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Kirchentag in Berlin
Obama möchte ein "Coach" für junge Menschen sein

Kirchentag in Berlin: Obama begeistert, Merkel profitiert
Der Besuch des 44. US-Präsidenten in Berlin gilt als einer der Höhepunkte des Kirchentages. 70.000 Zuschauer erlebten vor dem Brandenburger Tor einen charmanten Barack Obama, der aus seiner Zuneigung für Bundeskanzlerin Angela Merkel keinen Hehl machte.  Von Franziska Hein, Berlin

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel hätte es nicht besser laufen können: Direkt zu Beginn legte Barack Obama ein Freundschaftsbekenntnis ab. "Während meiner Präsidentschaft war Angela Merkel eine meiner liebsten Partner", sagte der US-Präsident vor 70.000 jubelnden Kirchentagsbesuchern vor dem Brandenburger Tor. Obama saß dort am Donnerstag neben Merkel auf dem Podium und sprach zum Thema "Engagiert Demokratie gestalten". Moderiert wurde die Veranstaltung vom EKD-Ratsvorsitzenden und bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und der Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au.

Und auch ansonsten machte Obama keinen Hehl aus seiner Zuneigung für die Bundeskanzlerin. Immer wieder nannte er sie beim Vornamen und pflichtete ihr beim Thema Flüchtlingspolitik bei. So ein Auftritt ist fünf Monate vor der Bundestagswahl für Angela Merkel unbezahlbar. Die Kanzlerin musste nichts weiter tun, als da zu sitzen und zustimmend zu nicken. 

Obama spricht über seine Präsidentschaft

Heinrich Bedford-Strohm wollte zu Beginn von Obama wissen, wie er nun auf die Zeit seiner Präsidentschaft blicke. Dem Ratsvorsitzenden ist es auch zu verdanken, dass Obama in Berlin auftritt. Seit Jahren pflegt Bedford-Strohm gute Kontakte in die USA. In den vier Monaten, die seit der Amtseinführung von Donald Trump vergangen sind, habe er versucht, mehr zu schlafen, sagte Obama. Und er verbringe endlich wieder mehr Zeit mit seiner Ehefrau Michelle. "Ich bin sehr stolz auf das, was ich als Präsident geschafft habe", sagte Obama.

Er bedauere aber, dass es ihm nicht gelungen sei, allen Amerikanern Zugang zu medizinischer Versorgung zu ermöglichen. Was bisher erreicht worden sei, sei jetzt insgesamt bedroht. Am Mittwoch war bekannt geworden, dass bis zu 23 Millionen Amerikaner innerhalb der kommenden zehn Jahre ihre Versicherung verlieren könnten. Dank "Obamacare" hatten 20 Millionen Amerikaner erstmals Zugang zu einer Krankenversicherung bekommen. Seinen Amtsnachfolger Trump erwähnte Obama mit keinem Wort. 

Um den Präsidenten zu sehen, warteten viele Zuschauer schon seit dem frühen Morgen vor dem Brandenburger Tor. Die Sicherheitsbedingungen waren streng, rund 2000 Beamte waren nach Polizeiangaben im Einsatz. Wer auf den Pariser Platz wollte, musste erst seine Tasche kontrollieren lassen. Auf den umliegenden Gebäuden des Brandenburger Tors waren Scharfschützen positioniert. 

Barack Obama beim Kirchentag in Berlin FOTO: rtr, FAB/

Merkel bringt die Besucher zum Lachen

Die, die es vor die Bühne geschafft hatten, erlebten eine gelöste Bundeskanzlerin und einen charmanten Präsidenten. Obama genoss den Auftritt in Deutschland. Immer wieder schallten "Obama, Obama"-Rufe aus dem Publikum nach vorne zur Bühne. Einige Besucher hatten sogar Spruchbänder mitgebracht, auf denen "We want you back" stand. Unter den Zuschauern waren auch der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx. 

Das Publikum hatte gelegentlich etwas zu lachen: Angela Merkel wies etwa Heinrich Bedford-Strohm humorvoll zurecht. Dieser hatte zu einer Frage angesetzt: "Wenn ich heute direkt neben dem einst mächtigsten Mann der Welt sitze..." Weiter kam er nicht, denn er fing Merkels irritierten Blick auf. Die ließ es sich nicht nehmen, ihre Position deutlich zu machen: "Direkt neben Ihnen sitze erst einmal ich", sagte sie. 

Buh-Rufe für Äußerung zu Abschiebungen

Buh-Rufe erntete Merkel aber mit einer Äußerung zur Flüchtlingspolitik. Der EKD-Ratsvorsitzende konfrontierte sie mit dem Thema Abschiebung. Viele Menschen, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einsetzen, könnten nicht verstehen, warum manche ihrer Schützlinge abgeschoben würden, obwohl diese bereits gut integriert seien. Merkel verteidigte die Abschiebungen – auch nach Afghanistan. "Wir müssen die Menschen schneller nach Hause schicken und die Verfahren weiter beschleunigen", sagte sie. Sie wisse, dass sie sich damit nicht beliebt mache bei den Zuhörern, die sie dafür laut ausbuhten. "Wenn sie Bundeskanzlerin sind, gehört das mit zu den schwierigsten Themen."

Obama sprang Merkel bei. Er betonte, dass ein Staat begrenzte Ressourcen habe. "Es ist die Aufgabe der Regierung, Barmherzigkeit und Solidarität zu zeigen, aber auf der anderen Seite, haben wir eine Verantwortung gegenüber unseren Bürgern." 

Kirchentagspräsidentin Christiana Aus der Au bemühte sich in der Folge, das Gespräch auch auf die religiöse Prägung der beiden Politiker zu lenken. Vor allem Merkel machte klar, wie ihr Glaube sie in ihrer Politik beeinflusst. "Mein Glaube bedeutet für mich, dass es etwas über mir gibt, in mir gibt, dass ich ein Geschöpf Gottes bin mit Stärken, aber auch mit begrenzten Fähigkeiten. Und das heißt, dass ich Fehler machen kann, und das lehrt mich Demut", sagte sie. 

Obama verteidigt Drohneneinsätze im Krieg gegen Terror

Im zweiten Teil der Podiumsdiskussion stellten vier junge Leute, die gerade an einem Austauschprogramm der Obama-Foundation teilnehmen, Fragen an Merkel und Obama. Ein 21-jähriger Informatikstudent aus Mannheim etwa wollte von Obama wissen, wie der Friedensnobelpreisträger mit ungewollten Toten von Drohnenangriffen umgehe. "Drohnen sind nicht das Problem, sondern der Krieg ist es", sagte Obama. Der Kampf gegen Terroristen sei kein Kampf gegen Staaten, sondern gegen Gruppen, die im Schatten operierten. 

Zuletzt brach Obama noch eine Lanze für die junge Generation. Egal wie alt man sei, man könne die Welt verändern, sagte er. Jesus sei auch nicht lange auf dieser Welt gewesen, aber er habe sie verändert. Das rief kollektives Schmunzeln hervor. "Ich möchte ein guter Coach sein", sagte Obama. 

Etwa eineinhalb Stunden dauerte der gemeinsame Auftritt von Merkel und Obama. Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber, der auch unter den Gästen war, sprach anschließend von einer "gelungenen" Diskussion. "Beide haben auf ihre Weise glaubwürdig gezeigt, was ihr christlicher Glaube für sie bedeutet und warum sie gleichzeitig sagen, wir können christliche Maßstäbe nicht eins zu eins in der Politik umsetzen. Erstens, weil man nie etwas zu 100 Prozent umsetzen kann, und zweitens, weil wir in pluralistischen Gesellschaften leben."

 
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