Interviewoffensive: Käßmann beschwert sich über Harald Schmidt
zuletzt aktualisiert: 27.06.2010 - 15:55Berlin (RPO). Vier Monate liegt der aufsehenerregende Rücktritt der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann bereits zurück. Nun sucht sie den Weg in die Öffentlichkeit. In einem langen Interview im ZDF kritisierte die 52-Jährige die Berichterstattung nach ihrer Autofahrt unter Alkoholeinfluss - und die Häme von Lästermaul Harald Schmidt.
Das Gespräch strahlte das ZDF am Sonntag aus. Es war zugleich die Premiere von "Peter Hahne", dem neuen Sonntagstalk des ehemaligen stellvertretenden Leiters des Hauptstadtstudios.
Bei der Aufzeichnung am Pariser Platz in Berlin kritisiert Käßmann am Samstag die Berichterstattung der "FAZ", die von einer Fahrt vorbei an "Rotlichtecken" geschrieben hatte, und Harald Schmidt, der sie in seiner Sendung "dezidiert lächerlich gemacht hat", wie sie es empfunden hat. Solche Reaktionen auf ihre Fahrt hätten zu ihrem Rücktritt beigetragen. "Eine solche Sache hängt Ihnen immer an", sagt die 52-Jährige.
Die "Bischöfin der Herzen", wie Hahne sie nennt, und der Moderator sind einander gut bekannt, sie duzen und schätzen sich. Bis Oktober 2009 war Hahne 17 Jahre Mitglied des Rates der EKD. Entsprechend lässt sich das Gespräch an: Der 57-Jährige fragt beschwingt, aber nicht grob und gibt Käßmann Gelegenheit, wiederholt ihr konsequentes Vorgehen nach dem Fehlverhalten zu betonen.
Hahne leitet das Gespräch hin zu jener Nacht am 20. Februar: Eine clevere Frau feiere und bechere nicht, um sich danach angetrunken ans Steuer zu setzen. "Auch clevere Frauen können Fehler machen", reagiert Käßmann noch gelassen, "der Liebe Gott muss viel Humor haben."
Dann fragt Hahne nach dem ominösen Beifahrer in besagter Nacht, von dem es Gerüchte gab, es könne Ex-Kanzler Gerhard Schröder gewesen sein, was dieser an Eides statt dementierte. Käßmann wird nervös und sucht ihr Heil in der Offensive. Sie finde die Diskussion "absurd" und erinnert den Moderator daran, ihn auch schon einmal mit dem Auto mitgenommen zu haben. "Aber da hatten Sie keine Fahne!", entgegnet der unvermittelt.
Die Ex-Bischöfin ist unruhig, streicht sich mehrfach mit dem Finger übers Kinn und antwortet spöttisch, die Liste der möglichen Beifahrer sei lang, auch Hahne könne dort noch seinen Platz finden. Statt seiner habe aber ein der Öffentlichkeit unbekannter Beifahrer im Wagen gesessen. Der Gastgeber merkt, dass es Käßmann reicht mit den kritischen Fragen - ihr "Stoppschild", wie es Hahne im Anschluss im ddp-Gespräch nennt. "Das respektiere ich und wechsele dann das Thema."
Zum 1. April wechselte Hahne in die ZDF-Programmdirektion und erhielt den Zuschlag für den Talk. Im vergangenen Jahr galt er bei der Vergabe der prominenten Stellen im ZDF als Verlierer. Die Leitung des Hauptstadtstudios übernahm nicht er, der Stellvertreter, sondern Bettina Schausten, zuvor Leiterin der Hauptredaktion Innenpolitik. Hahnes Posten erhielt London-Korrespondent Thomas Walde. Für die Rolle des Chefredakteurs, die sein Berliner Chef Peter Frey übernahm, war Hahne erst gar nicht im Gespräch.
Mit der Talkshow sei er weggelobt worden, hieß es bald, degradiert auf einen Sendeplatz im Anschluss an den launigen "ZDF-Fernsehgarten". "Etwas besseres kann mir nicht passieren", hält Hahne dagegen. Das Format sei um diese Zeit konkurrenzlos und so im Programm nicht vorhanden. Er wolle in den halbstündigen Gesprächen die sachlichen Aspekte mit den persönlichen der Gäste verbinden und Reizthemen setzen. Zur Atmosphäre beitragen soll das "intime" Studio mit dem Blick aufs Brandenburger Tor.
Die persönliche Nähe zu Käßmann sei beim Fragenstellen kein Problem gewesen, sagte Hahne. Er sei Profi genug, als "Anwalt der Zuschauer" niemanden zu schonen. In der Premiere geht es nach dem Zwischenhoch dennoch moderat zu.
Hahne rollt Käßmann den Teppich aus, auf dem sie als moralische Instanz wandeln kann: Die Themen Afghanistan, Sparpaket und Solidargemeinschaft trieben sie um, sagt die 52-Jährige. In die Politik wolle sie, trotz zahlreicher Angebote, dennoch nicht gehen. Stattdessen fahre sie nun für vier Monate in die USA. Noch einmal wird Hahne nickelig: "Vor wem flüchten sie?" Doch Käßmann hat sich längst beruhigt. "Vor niemandem."
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