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Numerus clausus in NRW: Junglehrer müssen auf Einstellung warten

VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 05.08.2010 - 07:52

Düsseldorf (RP). Erstmals seit Jahren gilt beim Lehramts-Referendariat in Nordrhein-Westfalen wieder ein Numerus clausus. Fürs Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen gibt es 1800 Bewerber mehr als Referendars-Plätze. Die abgelehnten Junglehrer sollen bis Februar Vertretungsunterricht geben.

Wer sein Lehramtsstudium mit der Note 1,0 abschließt, der muss sich um seine Jobchancen keine Gedanken mehr machen – sollte man meinen. Julia Juchems weiß es inzwischen besser. Die 31-Jährige aus Meerbusch hat ihr Biologie-Studium an der Universität Duisburg-Essen mit Bravour absolviert. Eine Zulassung zum Referendariat, dem zweijährigen Vorbereitungsdienst für angehende Lehrer in NRW, hat sie trotzdem nicht bekommen: Juchems hat zwar eine 1,0 in Biologie, aber auch eine 2,4 in Sport. Für einen Referendarsplatz reichte es damit nicht.

Denn erstmals seit zehn Jahren hat das Land für das Referendariat einen Numerus clausus (NC) festgesetzt. Der liegt nach Angaben des Schulministeriums derzeit bei 1,8 – Julia Juchems scheiterte also ganz knapp. Da das Verfahren aber noch laufe, seien Schwankungen noch möglich, heißt es im Ministerium.

So wie Julia Juchems geht es derzeit vielen Lehramtsanwärtern. Das Land hat ihnen gleich zwei Hürden in den Weg gestellt: Mit dem NC galt auch ein früherer Bewerbungstermin, der 18. Juni. Viele Absolventen schrieben ihre Abschlussklausuren aber erst danach – wie Cornelia Swora (23) aus Neuss. Auch sie ging daher bei der Platzvergabe leer aus.

Betroffen sind ausschließlich Bewerber für Gymnasium und Gesamtschule. 957 "Einstellungsmöglichkeiten" hätten dort 2762 Bewerbungen gegenübergestanden, teilt das Schulministerium mit – mehr als 1800 Plätze zu wenig. Das Gesetz schreibe für einen solchen Fall ein Auswahlverfahren vor, heißt es. 640 Bewerber seien allerdings "wegen fehlender Unterlagen" von vornherein aus dem NC-Verfahren ausgeschlossen worden – darunter sind freilich auch die, die wegen des früheren Bewerbungstermins ihre Prüfung noch gar nicht beendet hatten. Die Zahlen seien ein "Schock", sagt Peter Silbernagel, Chef des Philologenverbands NRW.

Wie so oft im deutschen Bildungswesen offenbart auch hier der Föderalismus – die Länder sind für die Bildungspolitik zuständig – seine Tücken. Im Lehramt etwa kommt inzwischen ein Drittel aller NRW-Referendare aus anderen Bundesländern. Von diesen "Bundesausländern" ist ein Teil nach dem Referendariat stets im Land geblieben – und half so, in Zeiten des Mangels Lücken zu schließen.

Das Buhlen um auswärtige Junglehrer scheint nur zu erfolgreich gewesen zu sein. Es habe "deutlich mehr Bewerber gegeben als vermutet", erklärt das Ministerium. "Offenbar sah sich das Land nicht in der Lage, die Haushaltsmittel für die Beschäftigung aller Interessenten aufzubringen", sagt Michael Schulte, Geschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW – Mittel, die NRW dringend bräuchte: In Fächern wie Mathematik, Physik oder Kunst herrscht Lehrermangel. Dass durch den NC auch dort gute Bewerber abgelehnt würden, sei "unverständlich", sagt Silbernagel.

Die Zulassungsverschärfung wurde noch im Frühsommer verfügt, also noch von der schwarz-gelben Regierung. Trotzdem muss das Schulministerium, inzwischen von der Grünen Sylvia Löhrmann geführt, versuchen, Auswege zu finden. Löhrmann sei sich, heißt es in ihrem Hause, mit dem Finanzminister einig, Mittel bereitzustellen, um zum 1. Februar 2011 genügend Plätze für alle Bewerber zu haben.

Dem Schulausschuss liegt inzwischen ein Antrag von SPD, Grünen und Linkspartei vor, der die Zeit bis dahin überbrücken soll – einer der ersten rot-rot-grünen Kompromisse der noch jungen Legislaturperiode. Er sieht neben der Beschäftigungsgarantie für 2011 vor, dass bei Bewerbern, die wegen der verkürzten Frist durchs Raster gefallen waren, Vertretungszeiten an Schulen auf das Referendariat angerechnet werden. "Sinnvolle pädagogische Arbeit" versprach Schulministerin Löhrmann im Landtag den abgelehnten Absolventen: "Sie sind als Vertretungslehrkräfte bestimmt gerne gesehen." Die FDP hat bereits signalisiert, sie werde sich einem Nachtragshaushalt zur Finanzierung der Stellen nicht widersetzen.

So heißt es für die NRW-Junglehrer also zunächst: warten – und die Zeit mit befristetem Vertretungsunterricht überbrücken. Immerhin eine Hilfe, wenn auch keine Lösung. Julia Juchems jedenfalls sagt: "Das ist doch nur ein Trostpreis."

Quelle: RP

 
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