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Studie zu Kindstötungen
Wenn aus Eltern Täter werden

KFN-Studie: Kindstötungen - fast immer sind die Eltern die Täter
Thomas Bliesener, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), stellt die Studie zu Kindstötungen vor. FOTO: dpa, hoh jol
Hannover . Eine Studie über junge Opfer von Gewaltverbrechen belegt, dass Tötungen und Sexualdelikte durch Fremde an Kindern äußerst selten vorkommen. Die Täter sind meist die Mütter, Väter oder deren neue Lebenspartner.

Es ist der Alptraum aller Mütter und Väter: Das eigene Kind wird von einem Fremden entführt und ermordet. Im November erhielten die Eltern von Mohamed (4) und die Eltern von Elias (6) schreckliche Gewissheit: Nach seiner Festnahme gestand ein 32-Jähriger aus Brandenburg, den Flüchtlingsjungen Mohamed in Berlin mitgenommen und getötet zu haben. Später räumte er außerdem ein, den seit Juni in Potsdam vermissten Elias umgebracht zu haben. Mohamed soll der mutmaßliche Mörder auch sexuell missbraucht haben.

Ein Team am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) analysiert seit acht Jahren Tötungsdelikte an Kindern in Deutschland. Ein Ziel des Projektes liege darin, Strategien zur Prävention zu entwickeln, sagt KFN-Direktor Thomas Bliesener. Die Studie über unter sechsjährige Opfer ist abgeschlossen. Aktuell läuft ein Folgeprojekt, das die getöteten Kinder zwischen 6 und 13 Jahren in den Blick nimmt. "Manche Delikte treten in der öffentlichen Wahrnehmung stark in den Vordergrund, dabei sind sie sehr selten", sagt Bliesener.

"Täter stammen aus dem Umfeld der Kinder"

Fälle von Kindstötung in Deutschland FOTO: ddp

"Fälle wie die Morde an Mohamed und Elias sind die absolute Ausnahme", ergänzt die frühere Projektleiterin, Ulrike Zähringer. Sie hat die Strafakten zu bundesweit allen getöteten unter Sechsjährigen im Zeitraum von 1997 bis 2006 mit ausgewertet. "Wir haben die Daten zu 535 Opfern untersucht. Darunter waren keine Sexualdelikte und kein einziger echter Fremdtäter", berichtet die Kriminologin. "Vielmehr stammten die Täter stets aus dem absoluten sozialen Nahraum der Kinder, in den allermeisten Fällen waren es die Eltern oder deren neue Lebenspartner."

Die größte Gruppe mit 199 Opfern (37 Prozent) bestand aus Kindern, die unmittelbar nach der Geburt von ihren Müttern umgebracht wurden. Diese Frauen hatten ihre Schwangerschaft zuvor verheimlicht oder total verdrängt und wurden von der Geburt überrascht. "Es ist schwer zu sagen, welche Präventionsangebote hier helfen könnten", meint Zähringer. In Hamburg wurde vor 15 Jahren die erste Babyklappe eingerichtet. Mittlerweile gibt es bundesweit Dutzende solcher Wärmebettchen, in die Frauen ihre ungewollten Babys nach der Geburt anonym legen können. "Dafür muss man sich aber vorher informieren und planen", sagt die Kriminologin. "Dazu waren die Frauen in den Fällen, die wir untersucht haben, nicht in der Lage."

Etwa ein Viertel der getöteten Babys und Kleinkinder wurde zu Tode misshandelt. Auch hier waren die Täter meist die biologischen oder sozialen Eltern, in jedem fünften Fall der Stiefvater beziehungsweise Lebensgefährte der Mutter. Auch im aktuellen Fall des gewaltsam zu Tode gekommenen kleinen Tayler aus Hamburg stehen die Mutter beziehungsweise deren Lebenspartner unter Verdacht. Der Chef der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker, wirft den Hamburger Behörden schwere Versäumnisse vor, denn der Einjährige war bereits wegen des Verdachts der Kindesmisshandlung aus der Familie genommen, aber wieder zurückgegeben worden.

Becker sieht Fehler im System: Jeder Familienhelfer im Auftrag des Jugendamtes müsse eine Schulung erhalten, um Verletzungsspuren bei Kindern richtig einzuschätzen: "Was spricht für einen Unfall? Was spricht für Gewalt?"

Knapp 13 Prozent der kleinen Kinder in der KFN-Studie wurden Opfer eines erweiterten Suizides. "Vor diesen Taten gibt es Warnzeichen, für die die Polizei, Jugendämter, aber auch die allgemeine Bevölkerung sensibilisiert werden sollten, sagt KFN-Chef Bliesener. "Die Familien ziehen sich häufig schon eine Zeit lang vor der Tat zurück, manchmal gehen die Kinder nicht mehr zur Schule." Teilweise gibt es sogar Ankündigungen des Täters, er werde die Familie mit in den Tod reißen. Hintergrund sind oft Trennungsdramen.

Sexualdelikte sind selten

Die Wissenschaftler sind im Moment dabei, die Akten der zwischen 1997 und 2012 getöteten 6- bis 13-Jährigen zu analysieren. "Es liegen noch keine abschließenden Zahlen vor, aber so wie es momentan aussieht, wird ein Großteil der älteren Kinder bei erweiterten Suiziden getötet", sagt Zähringer. Im Gegensatz zu den unter Sechsjährigen gebe es nun auch Sexualdelikte und Fremdtäter. Jedoch sei diese Fallgruppe sehr klein.

Der Polizeilichen Kriminalstatistik zufolge geht die Zahl der getöteten Kinder kontinuierlich zurück. So wurden im vergangenen Jahr 46 unter Sechsjährige und 17 Sechs- bis Dreizehnjährige getötet. 2004 waren es noch 85 jüngere und 35 ältere Mädchen und Jungen, 1997 insgesamt 148 Opfer. Über die Gründe könne nur spekuliert werden, sagt Zähringer. Möglicherweise habe der Rückgang mit einer gestiegenen Sensibilität für das Phänomen Gewalt gegen Kinder oder auch mit der besseren medizinischen Versorgung zu tun, die mehr Opfer von schweren Gewalttaten überleben lässt.

(felt/dpa)
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