt hatte von der Drogenabhängigkeit der zwei amtlich anerkannten Bezugspersonen des Mädchens, dessen leibliche Mutter tot und dessen Vater drogensüchtig war, offenbar nichts mitbekommen. Der Fall hatte in Hamburg Entsetzen und eine Debatte über Versäumnisse in der Jugendarbeit ausgelöst.

Nach Angaben des zuständigen Bezirksamts Mitte waren die Pflegeeltern vom Jugendamt offiziell anerkannt. Die Betreuung der Familie lag wie in anderen Fällen auch aber in den Händen eines gemeinnützigen sozialen Trägers, der in Hamburg und anderen Bundesländern Beratungs- und Hilfsleistungen erbringt.

Wegen des Todesfalls ermittelt die Staatsanwaltschaft primär gegen die beiden Pflegeeltern und deren erwachsene Tochter sowie gegen Chantals leiblichen Vaters wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Bei einer Durchsuchung der Wohnung der Pflegefamilie und am Arbeitsplatz des 51-jährigen Pflegevaters hatten die Ermittler 32 Methadon-Tabletten gefunden. Wann und wie das Mädchen mit der Ersatzdroge in Kontakt kam, ist bisher aber unklar.

Das Bezirksamt ist nach eigenen Angaben derzeit dabei, die Abläufe des Falls zu rekonstruieren. Auch die übergeordnete Hamburger Sozialbehörde hat sich eingeschaltet. Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) verschärfte am Montag bereits die Regeln für die Auswahl von Pflegefamilien für Kinder und kündigte eine vorsorgliche Überprüfung sämtlicher 1300 Pflegefamilien in Hamburg an.

Die Bewerber müssen künftig ein Gesundheitszeugnis samt Drogentest vorlegen, damit die Behörden Suchterkrankungen erkennen können. Auch die Überprüfung des polizeilichen Führungszeugnisses wird verschärft.

Bislang wurde es nur auf Einträge über einschlägige, gegen Kinder gerichtete Verbrechen wie Missbrauch durchleuchtet. Ab sofort ist jeder Eintrag ein Ausschlusskriterium. Damit zogen die Behörden die Konsequenzen aus dem Umstand, dass Chantals Pflegevater auch wegen Drogendelikten vorbestraft war.

(AFP)
 
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