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Fünf Jahre seit Bekanntwerden mehrere Fälle
Kirche setzt auf neue Missbrauchsstudie

Wie entdeckt man, ob ein Kind missbraucht wird?
Wie entdeckt man, ob ein Kind missbraucht wird? FOTO: AP
Berlin. Die katholische Kirche in Deutschland zählt nicht nur 2015 Jahre seit Christi Geburt, sondern auch fünf Jahre seit dem Schock über die Vielzahl von sexuellen Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg und in weiteren Einrichtungen und Pfarren. Von Gregor Mayntz

Der "Lern- und Entwicklungsprozess" ist laut dem Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, noch nicht abgeschlossen, vor neuen Rückschlägen nicht gefeit und gehe nun eher in eine Phase, in der eine "Kultur der Achtsamkeit" entstehe.

2013 war eine externe wissenschaftliche Aufarbeitung gescheitert, weil die Bischöfe das Vertrauen in den Kriminologen Christian Pfeiffer verloren hatten und dieser sich über "Zensur- und Kontrollwünsche" der Kirche beklagte. Nun haben die Bischöfe einen neuen Anlauf genommen und für knapp eine Million Euro vier Institute in Mannheim, Heidelberg und Gießen mit einer intensiven Untersuchung beauftragt. Inzwischen sind schon 46 Opfer (von vorgesehenen 150) und sechs Täter (von vorgesehenen 70) stundenlang interviewt worden, um den Umständen des Missbrauchs auf die Spur zu kommen und um Ursachen und Folgen zu klären. Erster Befund: Zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung, Priester zu werden, hätten die Täter ein unklares Verhältnis zur Sexualität gehabt.

Gleichwohl soll die Studie einen möglichen Zusammenhang von Zölibat und Missbrauch nicht schwerpunktmäßig untersuchen. Nach anderen Erhebungen seien katholische Priester davon nicht stärker betroffen als evangelische Pfarrer oder Sporttrainer. Personalakten und Aufzeichnungen aus Strafprozessen sollen den Wissenschaftlern zur Verfügung stehen, soweit sie Kirchenmitarbeiter ausgewertet und ausgewählt haben.

Ackermann bescheinigte der eigenen Kirche im Rückblick eine "erschreckende Unprofessionalität" im Umgang mit Missbrauch. Pater Hans Zollner, der in Rom den kirchlichen Kinderschutz koordiniert, sprach von dem "großen Erstaunen", dass es zwar eine staatliche strafrechtliche, aber keine kirchliche theologische Auseinandersetzung mit dem Missbrauch gebe. Es seien auch keine innerkirchlichen Verfahren bekannt, zumal es kaum ausgebildete Juristen gebe, die sich im Kirchenstrafrecht auskennen.

Ein flächendeckendes Umdenken schilderte Mary Hallay-Witte, Sprecherin der Bistums-Präventionsbeauftragten: 75 Prozent des hauptamtlichen Personals seien inzwischen geschult, allerdings berichteten immer noch Priesteramtsabsolventen, während ihrer Ausbildung zu keiner Zeit für dieses Thema sensibilisiert worden zu sein.

Die Verfasser der bis 2017 entstehenden Studie relativierten die Erwartungen. Es werde zwar "Kennzahlen", aber keine verlässlichen Erhebungen geben. Eine neue Zahl nannte Ackermann gleichwohl: Inzwischen seien rund 1500 Anträge von Missbrauchsopfern bewertet worden - zu 95 Prozent mit der Empfehlung, Zahlungen zu leisten. Diese lägen im Schnitt bei 5000 Euro, teilweise auch deutlich darüber. Und es kämen immer noch neue Anträge hinzu.

Quelle: RP
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