Weihnachtspredigten in Deutschland: Kirchen kritisieren Leistungsdruck und Gnadenlosigkeit
zuletzt aktualisiert: 26.12.2009 - 13:13Frankfurt/Main (RPO). Die Kirchen in Deutschland haben an Weihnachten zu mehr Zusammenhalt und Solidarität in der Gesellschaft aufgerufen. In ihren Predigten und Ansprachen warnten katholische und evangelische Bischöfe auch davor, aus der Wirtschafts- und Finanzkrise zu wenig Konsequenzen zu ziehen. Laut Umfragen wollte jeder zweite Deutsche an Weihnachten einen Gottesdienst besuchen.
Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Margot Käßmann, erinnerte an Heiligabend in Hannover an den Tod des Nationaltorhüters Robert Enke. "Nichts ist gut, wenn bei uns durchgängig eine Atmosphäre der Gnadenlosigkeit herrscht und alle immer stark sein müssen - wie unmenschlich", hieß es in der Weihnachtspredigt der Landesbischöfin von Hannover.
Zollitsch: Auch der Freiburger Erzbischof forderte zu mehr Mitmenschlichkeit mit Schwachen und Kranken sowie zu einer Rückbesinnung auf die Grundwerte der Gesellschaft auf. "Das Zerbrechliche und Schwache, das am Rande Stehende und Unscheinbare - es zählt nicht in unserer Gesellschaft, in der es um Leistung und Erfolg geht, in der sich die Stärkeren durchsetzen", sagte Zollitsch bei seiner Predigt im Freiburger Münster.
Schon auf Kinder werde "ungeheurer" Druck ausgeübt, damit sie auf eine höhere Schule kämen. "Ohne gute Schulnoten, so bekommen es schon unsere Jüngsten mit, kann es keine gute Perspektive fürs Leben geben, wirst du ein Versager", kritisierte Zollitsch.
Im Beruf gebe es Druck, Überdurchschnittliches zu leisten und viel zu verdienen. Zudem müsse man heutzutage selbst im höheren Alter noch jugendlich und sportlich aussehen. "Immer mehr Menschen, junge und alte, nehmen Psychopharmaka, um diesem Druck standzuhalten", sagte der Erzbischof.
Käßmann: "Wir Menschen sind kein Rädchen im Getriebe, bei dem man die Stellschrauben weiter anziehen kann, damit alles noch besser und reibungsloser funktioniert. Wir sind vor allem auf Beziehung angelegt, darauf, dass wir mit Gott und miteinander in Kontakt treten und füreinander einstehen", erklärte Zollitsch. Das Weihnachtsfest erinnere daran, dass Liebe bedingungslos sein könne und nicht deshalb gelte, weil eine entsprechende Leistung erbracht worden sei.
Die evangelische Bischöfin Käßmann rief die Christen auf, sich für mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt einzusetzen. Die Weihnachtsbotschaft mache Mut, für Vertrauen, Gerechtigkeit und Solidarität einzutreten, erklärte sie in Hannover.
Sie kritisierte die Teilnehmer des Klimagipfels in Kopenhagen. "Die Verhandlungen sind gescheitert an mangelndem Mut, an mangelnder Entschlossenheit und am Egoismus vieler." Das sei nicht nur blamabel, sondern dramatisch. Nur mit gemeinsamem Handeln könne man den Planeten für spätere Generationen bewahren.
Käßmann rief zudem dazu auf, mit mehr Fantasie eine Lösung für den Konflikt in Afghanistan zu suchen. "Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan." Es gebe andere Formen, Konflikte zu bewältigen. So seien vor 20 Jahren die Kerzen und Gebete in der DDR belächelt worden.
Meisner: Der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, erinnerte in seiner Predigt an die Zustände in der heutigen Zeit und rief die Menschen auf, zu staunen und dankbar für die Liebe Gottes zu sein. Schließlich liebe er die Welt, wie sie sei: "Trotz Geiselnahmen, trotz der Selbstmordkommandos, trotz der Millionen Menschen, die verhungern, trotz der millionenfachen Abtreibungen, trotz der Wirtschaftkrisen und der militärischen Rüstungen, trotz all dieser Menschen, die der Apostel Paulus auch heute genauso wie damals nennen würde: verleumderisch, gottfeindlich, überheblich, hoffärtig, herzlos und ohne Erbarmen."
Lehmann: Der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, rief die Menschen auf, zu mehr Ehrfurcht vor dem Leben, Solidarität und Mäßigung auf. "Dann brauche ich nicht mehr über die Bankenkrise mit ihren finanziellen und wirtschaftlichen Folgen, über die Verwüstung unserer Erde und unsere Unfähigkeit, ihr Einhalt zu gebieten, und viele Symptome der Unmenschlichkeit predigen."
Marx: Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx appellierte an die Gläubigen, ungeachtet von Ängsten, Krisen und Katastrophen nicht aufzugeben. Christen seien in dieser Welt Träger der Hoffnung und des Mutes, sagte Marx im Münchner Liebfrauendom. Er warnte, in Bezug auf die Finanz- und Wirtschaftskrise werde derzeit der Eindruck erweckt, die alten Verhaltensweisen und Zielsetzungen seien weiter vorherrschend.
Sterzinsky: Jesus sei nicht in einem Palast geboren worden, sondern in ärmlichsten Verhältnissen, erinnerte der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky. Gesellschaftliche Konventionen hätten dabei keine Rolle gespielt. Dennoch könne die Weihnachtsgeschichte Mut machen, "Familie zu akzeptieren und zur Familie zu stehen".
Schneider: Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, wandte sich gegen Lebensgier und Selbstsucht. Die Menschen dürften sich nicht darauf reduzieren lassen, Käufer oder Verkäufer zu sein, zu produzieren oder zu konsumieren, mahnte er in der Düsseldorfer Johanneskirche.
Overbeck: Der neue Essener Bischof Franz-Josef Overbeck rief zu größeren Anstrengungen für soziale Gerechtigkeit auf. Aus dem Antlitz von Arbeitslosen, "die zum Spielball verschiedener Interessen jenseits der Achtung ihrer Würde werden", blicke Gott die Menschen an.
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