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Weihnachtspredigten: Kirchen kritisieren Gier der Finanzmärkte

zuletzt aktualisiert: 25.12.2008 - 12:48

Bonn (RPO). "Unmenschlich", "unmoralisch", "maßloß", "gierig" - mit harten Worten haben die christlichen Kirchen in Deutschland an Weihnachten die Entwicklungen an den internationalen Finanz- und Wirtschaftsmärkten kritisiert. Sie fordern eine Rückbesinnung auf Werte und die Grundlagen des menschlichen Miteinanders.

Bei ihren Weihnachtspredigten haben die deutschen Bischöfe und Kardinäle dazu aufgerufen, die Krise als Chance zu nutzen. Sie appellierten an die Christen, sich aus dem Glauben heraus aktiv für die Gesellschaft einzusetzen.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, ermutigte dazu, aus der Finanzkrise auch Positives mitzunehmen. Dazu gehöre etwa neuer Mut zu Regeln und Verantwortung sowie ein klares Bekenntnis zum sozialen Ausgleich und zur Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Auch Entwicklungshilfe und Klimaschutz dürfe man nicht aus den Augen verlieren.

Zollitsch sprach sich für Hilfsmaßnahmen zum Erhalt von Banken und Schlüsselindustrien aus, warf aber zugleich die Frage auf, ob dabei genügend an die Menschen gedacht werde, denen all dies zugute kommen soll. "Es macht mehr als nachdenklich, wenn wir über Nacht zur Lösung von Finanz- und Wirtschaftsproblemen Milliardenbeträge bereitstellen und andererseits die Mittel fehlen, um das Kindergeld um mehr als zehn Euro im Monat zu erhöhen oder die Bezuschussung für Kindergärten und Schulen in der erforderlichen Weise auszubauen", sagte er.

Von Christen dürfe mehr erwartet werden als Kritik aus der warmen Wohnzimmerstube "am kühlen, unmenschlichen Finanzgebaren mancher Banker oder dem unmoralischen, weil gierigen Wirtschaften einiger Manager". Die Frage sei, "ob wir auch selbst in der Lage sind, auf einen liebgewonnenen Vorteil zu verzichten, um anderen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen", sagte Zollitsch.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, erinnerte an das Hoffnungswort der Engel: "Fürchtet euch nicht". Die Kirche trete "energisch einem Verhalten entgegen, das persönliche Freiheit ausnutzt und persönliche Verantwortung vernachlässigt". Huber kritisierte zudem die Konsumappelle von Wirtschaftsexperten. Wichtig sei es, "nicht den Sinn für Nachhaltigkeit zu verlieren".

Der evangelische Bischof forderte in seiner Weihnachtsbotschaft von den Gläubigen mehr Solidarität. "Meine Sorge gilt ganz besonders denen, die in wachsender Zahl an den Türen der Suppenküchen warten, die auf eine Mahlzeit bei der Armentafel hoffen, weil sie sich anderes schlicht nicht leisten können." Vor allem Kinder gehörten in einem beängstigend hohen Maß dazu. Huber dankte denjenigen, die sich für die Benachteiligten einsetzen. Hilfe für die an den Rand Gedrängten müsse aber auch nachhaltig angelegt sein, damit sie wieder am Leben der Gesellschaft teilnehmen und mit eigener Kraft den Lebensunterhalt erwerben könnten.

In einem Interview der "Berliner Zeitung" hatte der EKD-Ratsvorsitzende zuvor das Gewinnstreben von Managern angeprangert. Er erwarte, dass nie wieder ein Vorstandsvorsitzender der größten deutschen Bank ein Renditeziel von 25 Prozent vorgebe, sagte Huber in Anspielung auf Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Nachhaltige Wertsicherung müsse Vorrang vor dem kurzfristigen Gewinn und der Bezahlung der Bankiers haben.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat dazu aufgerufen, das Weihnachtsfest zur Überprüfung des eigenen Lebensstils zu nutzen. Heute sei das Leben zumindest im Westen zu sehr von Maßlosigkeit, Abgrenzung gegeneinander, ängstlicher Sorge um sich selbst und Egoismus bestimmt. Dies sei die Ursache für viele der heutigen Krisen, sagte Schick in seiner Weihnachtsansprache im Bamberger Dom.

Nicht nur Spitzenmanager, sondern auch viele "wie Du und ich" seien maßlos gewesen in ihrer Gier. "Immer mehr, immer luxuriöser, immer schneller", sei die Devise gewesen. Dieser Lebensstil mache aber menschlich arm und verbreitere die Kluft von Wohlhabenden und Bedürftigen. Außerdem zerstöre er die Umwelt und fördere soziale Kälte.

Ebenfalls skeptisch äußerte sich die Hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann. Die "Milliardenschutzschirme für Banken" erzeugten bei ihr ein gewisses Unbehagen. "Woher kommt dieses Geld? Wäre es nicht auch in der Pflege, in der Aufstockung von 'Hartz IV', bei Familien gut angebracht?", fragte die evangelische Landesbischöfin.

Der Münchner katholische Erzbischof Reinhard Marx kritisierte Fehlsteuerungen im Wirtschaftssystem. "Eine Wirtschaft, die sich nicht am Menschen orientiert, die die Würde des Menschen nicht in den Mittelpunkt stellt, zerstört letztlich die Grundlagen des menschlichen Miteinanders", sagte er. Weihnachten ermutige zu einer Neubesinnung.

Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz van Elst warnte mit Blick auf den Finanzplatz Frankfurt: "In den glitzernden Wolkenkratzern des Geldes und Kommerzes geht der Ausblick verloren, wenn Menschen sich im Sog des immer mehr und immer höher verlieren."

Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen forderte eine "Globalisierung der Nächstenliebe". Zur Stärkung der Wirtschaft würden jetzt Milliarden eingesetzt, sagte Thissen im Hamburger Mariendom. "Aber nicht vorhanden waren sie und sind sie für den Kampf gegen den tausendfachen täglichen Hungertod im Süden der Erde".

Für den Rottenburger Bischof Gebhard Fürst zeigt die Finanz- und Wirtschaftskrise die Konsequenzen eines falschen Menschenbildes auf. Es sei bezeichnend, dass vorrangig von der Rettung der Banken und der Industrien die Rede sei, wenn heute von Rettung gesprochen werde, so Fürst. Wie selten zuvor sähen sich die Menschen an diesem Weihnachtsfest vor die Alternative gestellt: "Gott oder der Mammon?"

Der Hildesheimer katholische Bischof Norbert Trelle kritisierte ebenfalls die Gier der Finanz- und Wirtschaftsmärkte. Zu viele Menschen lebten nach der Devise: "Lasst uns reich und immer reicher werden, auch wenn dadurch andere immer ärmer werden". Ein Tausch, der nur noch das Ziel habe, den größtmöglichen Gewinn auf Kosten anderer zu machen, zerstöre jedoch jedes menschliche Zusammenleben.

Der Aachener katholische Bischof Heinrich Mussinghoff verurteilte Ausländerhass und Rechtsradikalismus. "Wir wollen keine Gewalt, keiner soll bei uns Angst haben müssen", sagte er im Aachener Dom. Anlass war ein Neonazi-Aufmarsch am Mittwochmorgen in der Innenstadt. "Solche Demonstrationen wollen wir nicht", so Mussinghoff. An der Demonstration hatten rund 40 Neonazis teilgenommen. Hunderte Bürger protestierten gegen den Aufzug.

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hob die Bedeutung des Weihnachtsereignisses für die Weltgeschichte hervor. Die Geburt Jesu in der Futterkrippe eines Stalles zu Bethlehem sei zum Ausgangspunkt einer neuen Zeitrechnung geworden, sagte der Erzbischof im Kölner Dom. In der Nähe eines Kindes wachse etwas wie "Geschwisterlichkeit aller zu allen".

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann warnte davor, das Weihnachtsfest auf eine "kuschelige Atmosphäre" zu beschränken. Weil Gott als "Licht in die Finsternis" gekommen sei, dürfe man auch heute nicht die vielen Menschen vergessen, die "in der Finsternis leben und nach Gerechtigkeit hungern", sagte er im Mainzer Dom. Der Christ sei kein Träumer, sondern schaue der Finsternis und dem Bösen offen ins Gesicht.

Quelle: KNA

 
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